Populistenschule im italienischen Kloster Trisulti verliert Kardinal

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  • Weltkirche - 26.06.2019

Dem ultrakonservativen „Dignitatis Humanae Institute“ geht der prominenteste katholische Fürsprecher von der Stange. Der Kampf um die Kaderschmiede für Populisten wird zusehends zum persönlichen Drama ihres Leiters.

Jetzt ist auch Kardinal Burke weg. Zum zweiten Mal binnen weniger Monate hat der Trägerverein der Populisten-Akademie Steve Bannons im ehemaligen italienischen Kloster Trisulti seinen Ehrenvorsitzenden verloren. Zwar spielt Leo Raymond Burke im Vatikan keine Rolle mehr, seit ihn seine offene Kritik an Papst Franziskus ins Abseits manövrierte. Aber der 80-jährige US-Amerikaner gilt noch immer als Galionsfigur derer, die sich mit den Reformideen des amtierenden Papstes schwertun – also auch für das „Dignitatis Humanae Institute“ (DHI) und seine Akademie zur Verteidigung des christlichen Abendlands.

Was für Burke das Fass zum Überlaufen brachte, war, dass er sich in die Nähe eines Projekts gerückt sah, das der frühere Trump-Berater Bannon und der französische Autor Frederic Martel im Mai in Paris berieten. Dort ging es um Bannons möglichen Erwerb von Filmrechten an „Sodoma“; einem Buch, in dem Martel Homosexualität und Doppelleben im Vatikan eher als Regel denn als Ausnahme darstellt.

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Der Leiter des DHI, der Brite Benjamin Harnwell, erklärte, das Treffen privat eingestielt zu haben. Auch seien Sichtweisen Bannons in einem inzwischen gelöschten Online-Beitrag unkorrekt dargestellt worden. Kardinal Burke ist aber generell unzufrieden damit, dass das Institut, das zur Unterstützung konservativ-katholischer Politiker antrat, „mehr und mehr mit dem politischen Programm Bannons identifiziert“ werde.

Für Harnwell ist Burkes Weggang die letzte in einer Serie von Hiobsbotschaften: eine unerwartete Immobiliensteuer von 82.000 Euro; ein gefälschtes Bankgutachten; Ermittlungen der römischen Staatsanwaltschaft und der Region Latium. Italiens Kulturminister Alberto Bonisoli (Fünf Sterne) will dem DHI die 2018 erteilte Konzession für das staatliche Kulturdenkmal Trisulti entziehen. Er nennt Harnwell rundheraus einen „Schwindler“.

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Noch bevor die von Bannon angekündigte „Gladiatorenschule für Kulturkämpfer“ überhaupt eröffnet ist, kämpft sie ums Überleben. Dabei ist Benjamin Harnwell ein stiller Mensch. Der 46-jährige studierte Chemiker spricht sanft, bedächtig; manchmal bildet schon ein einzelner Konsonant eine kleine Hürde. Zum Katholizismus fand er spät, mit 30. Sein Glaubensmotto beschreibt er mit dem Wort des Apostels Paulus: „Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil“.

Harnwell hätte Mönch werden können – besäße er „die Gnade, Anweisungen in einer Hierarchie zu gehorchen“. Dass er sie nicht besitzt, lernte er – „schmerzvoll“ , wie er sagt – seit 1996 erst als Mitarbeiter eines britischen Abgeordneten, dann in Brüssel. Die Überregulierung der EU, der Bürokratismus Italiens bringen ihn „zum Kochen“. Über den modernen Staat äußert er sich „zu 100 Prozent enttäuscht“ – nichts als ein System, das den Eliten Macht, Privilegien und Vermögen sichere.

Aus diesem System floh Harnwell 2010. Ein mehrmonatiger Aufenthalt in einem Zisterzienserkloster in Rom, dann der Aufbau des DHI. Kontakte knüpfen, Netzwerke schaffen – das, was er in er Politik gelernt hatte; nur nun mit seiner eigenen Agenda. 2014 kam Bannon dazu. Er wurde Hauptgeldgeber und Protagonist in den Medien.

Seit April ist der römische Sitz des DHI aufgelöst. Umzugskartons stehen noch unausgepackt in Trisulti. Die Sanierung der 800 Jahre alten Abtei kommt kaum voran. Künftige Kursteilnehmer müssen sich auf Metallpritschen und grobe Wolldecken einstellen. Die Sekretariatsaufgaben erledigt inzwischen Harnwells Mutter. Die 64-Jährige ließ ihren Mann im mittelenglischen Leicester zurück, um ihrem Sohn unter die Arme zu greifen. Sie kam seinetwegen, sagt Harnwell, nicht wegen des DHI.

Harnwell ist überzeugt, an der „wichtigsten politischen Schlacht unserer Zeit“ teilzunehmen. Er räumt ein, dass sein persönliches geistliches Leben derzeit mehr leide als jemals zuvor in der Brüsseler Tretmühle. Aber es gehe um den „jüdisch-christlichen Westen“, um moralische Werte, um die Freiheit des Einzelnen gegen Einschränkungen, gleich ob sie vom Staat kommen oder vom Papst. Letztlich geht es um Benjamin Harnwell. Wenn er mehr Zeit hätte, sagt er, würde er einfach nur das Neue Testament studieren.