Gelebte Nachbarschaft
Kibera/Aachen ‐ Elendsviertel, Armenghetto oder Slum werden sie genannt. Die Orte in Großstädten, an denen Menschen meist in provisorischen Unterkünften auf engstem Raum zusammenleben. Oft werden sie nur als Orte von Armut und Kriminalität gesehen. Die Bewohner als Opfer, die auf Hilfe angewiesen sind. Schwester Mary Wambui hat einen anderen Blick auf die Menschen. Auch weil sie in Kibera, im größten Slum Nairobis, mitten unter ihnen lebt.
Aktualisiert: 20.10.2022
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Die metallenen Dächer glitzern in der Morgensonne. Schwester Mary macht sich auf den Weg. Sie taucht ein in die engen, verwinkelten Gassen von Kibera. Schulkinder in roten Schuluniformen drängen an ihr vorbei. Ein Mann bugsiert einen Karren mit einem Dutzend gelber Wasserkanister um sie herum. Alle grüßen sie freundlich. Alle im Viertel kennen Schwester Mary. Sie ist ihre Nachbarin.
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Eine sanfte Frau mit leiser Stimme, die große innere Ruhe ausstrahlt. Jemand, den man gerne als Großmutter haben möchte. Seit zwölf Jahren lebt Schwester Mary Wambui in Kibera. Sie gehört zum Orden der „Little Sisters of Jesus“. Ihr kleines Haus teilt sie sich mit ihren Mitschwestern und Novizinnen, um deren Ausbildung sie sich kümmert. Doch wenn sie Zeit hat, besucht sie die Menschen in ihrem Viertel. „Befriending people“, Freundschaften schließen, so nennt das die 65-Jährige. „Es begann mit unseren Christen, die ich in der Kirche traf. Nach und nach habe ich ihr Vertrauen gewonnen und sie haben mich eingeladen.“
Heute besucht sie eine gute Freundin, die in ein neues Haus eingezogen ist. Sie hat Schwester Mary eingeladen, um es einzuweihen. Es liegt einen 30-minütigen Fußmarsch entfernt: ins Tal hinab, über die Bahngleise und schließlich über einen kleinen Pfad den Berg wieder hinauf. Schwester Mary sieht es sportlich. Mit einem „Matatu“, so nennt man die lokalen Busse, würde es viel länger durch die vollen Straßen des Slums dauern.
Nairobis größter Slum
Kibera, am südwestlichen Stadtrand der kenianischen Hauptstadt, ist eines der am engsten besiedelten Gebiete der Welt. Wie viele Menschen hier leben, weiß niemand genau. Zwischen 500.000 und einer Million könnten es sein. Die meisten leben in provisorisch zusammengeschusterten Häusern mit Wellblechdächern. Häufig sind sie nur über enge unbefestigte Wege zu erreichen. Dazwischen läuft das Abwasser in schmalen Rinnsalen.
Doch Schwester Mary weiß sich zu bewegen. Vorsichtig setzt sie einen Fuß vor den anderen und balanciert über die wackelig zusammengebaute Bretterbrücke. An jeder Ecke trifft sie Menschen, die sie kennt.
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Gerne halten die Leute einen kurzen Plausch mit ihr. Es wird gelacht. Manchmal wird sie auch um Rat gebeten. Viele Menschen in Kibera haben Sorgen: Wie bezahle ich die nächste Miete? Was kann ich meinen Kindern heute Abend zu essen auf den Tisch stellen? Woher nehme ich das Geld für die Schulprüfung meines Kindes, wenn der Lehrer plötzlich dafür die Hand aufhält?
Netzwerk von Gleichgesinnten
Schwester Mary ist eine gute Zuhörerin. Wo immer sie kann, versucht sie zu helfen. Sie gibt Rat, manchmal auch ein wenig Geld. Doch ihre finanziellen Ressourcen sind begrenzt.
Im Laufe der Jahre hat sie ein großes Netzwerk aufgebaut von Menschen und Organisationen, an die sie sich wenden kann. Dazu gehören auch andere Ordensgemeinschaften wie die der Yarumal-Missionare, die in unmittelbarer Nachbarschaft leben. Mit ihnen arbeitet sie eng zusammen.
