Frauenbewegung gegen Vergewaltigungen in Nigeria

  • Frauen - 12.03.2019

Vergewaltigungsopfer in Nigeria kämpfen nicht nur mit den physischen und psychischen Folgen. Auch die Angst, später keinen Ehemann zu finden, ist groß. Der Hashtag #ArewaMeToo könnte nun das Schweigen brechen.

In der nordnigerianischen Millionenstadt Kaduna sind am Straßenrand immer wieder große Plakate zu sehen. Mit dem knallroten Schriftzug und einer Telefonnummer weisen sie auf eines der großen Tabus in der Stadt wie im ganzen Norden Nigerias hin: Vergewaltigungen, Missbrauch und Gewalt gegen Frauen, gleich, ob sich diese zu Hause um Kinder und Haushalt kümmern, erfolgreiche Geschäftsfrauen sind oder ein politisches Amt anstreben. Wie viele Fälle sich täglich abspielen, lässt sich nicht einmal schätzen. Die Richterin und Juristin Saadatu Hamma, die an einem Amtsgericht in Kaduna arbeitet, geht davon aus, dass 98 Prozent aller Vergewaltigungen nicht angezeigt werden.

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Ändern könnten das nicht nur die Plakate, sondern auch der Hashtag #ArewaMeToo, der auf Twitter eine Diskussion über Vergewaltigungen ausgelöst hat. Arewa heißt auf Haussa, der am stärksten verbreiteten Sprache in Nordnigeria, Norden. Der Hashtag #MeToo wurde im Zuge des Weinstein-Skandals im Oktober 2017 weltbekannt. Als Urheberin der nordnigerianischen Variante gilt Maryam Awaisu, die kurzzeitig sogar in Haft war. Nach Protesten der Menschenrechtsorganisation Amnesty International kam sie jedoch wieder frei. Ihr wird vorgeworfen, mit dem Hashtag Männer zu denunzieren und volle Namen zu nennen.

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Amina Kazaure hält Soziale Medien dennoch für sehr hilfreich, wenn es um Aufklärungsarbeit geht. Sie arbeitet für die nichtstaatliche Organisation Vision Trust Foundation und ist Koordinatorin des interreligiösen Frauenrats von Kaduna. Der Zusammenschluss setzt sich für ein gutes Miteinander von Christinnen und Musliminnen ein und kämpft für bessere Lebensbedingungen von Frauen. „Je mehr wir darüber sprechen, desto weiter ist die Reichweite und desto mehr Menschen erfahren davon.“ Im Laufe der Arbeit hat sie aber noch etwas anderes bemerkt. Medien können auch einschüchtern. „Sobald Menschen in den Medien davon lesen, werden sie vorsichtig.“

Eine große Herausforderung ist jedoch die Stigmatisierung, zu der es nach einer Vergewaltigung häufig kommt: „Man spricht aus Scham nicht darüber. Die Angst, niemanden zum Heiraten zu finden, ist sehr groß.“ Wie andere Frauenrechtlerinnen und Juristinnen auch hat sie in den vergangenen Jahren häufig erlebt, dass die Familien des Opfers nicht zur Polizei gehen wollen. Kommt es zu einem seltenen Fall vor Gericht, sind sie es, die eine Einstellung des Verfahrens verlangen. Neben der Angst vor Stigmatisierung werden sie mitunter von der Familie des Täters dazu genötigt. Manchmal fehlt schlicht das Geld, um die Busfahrkarte zum Gericht zu bezahlen. Amina Kazaure will das nicht länger dulden: „Wir müssen darüber sprechen.“

Das tut sie gemeinsam mit Elizabeth Abuk, die im interreligiösen Frauenrat die Christinnen vertritt. „Die Situation geriet irgendwann völlig außer Kontrolle“, erinnert sie sich an die zahlreichen Vergewaltigungen. Besonders schockierend war, dass die Opfer immer jünger wurden. „Wir gehen deshalb in Kirchen und reden über Missbrauch“, sagt Abuk. Aufklärungsarbeit dürfe jedoch nicht bloß an nichtstaatlichen Organisationen hängen bleiben. „Wir brauchen Gesetze“, fordert sie. Zwar sei im Bundesstaat vergangenes Jahr ein Gesetz zum besseren Schutz von Kindern verabschiedet worden. „Es muss jedoch auch umgesetzt werden.“

Dass gerade im muslimisch geprägten Norden Vergewaltigungen ein Tabu bleiben, hat laut Amina Kazaure weniger mit Religion als mit Tradition und Kultur zu tun. „Aus religiöser Sicht habe ich Rechte, doch hindert uns die Kultur sehr. Deshalb werden Dinge hier viel mehr als im Süden des Landes verschwiegen.“

Frauenrechtlerin Aisha Usman, die Kinder nach Vergewaltigungen betreut und medizinisch untersuchen lässt, fordert jedoch, dass sich auch Imame kritischer zu Wort melden. „Wenn in der Gemeinschaft etwas passiert, heißt es: Wir sind alle Muslime. Solche Dinge müssen doch nicht öffentlich werden. Es ist eine Schande für unsere Religion und unsere Gemeinschaft.“ Ihr Fazit zur Aufklärungsarbeit ist deshalb bisher ernüchternd: „Religiöse Meinungsführer helfen nicht weiter.“

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