Schwere Vorwürfe gegen „Speckpater“ Werenfried van Straaten

  • Umstrittener Priester - 11.02.2021

Er war ein moderner Bettelmönch. Für manche eine „Lichtgestalt“, eine marien-fromme Integrationsfigur vor allem der konservativen Katholiken. Doch jetzt droht ein Absturz. Gegen Werenfried van Straaten (1913-2003), den als „Speckpater“ berühmt gewordenen niederländischen Ordensmann, gibt es schwere Vorwürfe.

Der Gründer des internationalen katholischen Hilfswerkes „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ soll 1973 eine 20-jährige Frau sexuell bedrängt haben. Das berichtet die „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“ (Donnerstag) vorab. Dafür sei eine erhebliche Entschädigungssumme bezahlt worden: „Kirche in Not“ bestätigt am Mittwoch in diesem Zusammenhang eine Zahlung von 16.000 Euro für die Anerkennung erlittenen Leides im Jahr 2011. Zudem soll van Straaten laut „Christ & Welt“ der Familie nach dem Vorfall rund 20.000 Euro gezahlt haben - laut Hilfswerk allerdings als Ausgleich wegen ungerechter Behandlung im Rahmen des Arbeitsverhältnisses.

Die Vorwürfe seien im Vatikan schon seit zehn Jahren bekannt, schreibt „Christ & Welt“ weiter. Zwischen 2009 bis 2011 hatte der Paderborner Weihbischof Manfred Grothe im Auftrag von Papst Benedikt XVI. das Hilfswerk untersucht und 2010 den Präfekten der Kleruskongregation im Vatikan, Kardinal Mauro Piacenza, informiert. Die Vorwürfe: der Versuch des sexuellen Übergriffs, Maßlosigkeiten in der Lebensführung, erhebliche Defizite in der Personalführung sowie Anfälligkeiten für faschistoide Ideen.

Ein Seligsprechungsverfahren kam daraufhin nicht in Gang. Geheimhaltung war angesagt. Ein Jahrzehnt funktionierte das Schweigen. Erst kürzlich hat das Hilfswerk sich gegenüber „Christ & Welt“ von seinem Gründer distanziert. „Diese massiven Defizite des Verhaltens von Pater van Straaten sind nicht zu rechtfertigen“, schreibt die Organisation in einer Stellungnahme an die Zeitung. Öffentlich wurde das nicht: Das seit Jahren im Kölner Dom gefeierte Jahresgedenken rund um van Straatens Todestag am 31. Januar wurde in diesem Jahr ohne Angabe von Gründen abgesagt. Wer auf der Homepage von „Kirche in Not“ nach dem Niederländer sucht, findet keine Würdigungen mehr. Die früher offensiv angebotenen Werenfried-T-Shirts, Werenfried-Bücher und Werenfried-DVDs sind aus dem Online-Shop entfernt.

Das Hilfswerk „Kirche in Not" sprach am Mittwoch auf der Homepage von schweren Vorwürfen, die „zutiefst" bedauerlich seien. „Die Organisation distanziert sich umfassend von jeder Form des Verhaltens, wie es in dem Artikel Pater van Straaten vorgeworfen wird", erklärte der geschäftsführende Präsident, Thomas Heine-Geldern. Er sprach vom Vorwurf der sexuellen Nötigung in einem Fall. „Weitere Anschuldigungen sexualisierter Gewalt gegen Pater van Straaten sind bisher nicht bekannt."

„Kirche in Not“, seit 2011 Stiftung päpstlichen Rechts, engagiert sich weiterhin vor allem für die Verbreitung des Glaubens und verfolgte Christen. 2019 wurden 111,2 Millionen Euro weltweit in Projekte investiert. Das Hilfswerk folgt dabei einem betont konservativen Ansatz: Bedroht sieht man das Christentum auch durch den Liberalismus in den westlichen Demokratien. „Kirche in Not“ ist zur Plattform geworden für viele, die sich „als aufrechte Kämpfer gegen den Zeitgeist" sehen.

Die Vorwürfe gegen die lange so hoch verehrte Gründerfigur sind ein schwerer Schlag für „Kirche in Not“. Für die katholische Kirche in Deutschland verliert eine zweite, einst populäre Gründer-Gestalt an Glanz: Auch gegen den Schönstatt-Gründer Pater Josef Kentenich (1885-1968) waren in den vergangenen Monaten Vorwürfe des Machtmissbrauchs und sexueller Übergriffe laut geworden.

© Text: KNA