Wie Geisterglaube dem Sexhandel dient

  • Interview - 22.11.2020

Immer mehr Frauen aus Nigeria müssen in Europa anschaffen gehen. Das Besondere an dieser Zwangsprostitution: Sie baut oft auf Voodoo- oder Juju-Zauber. Der Glaube an böse Geister hält die Opfer auch ohne körperliche Gewalt gefangen, wie Simon Kolbe sagt. Der 36-Jährige ist Doktorand am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU). Gemeinsam mit Kolleginnen hat Kolbe im Rahmen eines internationalen Forschungsprojektes ein Handbuch herausgegeben, das Sozialarbeiter beim Umgang mit „verfluchten“ Zwangsprostituierten unterstützen soll. Das Thema Religiosität ist dabei zweischneidig, wie in einem am Freitag veröffentlichten Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) mit Kolbe deutlich wird.

Frage: Herr Kolbe, wie führt der Geisterglaube in die Zwangsprostitution?

Kolbe: Die meisten nigerianischen Zwangsprostituierten stammen aus dem Bundesstaat Edo. Dort ist der Glaube an Geister Alltag. So glauben die Menschen etwa, dass gute Geister bei Heilungsprozessen helfen und dass böse Geister sie bei schlechten Taten in den Wahnsinn oder Tod treiben. In den vergangenen Jahren hat sich spiritueller Missbrauch in diesem Bereich etabliert.

Frage: Warum?

Kolbe: In Edo und Nigeria gibt es mehr und mehr Frauen in prekären sozialen Lagen und ohne Perspektiven. Diese bildungsfernen Personen – oft sind es noch Jugendliche – sind sehr empfänglich für Versprechungen von Menschenhändlerinnen, sie könnten in Europa in Frisörsalons oder als Hausmädchen arbeiten. Diese Empfänglichkeit begründet sich auch dadurch, dass man in Afrika die Flucht nach Europa oft einseitig positiv sieht. Was wiederum auch am Voodoo-Zauber liegt. Denn Betroffene dürfen nicht über ihre wahre Situation sprechen.

Frage: Wie läuft der spirituelle Missbrauch ab?

Kolbe: Wenn eine Frau sich nach Europa bringen lassen will, geht sie zu einem sogenannten Juju-Ritual. Das ist in Edo ganz normal. Über 90 Prozent der Nigerianer sehen Religion laut einer Studie als zentral für ihr Leben an. Bei dem Ritual sprechen Geistliche unter anderem Zaubersprüche, fügen den Mädchen Schnittwunden zu und verbrennen deren Kopf- und Schamhaare. Dabei werden Haare, Finger- oder Fußnägel oder auch die Unterwäsche als „Pfand“ einbehalten. Das kommt einem Vertragsschluss zwischen der Frau und ihrer Madam unter Vermittlung des Juju-Priesters gleich.

Frage: Madam?

Kolbe: So werden die Zuhälterinnen genannt, die den nigerianischen Menschenhandel kontrollieren. Es handelt sich tatsächlich hauptsächlich um Frauen. In dem Vertrag zwischen der Madam und der Frau wird festgehalten, dass die Fahrt nach Europa etwa 40.000 bis 100.000 Euro kostet. Diese Summe muss die Frau abarbeiten. Dafür, dass sie das auch unter den elenden Bedingungen der Zwangsprostitution tut, sorgt der beim Juju-Ritual gefestigte Glaube, dass bei Vertragsbruch zum Beispiel böse Geister die Betroffenen heimsuchen würden.

Frage: Wie viele solcher „verfluchten“ Frauen gibt es in Europa?

Kolbe: Einige Tausend. Das Bundeskriminalamt hat für 2016, 2017 und 2018 genau 25, 39 und 61 nigerianische Zwangsprostituierte identifiziert. Die Dunkelziffer ist aber wesentlich höher. Einer Erhebung zufolge sind bis zu 80 Prozent der Frauen aus Edo betroffen und Nigerianerinnen hierzulande inzwischen die viertgrößte Gruppe unter den Prostituierten. Deutschland spielt auf dem Feld wegen seiner offenen Gesetzgebung eine zentrale Rolle in Europa: Anderswo machen sich Freier strafbar – hier nicht.

Frage: Unter welchen Bedingungen leben die Frauen?

Kolbe: Sie schaffen meist illegal auf der Straße und in Bars an. Die Madams schicken sie über ihr internationales Netzwerk kreuz und quer über die Grenzen. Dabei erinnern sie die Frauen immer wieder an den Voodoo-Zauber.

Frage: Wie das?

Kolbe: Durch Psychoterror. Die Frauen kommen meist aus großen Familien, irgendjemand ist da immer mal krank. Das erfahren die Madams und lassen der Betroffenen eine Nachricht zukommen: „Du hast überlegt abzuhauen? Guck, was passiert: Die Geister verfolgen deine Liebsten!“

Frage: Nun haben Sie an einem Handbuch mitgeschrieben, das Sozialarbeiter für den Geisterglauben sensibilisieren soll. Warum?

Kolbe: Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter müssen sich an den Bedürfnissen ihrer Zielgruppe orientieren. So ist bei Geflüchteten die Religiosität sehr viel größer als bei Deutschen. Nur weil ich selbst aus einer säkularen Welt komme, kann ich da nicht sagen: Böse Geister? Hokuspokus! Ich muss die Spiritualität des Anderen ernst nehmen. Auch deshalb, weil sie die Chance eines Auswegs bietet.

Frage: Inwiefern?

Kolbe: Edo ist nicht nur vom Geisterglauben, sondern gleichzeitig vom Christentum geprägt. Zwangsprostituierte von dort reden nicht mit der Polizei – auch weil sie Angst vor Abschiebung haben, da die Behörden den Geisterglauben ebenfalls abtun könnten. Mit kirchlichen Stellen reden die Frauen schon eher. Dahin könnten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die meist die ersten Kontakte mit den oft schwer traumatisierten Opfern haben, diese also vermitteln. Dort kann im besten Fall über seelsorgerische Gespräche oder gemeinsame Gebete langsam ein Weg aus dem Bann in eine nichtunterdrückerische Form von Religiosität gefunden werden.

Die Fragen stellte Christopher Beschnitt (KNA)

© Text: KNA