„Ich möchte wieder zur Schule gehen“

  • Corona-Pandemie - 27.02.2021

Seit März vergangenen Jahres sind die staatlichen Schulen in Indien wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Viele Jungen und Mädchen können nicht am digitalen Unterricht teilnehmen. Diese Kinder und Jugendlichen fühlen sich abgehängt. Die Don Bosco Schwestern im südindischen Bangalore helfen den Kindern und ihren Familien.   

Es ist Freitagmorgen, der letzte Schultag vor dem Wochenende. Tanya* verfolgt aufmerksam den Biologie-Unterricht. Konzentriert schaut sie auf ihr Smartphone. Eigentlich ein ganz normaler Unterrichtstag, aber das täuscht. Die Lernsituation für die 13-jährige Tanya aus dem Dorf Bandapura in der Nähe der südindischen Metropole Bangalore hat sich stark verändert.

Seit fast einem Jahr kann Tanya nicht mehr die 8. Klasse ihrer Schule besuchen. Die von Don Bosco Schwestern geführte englischsprachige Auxilium School ist seit März 2020 wegen Corona geschlossen. Tanya lernt seitdem von zu Hause aus. Digitales Lernen ist in Zeiten der Corona-Pandemie für die meisten Kinder Indiens zur zwingenden Realität geworden. Aus einer vorübergehend geplanten Schließung der Schulen wurde am 25. März 2020 ein nationaler Lockdown, der das Schuljahr für die meisten Kinder Indiens beendete.

„Der Start in das Schuljahr 2020 war wirklich hart.  Viele Familien haben durch Corona finanzielle Probleme. Das führte auch dazu, dass sie die Schulgebühren nicht mehr bezahlen konnten“, erklärt die Leiterin der Auxilium Schule, Sr. Jissy Chandy FMA.  Ohne Schulgebühren könnten auch die Gehälter der Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr bezahlt werden. Rund 800 Schülerinnen und Schüler besuchen die Schule der Don Bosco Schwestern.

Das digitale Lernen bringt zahlreiche Herausforderungen und Probleme mit sich

Der 13-jährige Sampath* kann nicht am Online-Unterricht  teilnehmen. In seiner Familie gibt es nur ein Handy und das benötigt sein ältester Bruder. 

©Don Bosco Mission Bonn/Nishant Ratnakar/ichtv

„Erfreulicherweise hat das aber die meisten unserer Kolleginnen und Kollegen nicht daran gehindert, weiter zu arbeiten. Sie haben sich zu Hause überlegt, wie sie den Unterricht auch ohne Präsenz gestalten können." In der Schule haben sie dann Lernvideos vor allem für die kleineren Schülerinnen und Schüler erstellt. Zurzeit wird eine kostenfreie interaktive Lern- Plattform für den Unterricht genutzt. Dies sei grundsätzlich positiv, aber das digitale Lernen bringe auch zahlreiche Herausforderungen und Probleme mit sich, erklärt Sr. Jissy Chandy. Das größte Problem sei, dass nicht alle Kinder und Jugendlichen Zugang zu einem Smartphone, Laptop oder stabilem Internet hätten.

So wie  Sampath*: Der 13-Jährige hat seit einem Jahr an keinem Unterricht mehr teilgenommen. In der fünfköpfigen Familie gibt es nur ein Handy und das braucht sein ältester Bruder bei der Arbeit. So können weder Sampath noch sein jüngerer Bruder zu Hause zu lernen. Sein Traum Softwareentwickler zu werden, rückt dadurch in weite Ferne.

