Ukraine gründet orthodoxe Nationalkirche

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  • Ukraine - 17.12.2018

Die tiefe Kluft zwischen der Ukraine und Russland zeigt sich nun auch auf dem Feld der Kirchen. Eine Synode in Kiew vollzog am Wochenende den Bruch mit dem Moskauer Patriarchat. Das will man dort nicht hinnehmen.

Für viele Ukrainer ist es ein historischer Erfolg, doch für die orthodoxe Kirche ein Erdbeben: Die Ukraine bekommt eine eigene orthodoxe Landeskirche und grenzt sich so noch stärker von Russland ab. Rund 35.000 Menschen jubelten am Samstagabend vor der Sophienkathedrale in Kiew dem eben gewählten Oberhaupt der neuen Kirche zu, dem 39 Jahre alten „Metropoliten von Kiew und der ganzen Ukraine“ Epiphanius.

Wie stark sich seine Kirche in dem 45-Millionen-Einwohner-Land etablieren wird, ist fraglich. Die Türen seiner Kirche stünden für alle offen, betonte Epiphanius. Staatspräsident Petro Poroschenko stellte der Menschenmenge den Metropoliten vor. „Dieser Tag wird als heiliger Tag in die Geschichte eingehen.“ Erst jetzt habe die Ukraine endgültig die Unabhängigkeit von der Russischen Föderation erreicht. Die Ukraine trinke nun nicht mehr „Moskauer Gift aus Moskauer Tassen“, zitierte er den Nationaldichter Taras Schewtschenko (1814-1861).

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„Das ist eine Kirche ohne Putin“, schwärmte Poroschenko. „Das ist eine Kirche ohne (Patriarch) Kyrill.“ Das Moskauer Kirchenoberhaupt habe in der Ukraine Propaganda für die „russische Welt“ betrieben „und dann kamen ihre Panzer“. Bei jeder Gelegenheit warf der Präsident der Moskau unterstehenden ukrainisch-orthodoxen Kirche Gebete für Kreml-Chef Wladimir Putin und für russische Soldaten vor, die im Osten des Landes Ukrainer töteten. Nicht uneigennützig engagierte er sich seit vielen Monaten intensiv für die Gründung der neuen Kirche. Angesichts seiner schlechten Umfragewerte von unter zehn Prozent hofft er so, seine Chancen bei der Präsidentenwahl am 31. März zu verbessern.

Der Kirchenstreit ist eine harte Probe für das ohnehin massiv gestörte Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine. „Es wird unverschämt und grenzenlos in das Kirchenleben eingegriffen“, sagte Putin Anfang November. „Diese Politik kann sehr ernste Konsequenzen haben. Sie ist gefährlich.“

Bisher konkurrierten drei orthodoxe Kirchen in der Ukraine miteinander. Eine untersteht dem Moskauer Patriarchat, die anderen beiden spalteten sich 1921 beziehungsweise 1992 ab. Die Haltung zu Moskau unterscheidet sie fundamental. Sie erkannten zudem nicht mal die Taufe gegenseitig an.

Als Ehrenoberhaupt aller orthodoxen Christen hatte der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., die Bischöfe aller drei ukrainischen Kirchen zu dem Konzil eingeladen. Er bat sie, je einen Priester und einen Laien mitzunehmen, die ebenfalls Stimmrecht bekamen.

Bislang unterstehen mehr als 12.000 der etwa 18.000 ukrainischen Pfarreien und rund 200 Klöster dem Moskauer Patriarchat. Dessen Hoheit über die Ukraine soll die neue Kirche beenden, wodurch Moskau ein Drittel seiner Pfarreien verlieren würde. Deswegen wollte Patriarch Kyrill I. die Kirchengründung unbedingt verhindern und sprach sich für ein Boykott des Kiewer Vereinigungskonzils aus. So blieben 88 der 90 Bischöfe der mit Moskau verbundenen ukrainischen Kirche der Versammlung fern.

„Der Plan von Patriarch Bartholomaios ist gescheitert, die kanonische ukrainische Kirche für die Teilnahme an der Herstellung einer neuen Struktur zu gewinnen“, freute sich der Leiter des Außenamtes der russisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Hilarion, in Moskau. Er sprach von einem „Konzil der Gottlosen“ und nannte Bartholomaios I. einen Zerstörer der Kirche.

Tatsächlich will dieser offenbar mit der moskautreuen Kirche brechen. Deren Oberhaupt Onufri werde er nicht mehr als Metropolit von Kiew anerkennen, kündigte er an. Zum orthodoxen Weihnachtsfest am 6. Januar will Bartholomaios I. das Oberhaupt der neuen ukrainischen Kirche in seiner Residenz in Istanbul empfangen und ihm die Bulle (Tomos) über die Anerkennung als neue „autokephale (eigenständige) Schwesterkirche“ übergeben. Damit wird sie aus Sicht Konstantinopels allen bislang 14 eigenständigen orthodoxen Kirchen gleichgestellt.

Für Moskau ist das ein Supergau. Die Weltorthodoxie droht daran in zwei Lager zu zerbrechen. Moskau und Konstantinopel setzen so sehr auf Konfrontation, dass eine Einigung in nächster Zeit als unwahrscheinlich gilt. Die übrigen zwölf orthodoxen Kirchen müssen sich daher wohl zwischen beiden Machtzentren entscheiden.

Konstantinopel riskiert mit der ukrainischen Kirchengründung, dass es nicht mehr als Zentrum der Weltorthodoxie anerkannt wird. Die meisten übrigen orthodoxen Kirchen gehen bereits auf Distanz. Aus Protest gegen die Gründung der eigenständigen ukrainischen Landeskirche brachen die Moskauer bereits ihre Kontakte zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel ab. Aber: Wenn Zypern und Albanien eigenständige Landeskirchen haben, warum dann nicht auch die Ukraine?

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