Die Stimmen der Opfer von Brumadinho

  • Brasilien - 04.12.2020

272 Menschen wurden unter den Schlammmassen begraben, als im Januar 2019 das Rückhaltebecken einer Eisenerzmine barst. Für die Adveniat-Partnerin Marina Oliveira und den Franziskaner Frei Rodrigo steht fest: „Es ist unsere Verantwortung, vor einem erneuten Verbrechen zu warnen.“

Marina Oliveira legt die Fotos von 270 Menschen und die Ultraschallbilder zweier ungeborener Kinder auf dem Kirchenboden aus. Es sind Porträts, Schnappschüsse, Alltagsbilder. Menschen, die lachen, im Kreis ihrer Familien, mit einem Fußballpokal oder in Arbeitsuniform. Es sind Menschen fast jeden Alters und aller Hautfarben.

In wenigen Minuten ist Marina Oliveira hier mit einem Bischof aus Österreich verabredet. Er will sich über die Folgen des Verbrechens informieren, das im Januar 2019 über die Kleinstadt Brumadinho im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais hereinbrach. Es war das größte Minendesaster in der Geschichte Brasiliens, 270 Menschen und zwei Ungeborene wurden getötet. Und bis heute sind die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen worden.

„Auch deshalb ist das Desaster für uns nicht vorbei“, sagt Marina Oliveira. Zu dem Treffen mit dem Bischof hat sie Angehörige von Opfern eingeladen. Oliveira eröffnet die Runde mit einem Lied. Dann betet sie. Ihr blasses Gesicht wird von halblangen rötlichen Haaren gerahmt. Die Erscheinung der 24-Jährigen hat etwas Madonnenhaftes. Viele Menschen setzen große Hoffnungen in die junge Frau. Obwohl sie selbst keine Angehörigen verloren hat, ist sie heute die Stimme der Betroffenen.

Marina Oliveira unterstützt Menschen, die durch die Katastrophe Angehörige verloren haben.

Florian Kopp/Adveniat

„Am Morgen des 25. Januar 2019 gingen 270 Menschen zur Arbeit in der Eisenerzmine Feijão des Bergbaukonzerns Vale“, setzt Marina Oliveira an. „Am Nachmittag lagen sie zerfetzt unter einer Schlammlawine.“ Die Schlammmassen schossen einen Hang hinunter und wälzten sich durch ein Tal. Sie rissen Menschen, Bäume, Häuser und eine Eisenbahnbrücke mit und ergossen sich schließlich in einen Fluss, der einst klares Wasser führte, aber heute schmutzig braun durch Brumadinho fließt.

Der drittgrößte Bergbaukonzern der Welt mit einem Gewinn von fast sieben Milliarden Dollar im Jahr 2018 hatte den Damm trotz Warnungen nicht ausreichend gesichert. „272 Menschen wurden von Vale ermordet“, sagt Oliveira. „Aus Profitgründen. Vale wusste, dass der Damm instabil war.“ Tatsächlich existieren interne Gutachten, in denen auf das Risiko eines Dammbruchs in Brumadinho hingewiesen wurde. Doch die Entscheidungsträger ignorierten die Hinweise. Sie wollten Kosten sparen.

In der Kirche hebt Marina Oliveira jetzt die Fotos von einigen der Getöteten auf, zeigt sie in die Runde und erzählt eine kurze Geschichte. So macht sie es bei jeder Versammlung, jeder Diskussion, jeder Pressekonferenz. Sie will erinnern, will verhindern, dass die Toten zu bloßen Zahlen werden. „Das ist Rangel, er war in meinem Alter, ging mit mir zur Schule, sein Körper wurde zerrissen, die Suchtrupps fanden nur einzelne Gliedmaßen von ihm.“ Das ist Rogério. Das ist Camila. Das ist Eva, das Evandro.

Trotz der Monstrosität des Verbrechens gibt sich die Politik zahm gegenüber Vale. Der Konzern ist der größte Eisenerzproduzent der Welt. Kaum ein Politiker traut sich, ihn stärker in die Verantwortung zu nehmen. Marina Oliveira nimmt es trotzdem mit Vale auf. Dabei hilft ihr der Glaube an Gott, wie sie sagt. Ihr Antrieb sei ein tiefes Gefühl der Empathie und Liebe. Und ein Bewusstsein für Gerechtigkeit.

