Dem Hunger in Venezuela entflohen

Hoch, immer höher lässt Ismael die Schaukel fliegen. Es ist fast Mittag, die Sonne brennt vom Himmel, doch das stört ihn wenig. Nur selten hat der Elfjährige Gelegenheit, auf einem Spielplatz zu sein. In seinem Wohnviertel gibt es keinen. Wehmütig denkt er an die endlose Weite der Tieflandsteppe von Barinas in Venezuela. Dort war seine Heimat – bis vor einem halben Jahr. Seither lebt Ismael mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in Kolumbien, in Cúcuta, einer Grenzstadt am Fuße der Anden. Manchmal lassen ihn die anderen Kinder spüren, dass er nicht von hier ist. „Ausländer“, sagen sie dann, und lachen über seinen Akzent. Aber dennoch ist Vieles in Kolumbien besser als in Ismaels krisengeschüttelter Heimat.

„Wir hatten in Venezuela weniger Schulfächer, und es gab auch keine Noten, weil die Regierung verboten hat, dass jemand sitzenbleibt. Darum haben nur die Streber gelernt“, erzählt Ismael. Er war kein Streber. Er spielte gerne Fußball, half seinen Eltern am Marktstand, sang Salsa und Reggaeton. Schule war nicht so wichtig und wurde es immer weniger. Die Lehrer kamen immer seltener zum Unterricht, weil sie einen Arzttermin hatten, auf eine politische Veranstaltung mussten oder ewig Schlange standen, wenn die Regierung Lebensmittelpakete ausgab. Es wurden immer weniger Lehrer, und auch die Schulspeisung reduzierte sich auf Reis mit Bohnen. Irgendwann gab es nichts mehr.

Venezuela - 22.02.2019

Am Samstag läuft ein von dem selbsternannten Übergangspräsidenten Juan Guaidó gestelltes Ultimatum ab, im Nachbarland Kolumbien bereitstehende Hilfslieferungen aus den USA nach Venezuela einzulassen. Präsident Nicolas Maduro lehnt humanitäre Hilfe ab.


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Venezuela, einst ein reicher Erdölstaat, rutschte durch Korruption, Hyperinflation und Misswirtschaft der sozialistischen Regierung in die Krise. Die Importe kamen ins Stocken, Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie gingen durch Enteignung und Preiskontrollen bankrott. Das Essen wurde knapper und teurer, die Menschen hatten kein Bargeld mehr, und Ismaels Eltern mussten ihren Obststand aufgeben. „Zuerst verringerten wir die Essensportionen, dann haben wir Eltern eine Mahlzeit übersprungen, aber zuletzt reichte es für alle nur noch zu einer Mahlzeit am Tag“, erzählt Mutter Maria Sosa. Sie magerte ab, wog nur noch 47 Kilogramm bei einer Größe von 1,63 Metern, und konnte auch ihre jüngste Tochter Yannovis kaum mehr stillen.

„Ohne Essen ins Bett zu gehen, ist doof, weil du vor lauter Hunger nicht einschlafen kannst“, erinnert sich Ismael. Er und sein älterer Bruder Manuel (13) bekamen mit, wenn die Mutter vor Verzweiflung vor dem leeren Kühlschrank weinte. Sie gingen dann heimlich betteln oder wühlten im Müll. Die Mutter schickte die Jungs los, wenn wieder das Gerücht umging, die Regierung teile Nahrungsmittelpakete aus. Aber die reichten nie für alle, und manchmal kamen die beiden nach vielen Stunden Wartens mit leeren Händen nach Hause. Auf dem Markt schenkten mitleidige Händler Ismael ab und zu verwelktes Gemüse. Ismael musste es in einer Tasche oder unter seinem T-Shirt verstecken, sonst hätten größere Jugendliche es ihm abgenommen. Einige Male stahl Ismael Bananen von einer Plantage. Das brachte ihm einen Rüffel von seinem Vater ein, aber gegessen haben sie die Bananen trotzdem. Dann war die Plantage abgeerntet, und die jüngeren Geschwister weinten so lange, dass die Eltern sagten, es reiche. Am nächsten Tag brachten sie die sechs Kinder zu den Großeltern und verschwanden über die Grenze nach Kolumbien. Drei Monate später kamen sie zurück und holten die Kinder nach.

