Der Kampf gegen Frauenhandel geht weiter

  • Tagung - 29.04.2021

Gerade einmal 16 Jahre war Sandra Norak, als sie über das Internet einen jungen Mann kennenlernte. Er sollte sich als „Loverboy“ entpuppen. Doch zunächst war es die große Liebe, die alle Probleme – Eltern getrennt, Mutter psychisch krank – vergessen ließ. Irgendwann hatte sich die emotionale Beziehung so stark entwickelt, dass das junge Mädchen alles für ihren Freund, der angeblich Schulden hatte, tun wollte: „Denn wenn man einen Menschen liebt, dann hilft man ihm auch.“

Was folgte, war nicht mehr sehr romantisch. In einem Flatrate-Bordell wurde die junge Frau „zugeritten“, wie es Zuhälter ausdrücken. Sie müsse da jetzt eben durch, habe ihr Freund gesagt und ihr täglich 20 Freier zugeführt. So würden Frauen, die noch etwas Widerstand leisten wollten, gebrochen, sagte Norak. Bis sie sich selbst und vor allem auch Behörden gegenüber verteidigen, was sie vermeintlich freiwillig tun. Norak schaffte es später, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien. Wer ihr zuhört, wenn sie ihre Geschichte erzählt, kann nur erahnen, wie schwer dies gewesen sein muss.

„20 Jahre Aktionsbündnis gegen Frauenhandel – Der Kampf geht weiter“ lautete die am Mittwoch digital veranstaltete Jubiläumstagung. Eingeladen hatte das Bündnis, dem neben dem katholischen Osteuropahilfswerk Renovabis auch andere kirchliche und gesellschaftliche Gruppierungen angehören, zusammen mit der Hanns-Seidel-Stiftung. Nach dem Fall des Eisernen Vorhang hatten sich 2000/2001 Gruppen zusammengeschlossen. Sie wollten etwas tun gegen den zunehmenden Handel mit Frauen aus Osteuropa, die mit falschen Versprechungen von einem besseren Leben nach Deutschland gelockt wurden und letztlich in der Prostitution landeten.

Mit falschen Versprechen nach Deutschland gelockt

Es sei nicht einfach für diese Verbände und Organisationen gewesen, sich zu vernetzen und Vertrauen zu Ordnungsbehörden aufzubauen, sagte Ursula Männle. Die CSU-Politikerin und spätere Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung berichtete, wie auch sie für das Thema der sexuellen Ausbeutung von Frauen weltweit sensibilisiert werden musste. Eine Reise nach Thailand mit einer Gruppe junger Politiker habe ihr die Augen geöffnet, als sie völlig erschüttert erkannt habe, mit welcher Begeisterung sich diese Männer angesichts des Angebots vergnügt hätten.

Schwester Lea Ackermann wurde mit dem Elend der Frauen, die ihren Körper aus Not an Touristen verkauften, in Kenia konfrontiert. Als die Ordensfrau wissen wollte, wie es ihnen damit gehe, kam als Antwort: „Meinen Sie, es macht Spaß, mit jedem Trottel abzuziehen, sich Krankheiten zu holen, mal Geld zu haben, mal keins?“ Ab da sei für sie klar gewesen, es müsse sich etwas ändern. „Dem lieben Gott habe ich gesagt, ich tue was für deine chancenlosen Töchter, lass du mich bloß nicht hängen.“ Der Deal funktionierte. Ihr Verein Solwodi verfügt heute in Deutschland und international über Beratungsstellen und andere Frauenhilfe-Einrichtungen.

In Schweden steht der Kauf von Sex bereits unter Strafe

Geht es nach ihr und all den Frauen, die in der Beratungs- und Hilfearbeit tätig sind, sollte in Deutschland bald gelten, was in Schweden und Frankreich bereits eingeführt ist. Dort ist der Kauf von Sex unter Strafe gestellt. Das deutsche Prostitutionsschutzgesetz schütze mehr die Bordelle als die Frauen, so Ackermann. Und auch Norak sagte, mit einer solch liberalen Gesetzgebung, die Prostitution als Beruf ansehe, ließen sich Frauen leichter überzeugen, Bedenken hintanzustellen. Schließlich sei das doch, so die Branche, ein Beruf „wie jeder andere“.

Die Verletzungen, die dieser „Beruf“ hinterlässt, die Traumata und das verlorene Selbstwertgefühl, damit werden täglich die Beraterinnen von Einrichtungen wie „Jadwiga“ oder „STOPP den Frauenhandel“ konfrontiert. Ein angestrebter Prozess brauche eine lange Vorbereitung. Selbst dann könne es Überraschungen geben. Als Renate Hofmann von Solwodi mit der von ihr betreuten Frau im Gericht war, habe diese einen Anwalt als früheren Kunden wiedererkannt. Für Hubertus Andrä, dem früheren Münchner Polizeipräsidenten, steht jedenfalls fest: „Wer ins Bordell geht, unterstützt die organisierte Kriminalität und begeht einen Verstoß gegen die Menschenwürde.“

Laut Schätzungen sind rund 40 Millionen Menschen auf der Welt Opfer von moderner Sklaverei und organisiertem Menschenhandel. Sie werden als Zwangsarbeiter und, vor allem Frauen und Kinder, als Prostituierte oder auch für den Organhandel ausgebeutet. Im Kampf gegen den Menschenhandel setzt die Kirche auf internationale und interreligiöse Zusammenarbeit.


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Von Barbara Just (KNA)

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