Bischöfe äußern sich zu Verfehlungen im Zweiten Weltkrieg

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  • Aufarbeitung - 08.05.2020

Noch nie hätten sich die deutschen Bischöfe „ausführlich und systematisch zur Haltung ihrer Vorgänger zum Zweiten Weltkrieg geäußert“, hieß es im Vorfeld. Jetzt gibt es dazu eine Erklärung. Erfüllt sie die Erwartungen?

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz wollte keine Zweifel aufkommen lassen. „Das ist tatsächlich ein Schuldbekenntnis“, sagte Georg Bätzing über das am Mittwoch vorgestellte Wort der Bischöfe zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren. Zugleich räumte der Limburger Bischof ein, es sei ihm und seinen Mitbrüdern nicht leichtgefallen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. „Denn wir wissen, dass uns die Rolle des Richters über unsere Vorgänger nicht gut zu Gesicht steht.“

Gleichwohl finden sich in dem 23-seitigen Papier einige sehr klare Aussagen. „Indem die Bischöfe dem Krieg kein eindeutiges ‘Nein’ entgegenstellten, sondern die meisten von ihnen den Willen zum Durchhalten stärkten, machten sie sich mitschuldig am Krieg“, heißt es etwa. „Auch gegen die ungeheuerlichen Verbrechen an den als ‘rassenfremd’ diskriminierten und verfolgten Anderen, insbesondere den Juden, erhob sich in der Kirche in Deutschland kaum eine Stimme.“

Bereits im Vorfeld war angekündigt worden, erstmals würden sich die Bischöfe „systematisch zur Haltung ihrer Vorgänger zum Zweiten Weltkrieg“ äußern. Die Messlatte lag also hoch – obwohl es sich nicht um die erste Einlassung kirchlicher Spitzenvertreter in Deutschland handelte.
Da gab es beispielsweise den berühmten Briefwechsel zwischen polnischen und deutschen Bischöfen 1965, der die Aussöhnung beider Länder nach dem Krieg entscheidend voranbrachte. Die polnischen Oberhirten schrieben damals, sie wollten Vergebung gewähren und um Vergebung bitten. Zwei Wochen später antworteten die deutschen Bischöfe unter anderem: „Furchtbares ist von Deutschen und im Namen des deutschen Volkes dem polnischen Volk angetan worden. So bitten auch wir zu vergessen, ja wir bitten zu verzeihen.“

Zum 50. Jahrestag des Kriegsendes, 1995, äußerten sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und Bischofskonferenz gemeinsam. Das taten sie zuletzt auch Ende Januar, als Kardinal Reinhard Marx und der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm an den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erinnerten.

Vereinzelt habe es „echten Heldenmut“ gegeben, so der Erzbischof von München und Freising und der bayerische evangelische Landesbischof. „Doch dürfen wir nicht darüber hinwegsehen, dass viele Christen mit dem nationalsozialistischen Regime kollaboriert, zur Verfolgung der Juden geschwiegen oder ihr sogar Vorschub geleistet haben.“

Einen ähnlichen Ton schlägt auch das jetzt vorgelegte Wort der Bischöfe an. Das Schreiben gibt den Stand der Forschung wieder – zweifellos ein Verdienst der in Bonn ansässigen Kommission für Zeitgeschichte, einem von den Bischöfen seit 1962 unterstützten Gremium aus Historikern und Wissenschaftlern anderer Disziplinen.

Kenner der Materie wie der Münsteraner Historiker Olaf Blaschke, der der Kommission nicht angehört, zollen Respekt: Insgesamt entspreche das Dokument der Tendenz, die Täterforschung auf „ganz normale Männer“ auszuweiten. „Jetzt erweisen sich auch die Oberhirten als ganz normale Kirchenmänner, die sich nicht mehr einmütig mit dem Opfer- und Widerstandsnarrativ schmücken können, sondern die ‘eigenen Verstrickungen’ einräumen, wenn sie auch in ihrem historischen Kontext zu interpretieren sind.“

Ein gutes halbes Jahr dauerten die Arbeiten an dem Papier. Die Koordination lag bei der Kommission Justitia et Pax (Gerechtigkeit und Frieden). Sie suchte den Kontakt unter anderem zu den Bischofskonferenzen von Polen und Frankreich, beides Nachbarländer, die durch die Besatzung während des Zweiten Weltkriegs in besonderer Weise mit Deutschland verbunden sind. Von einem „komplexen Unterfangen“ sprach der für Justitia et Pax zuständige Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer.