Ordensgemeinschaften - 11.02.2019

Unter der Krise in Venezuela leiden auch die Missionsbenediktiner in der Abtei Güigüe, die ihren Stammsitz im oberbayerischen Sankt Ottilien haben. Deren Chef, Abtpräses Jeremias Schröder, berichtet im Interview von Soldatenbesuchen bei den Mönchen und deren Vorbehalten gegen die


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„Das war gerade noch rechtzeitig“, sagt Sozialarbeiterin Fernanda Zambrano vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Cúcuta, einem Projektpartner des Kindermissionswerks ‚Die Sternsinger’. Die zweijährige Yannovis litt unter hochgradiger Anämie. Die Familie lebte zunächst in einer behelfsmäßigen Wellblechhütte, die bei jedem Regenguss unter Wasser stand. Sie kochten über einem Lagerfeuer, die einzige Lichtquelle waren Kerzen. Doch für etwas Besseres reichten die Einnahmen der Eltern nicht, die sich als Straßenhändler durchschlugen.

Täglich überqueren tausende Venezolaner die Grenzbrücke nach Kolumbien. Viele sind auf der Durchreise, andere bleiben und versuchen, sich mit Aushilfsjobs über Wasser zu halten, weitere essen bei einer kirchlichen Armenspeisung oder besorgen Medikamente, die es in Venezuela nicht mehr gibt. „Die Situation für Flüchtlinge in Kolumbien ist kritisch. Schon jetzt beherbergen wir über eine Million Venezolaner. Cúcuta lebte früher vom Handel mit Venezuela und leidet nun auch unter der Wirtschaftskrise im Nachbarland“, so Zambrano.

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst half auch Ismaels Familie mit Nahrungsmitteln und Arztbesuchen. Vor allem Yannovis leidet unter den Spätfolgen der frühkindlichen Unterernährung und ist häufig krank. Immer wieder kommt die Familie in Zambranos Büro vorbei und bittet um Unterstützung. Zuletzt war es eine verschleppte Ohrenentzündung. Ein Arztbesuch und die Medikamente kosten umgerechnet bis zu 30 Euro, zu viel Geld für die Familie. „Gäbe es den Jesuiten-Flüchtlingsdienst nicht, wäre die Kleine vielleicht nicht mehr am Leben“, sagt Vater Antonio Carpio. Auch Manuel, Ismael und Gleimar half der Orden. Zuerst wollte keine Schule die Geschwister aufnehmen. „Alles voll, kein Platz für Venezolaner“, hieß es. „Wir waren verzweifelt, denn wir konnten die Kinder ja nicht auf die Straße zum Arbeiten mitnehmen“, sagt Carpio. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst erstritt vor Gericht in einem Eilverfahren einen Schulplatz für alle drei.

Schwester Gleimar (8), die in die erste Klasse geht, ist begeistert. „Schau mal, wie ich schreiben kann“, sagt sie stolz und malt Buchstaben in ein Heft, das auf einer Matratze liegt. Tisch und Stühle hat die Familie nicht. Doch das Holzhaus, das sie dank einem dreimonatigen Mietzuschuss vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst mieten konnte, ist ein kleiner Luxus im Vergleich zur vorherigen Unterkunft. Sie wohnen mit weiteren Verwandten zu zwölft in drei Zimmern. „Noch ist alles nicht so einfach, aber ich kann wieder in die Zukunft schauen“, sagt Mutter Maria Sosa. Alleine die drei Mahlzeiten am Tag, so simpel sie sein mögen, sind für sie eine große Beruhigung.

Auch Ismael geht wieder zur Schule, fast eine Stunde Fußweg entfernt. An die strengen Lehrer musste er sich erst gewöhnen. Aber nach und nach findet er Freunde und Geschmack an den neuen Herausforderungen. Besonders Mathematik macht ihm Spaß. Fußballspieler oder Sänger sind zwar immer noch seine Traumberufe, aber manchmal denkt er auch darüber nach, Arzt zu werden. „Menschen zu heilen, so wie hier der Arzt Yannovis wieder gesund gemacht hat, ist ein toller Beruf.“

Von Sandra Weiss

© Kindermissionswerk