Vom „ersten atheistischen Staat der Welt“ zum Trend-Reiseziel
Bonn ‐ Albanien steigt rasant im Tourismus-Ranking – als ein neues Urlaubsziel der Ursprünglichkeit. Das liegt an der fast sprichwörtlichen Gastfreundschaft der Albaner – aber auch an Jahrzehnten des Steinzeit-Kommunismus.
Aktualisiert: 06.01.2026
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Er brach mit allen, da ihm nach Stalins Tod niemand mehr stalinistisch genug war: mit Jugoslawien, mit der Sowjetunion und mit China. Er wollte den „ersten atheistischen Staat der Welt“ schaffen – und führte sein Land in die völlige Isolation: Enver Hodscha (1908-1985) war Albaniens Alleinherrscher im Kalten Krieg. Von dem schier grenzenlosen Personenkult, der ihn einst umgab, ist heute kaum etwas übrig. Vor 80 Jahren, am 11. Januar 1946, rief Hodscha die Volksrepublik Albanien aus.
Bis heute gehört Albanien zu den Armenhäusern Europas; eine Terra incognita fast, auch über drei Jahrzehnte nach dem Untergang des Kommunismus. Aber: Zuletzt stieg es im Tourismus-Ranking rasant – als ein neues Urlaubsziel der Ursprünglichkeit. Das liegt natürlich an der außergewöhnlichen Gastfreundschaft der Albaner – aber auch an den Jahrzehnten des Steinzeit-Kommunismus.
Seit jeher war das Land an der Adria ein Spielball der Geschichte: Byzanz, Rom, Venedig, Neapel, Serbien, Bulgarien, die Osmanen, Italien, Nazi-Deutschland – immer neue Mächte zerrten an jenem Landstrich, der nie Land sein durfte, sondern meist nur Interessen- oder Aufmarschgebiet.
Auch die Jahre der vermeintlichen nationalen „Wiedergeburt“, die kurzlebige albanische Republik der 1920er Jahre und die Monarchie unter dem autokratischen König Zogu überlebten nicht die Wirren des Zweiten Weltkriegs. Dafür schlug im Herbst 1944 die Stunde der kommunistischen „Befreiungsfront“ und ihres Anführers Enver Hodscha. Er übernahm die Macht und besetzte alle Schlüsselpositionen im Land mit Familienmitgliedern und Vertrauten. Am 11. Januar 1946 war die „Sozialistische Volksrepublik Albanien“ offiziell.
Seinen linken Schliff hatte sich der Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers (oder Apothekers) aus Südalbanien in den 30er Jahren im Westen geholt, während der Studienjahre in Montpellier, Paris und Brüssel. Seine feine Frankophonie ließ ihn auf dem politischen Parkett des beginnenden Kalten Krieges als Mann von Welt und leidlich vernünftigen Staatsmann erscheinen. Gleichzeitig arbeitete Hodscha als Regierungschef eines unabhängigen Albanien bereits tatkräftig daran, alle Brücken nach Westen abzureißen und mit knallharter Hand „durchzuregieren“.
Niemals scheute der Parteichef davor zurück, alte Freunde und Verbündete der eigenen Macht zu opfern. „Säuberungsaktionen“ waren in Albanien an der Tagesordnung. Und auch den Bruch mit sozialistischen Bruderstaaten vollzog Hodscha scheinbar nach Belieben: Mit seinem jugoslawischen Waffenbruder aus der Partisanenzeit, Josip Tito, überwarf er sich unter anderem in der Kosovo-Frage. Die Entstalinisierung unter dem sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow – und dessen neues Hegemoniestreben gegenüber Albanien – machte Hodscha nicht mit und wandte sich Anfang der 60er Jahre Peking zu.
In einer Abwandlung der chinesischen Kulturrevolution verbot die (schon früher stark kirchenfeindliche) KP Albaniens im Februar 1967 sämtliche „religiöse Propaganda“ und proklamierte den „atheistischen Staat“. Die Kirchen und Moscheen des Landes wurden zumeist niedergerissen oder zweckentfremdet, die Geistlichkeit eingesperrt oder getötet.
Und Peking lieferte nicht nur ideologisch Munition nach Tirana: Bis zum Untergang des Kommunismus basierte die dürftige albanische Volkswirtschaft auf dem minderwertigen industriellen Material, mit dem das maoistische China erstmals einen Fuß nach Europa setzte.
Dessen ungeachtet: Auch die Tage des chinesisch-albanischen Schulterschlusses waren schnell gezählt, als Peking Ende der 70er Jahre auf vorsichtige politische Fühlung mit den USA ging. Eine Abkehr von der „reinen Lehre“ war mit dem letzten Stalinisten Europas nicht zu machen.
Es war der letzte der vielen großen Brüche, die Enver Hodscha für sein Land vollzog. Seit 1978 versank Albanien in der totalen Isolation. Schlagzeilen machte lediglich ein blutiger Todesfall im Dezember 1981, dessen Umstände nie geklärt wurden. War es ein Suizid, eine Liquidierung? Ein Duell gar zwischen zwei alten Kontrahenten um die Macht im Staate?
Am Ende jedenfalls lag der Weggefährte und langjährige Ministerpräsident Mehmet Schehu in seinem eigenen Blut – und Enver Hodscha konnte sich bis zu seinem Tod durch Herzversagen am 11. April 1985 an der Macht – und im Luxus – halten, während sein Volk immer weiter in tiefste Armut fiel.
Jahrzehnten eines ungebremsten Hodscha-Kultes folgte nach 1990 eine „damnatio memoriae“ nach klassisch-römischer Art: Vom Friedhof der Kriegshelden wurde der Diktator in ein Reihengrab auf dem „Städtischen“ umgebettet. Das Hodscha-Museum in Tirana ist heute Kulturzentrum - und beherbergt Künstler, die der Diktator selbst sicher einst hätte verschwinden lassen.
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