Benediktiner zur Lage in Venezuela

  • Ordensgemeinschaften - 11.02.2019

Unter der Krise in Venezuela leiden auch die Missionsbenediktiner in der Abtei Güigüe, die ihren Stammsitz im oberbayerischen Sankt Ottilien haben. Deren Chef, Abtpräses Jeremias Schröder, berichtet im Interview von Soldatenbesuchen bei den Mönchen und deren Vorbehalten gegen die Opposition.

Frage: Herr Abtpräses, sind Ihre Mitbrüder in Venezuela in Sicherheit?

Schröder: Ja, aber sie sind natürlich in Erregung wie das ganze Land. Sehr besorgt hat uns vor Weihnachten die Regierung, als sie ein großes Militärkontingent in unsere Abtei in Güigüe verlegen wollte. Diese liegt nämlich strategisch günstig auf einer Bergkuppe. Dazu ist es nicht gekommen, bisher waren bloß einzelne Soldaten da. Aber der Plan scheint noch nicht aufgegeben.

Frage: Wie steht es um die Bevölkerung?

Schröder: Deren Situation ist schlimm. In der von Güigüe aus nächstgrößeren Stadt, Valencia, hat es bei Ausschreitungen Tote gegeben. Schon seit Jahren leiden die Venezolaner unter enormen Preissteigerungen und einer Verknappung von Nahrungsmitteln und Medikamenten. Die staatliche Misswirtschaft ist unvorstellbar. Unsere Mitbrüder schlagen sich irgendwie durch, auch wenn sie dort nicht etwa Selbstversorger sind. Aber besonders für die armen Menschen ist das Überleben sehr, sehr schwer geworden.

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Venezuelas Präsident Nicolas Maduro hat Papst Franziskus als möglichen Vermittler in der innenpolitischen Krise ins Spiel gebracht. Es wäre der zweite Versuch des Vatikan.


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Frage: Die venezolanische Bischofskonferenz hat die am 10. Januar begonnene zweite Amtszeit von Präsident Nicolas Maduro als illegitim und moralisch inakzeptabel bezeichnet. Auch das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat hat sich für den Herausforderer Juan Guaido, den bisherigen Parlamentspräsidenten, ausgesprochen. Haben sich auch die Benediktiner positioniert?

Schröder: Direkt zu Guaido habe ich von unseren Mitbrüdern noch keine Stellungnahme gehört. Die einheimischen Mitbrüder machen sich aber keine großen Hoffnungen. Die Opposition hat in der Vergangenheit nie den Eindruck erweckt, dass sie das Land besser führen könnte. Ihre Vertreter kommen zumeist aus dem Milieu der alten Oligarchie, das in der Bevölkerung nicht gerade Vertrauen genießt.

Frage: Was halten Sie von der teils sehr schnellen Parteinahme westlicher Staaten für Guaido, nachdem dieser sich am 23. Januar zum neuen Staatspräsidenten erklärte?

Schröder: Dass US-Präsident Donald Trump Guaido innerhalb von Minuten anerkannt hat, lässt Guaido als Marionette der USA erscheinen. Das bedient alle Vorurteile, die es in Lateinamerika gegenüber den interventionistischen Vereinigten Staaten gibt. Das dürfte Maduro eher gestärkt als geschwächt haben. Das Vorgehen Deutschlands und vieler europäischer Staaten war meines Erachtens sinnvoller: Sie haben zunächst Maduro ein Ultimatum für Neuwahlen gestellt und erst nach dessen Verstreichen Guaido anerkannt.

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In Venezuela sind Hunderttausende Venezolaner dem Aufruf von Gegenpräsident Juan Guaido zu Protestmärschen gegen die Regierung gefolgt. Präsident Nicolas Maduro bekräftigt derweil seinen Machtanspruch.


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Frage: Inwiefern kann die katholische Kirche zwischen den verfeindeten Lagern vermitteln, worum Präsident Maduro ja Papst Franziskus gebeten hat?

Schröder: Ich kann leider nicht recht glauben, dass die Regierung eine wirkliche Vermittlung wünscht. Ich fürchte, es geht ihr eher darum, Zeit zu schinden. Aber der Vatikan wird in dieser Sache richtig entscheiden. Denn er ist über Venezuela sehr gut informiert. Der jetzige Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin war dort schließlich Apostolischer Nuntius.

Frage: Was glauben Sie, wann und wie der Konflikt ausgeht?

Schröder: Es wird wohl zu einem Regimewechsel kommen müssen. Ich denke, das Militär – dort traditionell ein Machtfaktor – wird es dazu kommen lassen. Die Regierung Maduro jedenfalls kann Venezuelas Probleme nicht mehr bewältigen.

Frage: Millionen Venezolaner haben ihre Heimat inzwischen verlassen. Welche langfristigen Folgen wird der Konflikt für das Land haben?

Schröder: Venezuela hat einen gewaltigen Aderlass erlitten. Einstweilen kann ich nur die Nachbarländer wie Kolumbien dafür bewundern, dass sie so viele Flüchtlinge aufgenommen haben und das wohl auch einigermaßen verkraften. Doch den Geflohenen geht es schlecht, sie versuchen etwa über die Runden zu kommen, indem sie Nüsse oder Tempotaschentücher auf der Straße verkaufen. Das sollte natürlich kein Dauerzustand sein. Es muss daher mittelfristig gelingen, eine Rückkehr attraktiv zu machen, sonst kann Venezuela auch nicht wieder aufstehen. Das kann durchaus gelingen, denn das Land verfügt über einen ungeheuren Reichtum, was seine natürlichen Ressourcen betrifft.