Staubecken des Bergwerks in Brumadinho

Florian Kopp/Adveniat

Das Selbstverständnis von Vale machte demgegenüber Ex-Konzernchef Fabio Schvartsman nur sechs Tage nach dem Desaster deutlich, als er Vale als „brasilianisches Juwel“ bezeichnete. „Unsere Juwelen sind die 272 Menschen, die Vale umgebracht hat“, sagt Marina Oliveira in der Kirche. Sie spricht auch nicht von einem „Unfall“ oder einem „Ereignis“ wie die Vale-Verantwortlichen. Sie sagt: „Verbrechen!“

Marina Oliveira hatte ganz andere Pläne. Nur einen Tag vor dem Dammbruch hatte sie ihr Studium der Internationalen Beziehungen abgeschlossen und die Koffer gepackt. Sie wollte einen Job bei einer Unternehmensberatung in Kolumbien antreten. Als sich die Nachricht von der Katastrophe verbreitete, rief sie Freunde und ehemalige Mitschüler an, die in der Mine arbeiteten. Die Leitungen blieben stumm. Oliveira blieb in Brumadinho.

Sie traf sich mit den verzweifelten Angehörigen von Toten und Vermissten, mit Kleinbauern, die ihre Felder verloren hatten, mit Indigenen, die am Fluss Paraopeba leben, der seit dem Dammbruch verseucht ist. Ihr Charisma öffnete ihr Türen und Herzen, und sie wurde schließlich von der Erzdiözese in Belo Horizonte angestellt und vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt. Es gelang ihr, eine lebendige Opferbewegung ins Leben zu rufen und damit Druck auf Vale auszuüben. Gleichzeitig leistet sie Trauerbegleitung. „Jeder für sich allein ist schwach“, sagt sie. „Wir sind nur stark, wenn wir zusammenstehen.“

Schon bald könnte der nächste Damm in Brasilien brechen, sagt Frei Rodrigo.

Florian Kopp/Adveniat

Bei ihrem Kampf hat Marina Oliveira einen erfahrenen Mitstreiter: Frei Rodrigo Péret. Der Franziskaner arbeitet seit vielen Jahren im Netzwerk Kirche und Bergbau. „Wir helfen Gemeinden in ganz Lateinamerika, die vom Bergbau negativ betroffen sind, sich zu organisieren“, sagt er. Und so scheinen der 64-jährige Frei Rodrigo mit seinem transnationalen Ansatz und die 24-jährige Marina mit ihrem lokalen Blick zwar ein ungleiches Paar zu sein, ergänzen sich aber perfekt.

„Wir sehen, wie immer mehr Spekulationskapital in Minenkonzerne fließt“, sagt Frei Rodrigo. Gleichzeitig würden die staatlichen Institutionen zum Schutz der Umwelt und der Menschen immer weiter geschwächt. Die Folge: „Der Reichtum, der eigentlich allen gehört, fließt in die Hände von wenigen. Und was bleibt der lokalen Bevölkerung? Zerstörung und Uneinigkeit!“

Dass die Arbeit von Frei Rodrigo und Marina Oliveira dem Weltkonzern Vale nicht gleichgültig ist, wurde klar, als das Unternehmen versuchte, Marina mit einem Jobangebot auf seine Seite zu ziehen. Sie lehnte ab. „Früher träumte ich wie alle jungen Menschen in Brumadinho davon, für Vale zu arbeiten“, sagt sie. „Der Konzern dominierte alles. Nun hat er Brumadinho zerstört.“

Marina Oliveira und Frei Rodrigo fürchten nun, dass schon bald der nächste Damm in Brasilien brechen könnte. „Es ist unsere Verantwortung, vor einem erneuten Verbrechen zu warnen.“

Dossier

Trotz Landflucht lebt jeder Fünfte in Lateinamerika und der Karibik auf dem Land. Das bedeutet häufig auch, abgehängt und ausgeschlossen zu sein. Die Adveniat-Weichnachtsaktion 2020.


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© Text: Philipp Lichterbeck