Ruanda kämpft mit Robotern und rigiden Regeln gegen Corona

  • Corona-Pandemie - 31.08.2020

Ruanda gilt in Afrika als Musterland bei der Bekämpfung von Covid-19 und wird bereits mit Deutschland verglichen – doch der Preis ist nach Einschätzung mancher Beobachter hoch.

Wer am Flughafen in Ruandas Hauptstadt Kigali ankommt und in Corona-Zeiten seinen Mund-Nasen-Schutz nicht korrekt trägt, macht Bekanntschaft mit Urumuri. Der humanoide Roboter, der an R2D2 aus Star Wars erinnert, weist die Menschen freundlich, aber bestimmt auf die Maskenpflicht hin. Und er kann noch mehr: In weniger als einer Minute misst er bei bis zu 150 Abfliegenden oder Ankommenden die Temperatur, während er durch den Airport saust.

Das ostafrikanische Land setzt bei der Eindämmung der Corona-Pandemie auf Hightech, Tests und Kontrolle. Dafür gibt es gute Gründe: Mit 12,3 Millionen Einwohnern auf einer Fläche wenig größer als Hessen gehört Ruanda zu den am dichtesten besiedelten Staaten der Erde. Mit den ersten nachgewiesenen Infizierten Mitte März verhängte die Regierung von Präsident Paul Kagame einen Lockdown und lässt seither flächendeckend testen. Täglich veröffentlicht das Rwandan Biomedical Center, vergleichbar mit dem Robert-Koch-Institut, die aktuellen Zahlen, deren Seriosität kaum jemand anzweifelt: 3.537 Infizierte, 15 Verstorbene bei mehr als 378.000 Tests – so der Stand am 25. August.

Die Weltgesundheitsorganisation nennt Ruanda in einem Atemzug mit Deutschland, wenn es um Erfolge in der Bekämpfung der Pandemie geht. „Mit Blick auf die Zahlen ist das sicher richtig“, sagt Gerd Hankel, Völkerrechtler und Ruanda-Experte am Hamburger Institut für Sozialforschung. Man dürfe die guten Zahlen aber nicht losgelöst betrachten von der Autorität des Regimes. „Das Land ist straff durchorganisiert. Der Präsident erwartet absolute Gefolgschaft von seinen Landsleuten.“

Die Roboter – neben Urumuri am Flughafen sind vier weitere in den Gesundheitszentren des Landes im Einsatz – hält Hankel nicht für verkehrt, spricht aber doch von einem „PR-Gag“, der wichtig für die Außendarstellung sei. „Der Regierung geht es darum, aller Welt zu zeigen, dass sie alles tut, um die Pandemie zu überwinden.“ Parallel will Ruanda weiterhin seinen Ruf als Destination für Konferenz- und Luxustourismus festigen. Um Menschen aus aller Welt anzulocken, reduzierte das Land sogar die Preise für Wanderungen zu den Berggorillas – von zuletzt 1.500 US-Dollar auf jetzt 700 US-Dollar pro Person.

Die deutsche Agraringenieurin Janine Frönd war 2019 – also noch vor der Corona-Pandemie – Beraterin des Rwandan Biomedical Center. Sie sagt, das vom Völkermord 1994 mit fast einer Million Toten gezeichnete Land profitiere heute von den Erfahrungen der vergangenen Jahre: „Das Land hat Kriege und Epidemien durchgemacht und daraus Erkenntnisse gewonnen. Es ist sehr gut auf verschiedene Szenarien vorbereitet. So wurden Handlungs- und Katastrophenpläne aufgestellt, die jetzt Anwendung finden.“

Anders als Kongo oder Tansania habe Ruanda zuverlässige Zahlen und ein exzellentes Gesundheitssystem, das in ganz Zentralafrika nachgefragt werde. „In der Bekämpfung der Pandemie ist das Land sehr erfolgreich“, sagt Frönd, auch wenn sie einräumt, dass ein Lockdown die vielen Armen im Land hart treffe. Aktuell gelten eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum und eine Ausgangsperre ab 21.00 Uhr. Manche Orte und Distrikte befinden sich nach Lockerungen in einem erneuten Lockdown. In der Innenstadt von Kigali wurden gerade zwei Märkte geschlossen.

Laut Regierungsangaben werden bis zu 5.000 Personen am Tag getestet, die meisten in mobilen Teststationen. Die Ergebnisse werden innerhalb eines Tages auf die Handys der Getesteten geschickt. „Für die Einheimischen sind die Tests kostenlos“, berichtet Frönd. Aber was, wenn diese positiv ausfallen, wenn Quarantäne angeordnet wird? „Häusliche Quarantäne ist keine Option. Sie kann nicht überwacht werden“, sagt die Ingenieurin, die die Hilfsorganisation „1.000 Hügel“ gegründet hat. Deshalb gibt es landesweit neben 17 Behandlungszentren mit einer Kapazität für 1.767 Patienten auch elf Quarantänestationen für bis zu 500 Personen.

Das sei schon eine ganze Menge, sagt David Fechner, der seit mehreren Jahren in Kigali lebt und arbeitet, zunächst als politischer Referent an der deutschen Botschaft, derzeit als Friedensfachkraft für die Vereinte Evangelische Mission (VEM). Manches allerdings bereite Anlass zu Sorge, fügt Fechner hinzu. „Wer ohne Maske ertappt wird, der zahlt umgerechnet 20 Euro Strafe, für viele Menschen ist das kaum zu stemmen.“ Und wer nach der Ausgangssperre auf der Straße erwischt wird, der werde ins Nationalstadion gebracht und müsse die Nacht sitzend auf dem Rasen verbringen. „Das ist ein sehr fragwürdiges Vorgehen.“ Wiederholungstätern drohe sogar Haft.

Für kleine Händler und vor allem für das Heer derjenigen, die sich als Tagelöhner verdingen, sei Corona eine Katastrophe. „Viele leben von der Hand in den Mund. Die Lebensmittelverteilungen reichen bei Weitem nicht aus, um das, was da wegbricht, aufzufangen. Und Rettungsschirme wie in Europa gibt es nicht“, so Fechner.

Für Ruanda stehe viel auf dem Spiel, sagt Völkerrechtler Hankel. „Das Land hat einen guten Ruf als Musterknabe in Afrika zu verlieren.“ So ein Roboter kann da Wunder wirken. In Star Wars gehört R2D2 zu den sympathischsten Charakteren. Auch in Ruanda erfreut man sich an Urumuri und seinen Gefährten. Er stiftet Identität, denn gerade junge Ruander seien zunehmend stolz auf ihr Land, so Hankel. Da werden die Schattenseiten schon mal vergessen.

Von Markus Harmann (KNA)

© Text: KNA