Ein junger Kontinent kämpft mit alten Problemen

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  • Corona-Pandemie - 08.04.2020

Für ihren wissenschaftlichen Kampf gegen Aids war Gita Ramjee in der ganzen Welt angesehen. Letzte Woche verstarb die südafrikanische Virologin am Coronavirus. Wohin steuert Afrika in der Krise?

Lange blieb Afrika vom Coronavirus verschont. Inzwischen aber gibt es nur noch zwei von 54 afrikanischen Staaten, die keine Infektion vermeldeten. „Interessant“ nennt Wolfgang Preiser, Virologe an der Universität Stellenbosch in Südafrika, den Weg der Ansteckung: „Das Virus musste erst in Europa Fuß fassen, um dann von Europäern und von dort zurückkehrenden Afrikanern eingeschleppt zu werden.“

Über 10.000 Fälle sind bisher bekannt, die Dunkelziffer liegt vermutlich höher. Die Afrikanische Union (AU) sprach zu Wochenbeginn von einer „noch nie dagewesenen Gefahr“ für den Kontinent. Nicht nur gefährde das Coronavirus Millionen Leben, auch bisherige Entwicklungserfolge und fragile Wirtschaften am Kontinent seien bedroht.

Politiker, Ökonomen, Forscher ─ sie alle beschäftigt derzeit eine Frage: Kann Afrikas junge Bevölkerung ein Horrorszenario wie etwa in Italien, Spanien oder den USA verhindern? Der Durchschnittsafrikaner ist 18 Jahre alt und damit halb so jung wie der Durchschnittseuropäer mit 42 Jahren. Zum Vergleich: Das Durchschnittsalter der Todesopfer in Italien lag bei 81 Jahren; in Afrika sind gerade einmal drei Prozent der Bevölkerung über 65. Das müsste Afrikas Risikogruppe drastisch senken ─ eigentlich. Gesundheitsexperten warnen allerdings vor voreiligen Schlüssen.

„Es wird sich erst zeigen müssen, inwieweit der durchschnittliche Gesundheitszustand so gut ist, dass das jüngere Lebensalter schützt“, sagt Preiser. Dem stimmt auch Susan Goldstein, Sozialmedizinerin an der Uni Witwatersrand bei Johannesburg, zu. „Natürlich hoffen wir es. Doch wir haben zugleich eine der höchsten Tuberkulose- und HIV-Raten der Welt, weshalb das junge Durchschnittsalter nicht viel helfen könnte.“ Nicht nur ist Afrika der Kontinent der Jugend, sondern auch der Kranken. Aids, Tuberkulose, Malaria, Polio, Mangelernährung erwiesen sich in den vergangenen Jahrzehnten als eine von Afrikas Entwicklungsbremsen.

Laut WHO gefährdet Corona vor allem die „fragilen Gesundheitssysteme am Kontinent“. Lebensrettendes Gerät, darunter Schutzkleidung, Masken oder Beatmungsgeräte, sind in vielen Ländern Mangelware. Im bevölkerungsreichsten Land, Nigeria, stehen laut einer Studie von 2017 bloß 120 Intensivbetten für 195 Millionen Einwohner bereit. Äthiopien zählt 50 Beatmungsgeräte für 109 Millionen Einwohner.

Seit dem ersten Auftreten im November 2019 hat sich das Virus Sars-Cov-2 weltweit ausgebreitet. Partner und Hilfswerke berichten über die aktuelle Situation


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Nach den Worten der kenianischen Ärztin Neema Kaseje muss Afrika sich auf ein „erhöhtes Auftreten von Covid-19 bei jungen Patienten“ einstellen. Anders als in Europa dürften die Fälle aber seltener glimpflich enden. Trauriges Beispiel: Zororo Makamba. Der 30-jährige Fernsehmoderator hatte vor kurzem New York besucht, wo er sich mit dem Virus ansteckte. Vor zwei Wochen wurde er der erste – und bislang einzige – Corona-Tote in Simbabwe. Seine Familie macht den maroden Gesundheitssektor verantwortlich: „Als wir im Krankenhaus ankamen, gab es dort weder ein Beatmungsgerät noch Medizin und selbst der Sauerstoff drohte, auszugehen.“

Weltweit konkurrieren Gesundheitsbehörden derzeit um Masken, Corona-Tests und Beatmungsgeräte. Afrika stehe auf dem Lieferzettel vieler Produzenten ganz unten, warnen nun südafrikanische Experten. Nichtsdestotrotz schaffte es der Versorgungsengpass, eine globale Debatte auszulösen. So zogen zwei französische Wissenschaftler mit ihrem Gedankenexperiment bei einer TV-Diskussion die Wut eines ganzen Kontinents auf sich: Sollte ein Impfstoff gegen Corona nicht in Afrika getestet werden, „wo es keine Masken, keine Behandlung und keine Wiederbelebungsmöglichkeiten gibt“?

Fußballstars mit afrikanischen Wurzeln unterstellten den beiden Forschern „Rassismus“. Der Südafrikanische Medizinforschungsrat (SAMRC) zeigte sich trotz einer Entschuldigung der französischen Ärzte „entsetzt“. Der Kontinent sei nicht das Labor der Welt, Afrikaner keine Versuchskaninchen.

Bislang fällt die Reaktion auf die Corona-Pandemie in Afrika gemischt aus. Während Kenia und Südafrika Ausgangssperren verhängten und Ruanda mobile Waschbecken in den Straßen aufstellen ließ, erklärte Tansanias Präsident, John Magufuli, vor vollen Kirchenbänken: „Im Leib Christi wird Corona nicht überleben, es wird verbrennen.“ Insgesamt wollen Afrikas Staaten 17 Millionen US-Dollar in den Kampf gegen das Virus investieren. In Südafrika suchen 30 Wissenschaftler in einem von der WHO initiierten Forschungsprojekt nach einem Impfstoff.

Von Markus Schönherr (KNA)

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