Dazu gehören auch Leute aus der Kirchengemeinde. Es gibt viel Gutes, wo Menschen sich gegenseitig unterstützen, sagt die Ordensfrau. In ihrer Gemeinde Olympic gebe es beispielsweise eine ganze Reihe Kleiner Christlicher Gemeinschaften. „Sie treffen sich nicht nur zum Gebet, sondern die Mitglieder stehen sich auch gegenseitig bei. Sie legen etwas Geld zusammen. Sie geben vielleicht nicht viel, aber das Wenige, das sie geben können, hilft diesem Kind, einen Arzt aufzusuchen, oder einem anderen, um wieder zur Schule zu gehen.“
Kleinkreditgruppen
Einmal in der Woche treffen sich auch die Mikrokredit-Frauengruppen, die Schwester Mary ins Leben gerufen hat. Die Frauen sparen Geld, um ein kleines Verkaufsgeschäft zu starten.
Sie betreiben kleine Marktstände mit Obst und Gemüse. Andere verkaufen Holzkohle in abgepackten Säcken. Oder sie haben ein kleines Friseurgeschäft eröffnet oder einen Stand, an dem sie Tee und Chapati oder Bananenkuchen zum Frühstück anbieten. Viele der Frauen konnten so selbstständig werden und ihren Kindern den Schulbesuch ermöglichen.
„Es macht mich glücklich, wenn ich höre, dass dieses oder jenes Kind die Schule oder Universität abgeschlossen hat. Wenn mir die Eltern stolz erzählen, dass ihre Tochter oder ihr Sohn jetzt Lehrer oder Arzt geworden ist“, erzählt Schwester Mary. „Kinder bringen Licht und Hoffnung.“ Es gibt sie, die Erfolgsgeschichten.
Gewalt gegen Mädchen
Doch es gibt auch die dunkle Seite Kiberas. Wenn Kinder Drogen nehmen oder alkoholabhängig werden. Immer wieder kommen Mädchen zu ihr, die ihr erzählen, dass sie missbraucht wurden.
„Das sind schwierige Momente“, sagt Schwester Mary. Aber sie kennt Ärzte und Psychologen, die weiterhelfen. Sie weiß, an wen sie sich wenden kann, um jemanden in einem Rehabilitationszentrum unterzubringen. Und sie kennt Menschen, die Zuflucht bieten.
Sonntag der Weltmission
Die katholische Kirche begeht jährlich am letzten Sonntag im Oktober den Sonntag der Weltmission.
Eine davon ist Linet Mboya, die Schwester Mary heute in ihrer neuen Bleibe besucht. Die alleinerziehende Mutter versorgt neben ihren drei eigenen Kindern auch sechs allein gelassene Straßenkinder. Eines der Mädchen konnte sie vor einer Vergewaltigung retten.
Linets neues Haus besteht nur aus zwei kleinen Räumen, in denen jeweils ein Bett steht. Ihr altes Zuhause hatte die Stadt einfach abreißen lassen. Es musste einer breiteren geteerten Straße Platz machen.
Um ihr neues Haus einzuweihen, hat sie Schwester Mary eingeladen. Und sie hat auch einen anderen guten Freund gebeten zu kommen, Pater Firmin Koffi. Linet hat den jungen Priester gebeten, ihr Haus zu segnen. Der kommt ihrem Wunsch gerne nach. Er streift sich eine Albe über, ein langes weißes Hemd, und legt sich die grüne Stola um. Dann spricht er ein Gebet und segnet das Haus. Mit bloßer Hand spritzt er geweihtes Wasser aus einem Plastikeimer von innen und außen auf die Wände des Hauses. Viel Wasser. Die Kinder lachen.
Verantwortung füreinander
Pater Firmin Koffi gehört zu den Yarumal-Missionaren. Er arbeitet eng mit Schwester Mary zusammen. „Die Menschen hier in Kibera leben wie in einer Familie“, erzählt er. „Sie kümmern sich umeinander.“ Auch die angehenden Priester des Ordens lernen Seelsorge im praktischen Einsatz im Slum kennen. Sie machen regelmäßig Hausbesuche.
Manchmal helfe es schon, einfach nur zuzuhören, ergänzt Schwester Mary. Viele Menschen hätten gar nicht die Erwartung, dass man all ihre Problem löst. Es tue ihnen aber gut, darüber sprechen zu können.
Schließlich machen sich die beiden Ordensleute auf den Weg nach Hause. Linet begleitet sie ein Stück. „Kibera ist mein Zuhause. Ich lebe gerne hier“, erzählt sie. „Wenn ich Kinder sehe, die hungrig sind und niemandem haben, muss ich einfach helfen“, sagt sie, die selbst nur ein kleines Einkommen hat.
Menschen wie Linet gibt es viele in Kibera. „Hier vielleicht mehr als anderswo findest du Menschen, die nach ihrer tiefen Überzeugung leben und einander beistehen“, meint Schwester Mary. „Sie wissen, wenn ihre Nachbarn Probleme haben, und öffnen ihnen in der Not die Tür.“