Vielleicht liegt es daran, dass die Erklärung sprachlich eher trocken geraten ist. Bischof Bätzing richtete unterdessen den Blick nach vorn. „Wir dürfen uns nicht zurücklehnen.“ Es gelte, gegen neue Formen von Nationalismus und Antisemitismus entschieden Stellung zu beziehen. Das „Schuldbekenntnis“, am 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau präsentiert, ist damit auch Auftrag für die Zukunft.

Polnischer Historiker: Bischofswort zum Weltkrieg „tiefgreifend“

Der polnische Historiker Krzysztof Ruchniewicz bewertet das Bekenntnis der katholischen deutschen Bischöfe zur Mitschuld ihrer Vorgänger im Zweiten Weltkrieg als „wichtig, wenn auch etwas spät“. „Die Kritik an den eigenen Reihen verdient großen Respekt“, sagte Ruchniewicz am Samstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). In der am Mittwoch veröffentlichten Erklärung zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren werde der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Adolf Bertram, nicht verschont, und auch andere Bischöfe würden „für ihre Schuld verantwortlich gemacht“.

In ihrer Erklärung weisen die deutschen Bischöfe laut dem Historiker „in einer sehr tiefgreifenden Weise“ auf die damalige Haltung ihrer Vorgänger und deren Mitschuld am Krieg hin. Diese Themen seien bislang noch nicht ausreichend behandelt worden. Die Bischöfe lenkten nun die Aufmerksamkeit auf die Erinnerung an den Krieg, die Haltung der deutschen Bischöfe zu Krieg und Verbrechen, die Gründe für ihre damalige Position, die Perspektiven für ein weiteres Leben im „Schatten des Krieges“ und die Erinnerung daran. Das sei eine sehr gute Herangehensweise.

Die Botschaft der Bischöfe könne als ein „universeller Aufruf zum Kampf gegen Gesetzlosigkeit, gegen alle Formen der Diskriminierung und Verletzung der Menschenrechte“ sowie als Ermutigung gelesen werden, Dialog und Verständigung zu suchen. Zugleich werde auf aktuelle Gefahren aufmerksam gemacht. Obwohl seit dem Krieg 75 Jahre vergangen seien, gebe es immer noch einige Probleme – und zwar „für die alten Demokratien, vor allem aber für jene Länder, deren Systeme derzeit in eine autoritäre Richtung gelenkt werden“. Er verwies auf die AfD in Deutschland und populistische Parteien in Ostmitteleuropa sowie den Missbrauch der Geschichte als Waffe für aktuelle Zwecke.

„Die Botschaft kam jedoch relativ spät“, so Ruchniewicz. Fast alle Zeugen, Täter und Opfer seien tot. Zu einer direkten Konfrontation könne es daher nicht mehr kommen. Der Historiker lobte, dass Polen und seinem Schicksal während des Zweiten Weltkriegs in dem Dokument viel Aufmerksamkeit geschenkt werde.

Ruchniewicz leitet das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte Deutschlands und der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert.

Polnischer Erzbischof lobt Schuldbekenntnis deutscher Bischöfe

Der polnische Erzbischof Wiktor Skworc hat die Erklärung der deutschen katholischen Bischöfe zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren als mutig gewürdigt. Er bezeichnete es am Mittwoch gegenüber der polnischen Nachrichtenagentur KAI als „ungewöhnlich und wichtig“, dass der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer etwa gesagt habe, dass sich aus vielen „unstrittigen historischen Fakten“ zur damaligen Haltung der Bischöfe „ein Bild der Verstrickung“ ergebe.

Die Erklärung der deutschen Bischöfe nannte Skworc einen „einseitigen und mutigen Akt des Schuldbekenntnisses, dass den deutschen Bischöfen während der Nazizeit und des Zweiten Weltkriegs der Mut fehlte, entschieden 'Nein' zum NS-System und zum Krieg zu sagen, sondern von ihrer Seite eher verstärkende Worte kamen, die sie mitschuldig machen“. Das Dokument passe zur „aktuellen Sprache deutscher Politiker“ wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Zweiten Weltkrieg.

Diese „Sprache der Wahrheit“ bekräftige die deutsche Verantwortung für die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs und widerlege Versuche, Polen dafür verantwortlich zu machen, so der Erzbischof von Kattowitz (Katowice) mit Blick auf Vorwürfe aus Moskau gegen Warschau.

​© Text: KNA / Oliver Hinz (KNA) / Joachim Heinz (KNA)