„Vor Corona ging es unserer Familie relativ gut. Ich habe in fünf Appartements geputzt. Durch den Lockdown habe ich dann fast alle meine Jobs verloren. Drei Monate lang hatte ich überhaupt keine Arbeit“, beklagt Sampaths Mutter. „Das Geld, das ich jetzt verdiene, reicht nicht mal um den täglichen Bedarf an Nahrungsmitteln zu decken. Wie soll ich dann Handys für meine Kinder kaufen?“  

„Ich vermisse es, regelmäßig zur Schule zu gehen und mit den anderen zu lernen. In der Schule kann ich mich viel besser konzentrieren und mit meinen Mitschülerinnen spielen.“

— Tanya*, 13 Jahre

Anstieg bei psychischen Störungen

„Wir sorgen uns am meisten um die Kinder, die nicht am Online-Unterricht teilnehmen können. Sie fühlen sich abgehängt und isoliert. Denn sie dürfen das Haus nicht verlassen und auch keine Freunde treffen. Das wird Spuren bei den Kindern hinterlassen. Sie sind ständig Stress ausgesetzt und werden depressiv. Und auch ihre intellektuellen Fähigkeiten leiden, wenn sie nicht mehr gefordert sind“, erklärt Sr. Rosy FMA. Die 70-jährige Don Bosco Schwester ist seit acht Jahren Direktorin des Centre for Development and Empowerment of Women Society (CDEW Society) in Bangalore. Das Zentrum arbeitet eng mit der Schule zusammen.

Während der Pandemie habe die Zahl an Selbstmorden zugenommen. „Viele Menschen sind verzweifelt, weil sie keinen Job, kein Geld mehr haben. Die Familien kämpfen ums Überleben. Psychische Störungen, wie Depressionen sind gestiegen. „Für viele Menschen – auch Kinder und Jugendliche – ist dann Selbstmord oft der letzte Ausweg“, beklagt die 70-Jährige.

Der Vater von Tanya ist Schweißer und die Mutter arbeitet als Haushaltskraft in der Auxilium School. Mit ihrem geringen Einkommen können sich die Eltern nicht mehr als ein Smartphone leisten. Tanya und ihre kleinere Schwester Gina* müssen sich das Smartphone teilen.

„Ich vermisse es, regelmäßig zur Schule zu gehen und mit den anderen zu lernen. In der Schule kann ich mich viel besser konzentrieren und mit meinen Mitschülerinnen spielen. Zu Hause fällt es mir viel schwerer, mich zu konzentrieren. Ich bin viel schneller abgelenkt und gelangweilt. Hinzu kommt, dass ich den ganzen Tag auf meine kleine Schwester aufpassen muss, da meine Eltern arbeiten gehen“, erklärt Tanya.

Die siebenjährige Gina* schaut sich Lernvideos an. Sie geht noch zur Grundschule und hält Kontakt mit den Lehrerinnen und Lehrern über WhatsApp.

©Don Bosco Mission Bonn/Nishant Ratnakar/ichtv

Für die Eltern ist es sehr belastend, ihre Kinder alleine zu Hause lassen. „Als  sie in der Schule waren, dann wussten wir, dass die Kinder gut aufgehoben sind. Jetzt aber, wenn ich arbeite, denke ich den ganzen Tag an meine Töchter. Geht es Ihnen gut? Sind sie zu Hause? Haben sie die Tür abgeschlossen? Oder sind sie vielleicht nach draußen zum Spielen gegangen?“, sagt Jagadeesh, der Vater von Tanya und Gina.

 „Der erste Lockdown war hart für uns“, erklärt Frau Sabitha. Wir mussten Darlehen aufnehmen, um über die Runden zu kommen. Als die Corona-Schutzmaßnahmen gelockert wurden, halfen uns die Don Bosco Schwestern mit Lebensmittelpaketen. Das hat uns sehr geholfen, die Krise zu überwinden.“

Die Eltern hoffen, dass die reguläre Schule bald wiederbeginnt.“ Weder mein Mann noch ich haben eine höhere Schulbildung. Wenn Tanya Fragen hat, dann können wir ihr nicht weiterhelfen.“ Beide Elternteile wünschen sich, dass ihr Leben bald wieder zur Normalität zurückfindet. Vor allem wünschen sie sich für ihre Töchter eine sichere Zukunft.“ Wir möchten unseren Töchtern zu einer guten Zukunft verhelfen und dazu gehört der Zugang zu guter Bildung.  Eine Chance, die wir leider nie hatten.“

Auch Tanya hat nur einen Wunsch: „Corona und Lockdown sollen endlich vorbei sein, damit ich endlich wieder in die Schule kann."

*Namen geändert

© Text: Don Bosco Mission Bonn