„Wir sind an mehreren Stellen gleichzeitig getroffen“

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Für eine Bilanz der Corona-Krise aus Sicht des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande (DVHL) ist es nach Worten von Georg Röwekamp zu früh. „Noch leiden wir zu sehr unter der Situation“, sagt der Leiter des Jerusalemer DVHL-Büros im Telefoninterview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Dienstag. Bis September hofft Röwekamp, in den Einrichtungen des Vereins zu einer Art Normalität zurückzukommen.

Frage: Herr Röwekamp, der DVHL hat für Spenden online oder per Überweisung geworben, und auch das Österreichische Hospiz hat unlängst einen Spendenaufruf lanciert. Ist die finanzielle Lage durch Corona so angespannt?

Röwekamp: Die Heiligland-Kollekte in der heiligen Woche, unsere wichtigste Einnahmequelle, ist in diesem Jahr zunächst weggefallen. Es ist nach wie vor unklar, ob es eine Ersatzkollekte für uns und Misereor geben wird. Wir hoffen darauf.

Frage: Weil die Onlinekampagne nicht erfolgreich war?

Röwekamp: Es ist mehr Geld gespendet worden, als wir erwartet hatten, allerdings nur ein Bruchteil der durchschnittlichen Summe der letzten Jahre. Wir haben jedoch gemerkt, dass diese Art der Spendenwerbung grundsätzlich funktioniert. Wir werden auch in Zukunft andere Formen der Werbung und Kommunikation verstärken, ein Schritt, den wir ohnehin geplant hatten, der nun schneller kommt. Angesichts der Entwicklung von Kirchenmitgliedschaft und Gottesdiensten darf die Palmsonntagskollekte nicht unsere einzige Einnahmequelle bleiben.

Frage: Hat das Virus damit positiv etwas bewirkt?

Röwekamp: Viele Menschen wissen jetzt deutlicher, wer wir sind und für welche Einrichtungen wir stehen. Für eine Bilanz ist es sonst aber noch zu früh. Noch leiden wir zu sehr unter der Situation. Das Altenheim in Qubeibeh leidet unter der Ausgangssperre und den Corona-Fällen rund herum, die Schmidtschule darunter, dass Schulgelder nicht oder nicht vollständig gezahlt werden können. Unsere Gästehäuser und Reiseabteilung leiden, weil es keine Gäste gibt. Wir sind als Verein an vielen Stellen getroffen, aber mit der Kollekte, den Häusern und den Reisen sind unser Hauptproblem zurzeit tatsächlich die Finanzen, zumal Überschüsse üblicherweise in die ideelle Arbeit fließen.

Frage: Wie geht es weiter?

Röwekamp: Gegenwärtig hoffen wir auf eine Wiederaufnahme des Betriebs im September. Ganz aufgegeben haben wir auch die Hoffnung noch nicht, eine dreiwöchige Sommerakademie im August durchführen zu können, die bisher noch nicht abgesagt wurde.

Frage: Wie gut ist die Zusammenarbeit zwischen kirchlichen Einrichtungen in diesen Zeiten?

Röwekamp: Die katholischen Hilfsorganisationen haben sich unter Vorsitz von Erzbischof Pierbattista Pizzaballa getroffen. Er hat intensiven Austausch und Koordination gefordert, um nicht etwa Lebensmittelpakete zu verteilen, die dann von den Empfängern weitergegeben oder getauscht werden, weil sie nicht benötigt werden. Um zielgerichtet helfen zu können, müssen wir genau hinschauen, was gebraucht wird. Das kann finanzielle Hilfe für Stromrechnungen sein und in einem anderen Fall die Anschaffung von Desinfektionsmitteln. Gleichzeitig ist es ernüchternd zu sehen, dass sich an Rivalitäten trotz der Krise nicht viel geändert hat. Ich glaube daher auch nicht, dass sich die Gesellschaft durch die Pandemie nachhaltig verändern wird.

Frage: Verschärft hat sich dagegen die Lage von Migranten im Land.

Röwekamp: Deshalb unterstützen wir eine Organisation, die Migrantenfamilien mit Lebensmittelgutscheinen hilft. An dieser Stelle können wir als ausländische Organisation mit Blick von außen auch eine Brücke zwischen neueingewanderten und einheimischen Christen sein. Diese wichtige Aufgabe lässt sich meines Erachtens durchaus mit der Herausforderung der alten Kirche vergleichen, ein Auseinanderbrechen von Judenchristen und Heidenchristen zu verhindern. Wenn das Christentum hier eine Zukunft hat, dann nicht ohne diese Migrantengruppen.

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"Da viele im Tourismus arbeiten, sind sie stark betroffen"

Frage: Sehen Sie denn die Heiliglandchristen durch das Virus noch stärker unter Druck?

Röwekamp: Da viele von ihnen im Tourismus arbeiten, sind sie stark betroffen. Man kann aber nicht sagen, dass Corona den Druck der Christen zur Auswanderung noch erhöht. Abgesehen davon, dass momentan ganz praktisch das Auswandern unmöglich ist, sieht es nirgendwo auf der Welt besser aus. Auch ist der Anteil jener Palästinenser in Israel, die sich als arabische Israelis bezeichnen und nicht als Palästinenser, laut einer Umfrage im letzten Jahr stark gestiegen. Unabhängig von Corona zeigt sich ein Trend, dass arabische Christen in Israel sich immer stärker integrieren und immer weniger Probleme haben, sich als Israelis zu sehen.

Frage: Aus Palästina hört man unterdessen seit Beginn der Pandemie wenig.

Röwekamp: Es ist schwierig, sich aus den kleinen Mosaiksteinchen, die wir von unseren Einrichtungen und Partnern bekommen, ein Stimmungsbild zu machen. Von extremer Not wie etwa fehlenden Lebensmitteln hören wir noch nichts. Aber nicht wenige Organisationen fürchten um ihre Zukunft. Christliche Privatschulen und Universitäten können ihre Gehälter nicht mehr zahlen, Krankenhäuser müssen ganze Abteilungen schließen. Andererseits ist die Stimmung mancherorts relativ gelassen – vielleicht weil viele Palästinenser aufgrund des Konflikts Einschränkungen wie Ausgangssperren gewohnt sind. Entsprechend schnell funktionierte auch das Umstellen auf Homeoffice und Online-Zusammenarbeit.

Von Andrea Krogmann (KNA)

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