Wenn Bildung zur Mangelware wird
vor Ort

Wenn Bildung zur Mangelware wird

San José de Güigüe ‐ Seit acht Jahren ist Bruder Santiago Löwenthal Benediktinermönch in der Abtei San José de Güigüe in Venezuela. Neben seinem Philosophiestudium lehrt er Kinder lesen und schreiben. Denn Teile des venezolanischen Bildungssystems sind zusammengebrochen, berichtet er in den „Missionsblättern“ der Missionsbenediktiner von St. Ottilien.

Erstellt: 29.01.2022
Aktualisiert: 15.09.2022
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- Ein persönlicher Erfahrungsbericht -

Seit acht Jahren bin ich Benediktinermönch in der Abtei San José de Güigüe in Venezuela. Zurzeit arbeite ich an meiner Abschlussarbeit im Fach Philosophie am Priesterseminar in Valencia. Vor einigen Monaten habe ich eine Familie kennengelernt, die im Viertel Requena lebt, das an das Gelände unseres Klosters grenzt. Die Eltern, Irma und Francisco, arbeiten beide derzeit in unserem Kloster. Sie hatten über einen Arbeiter, der in einem der Häuser auf unserem Hof wohnte, Kontakt zu mir. Als ich sie kennenlernte, erfuhr ich, dass ihre  beiden Söhne Jhonder David (11 Jahre) und Ezequiel Enrique (13 Jahre) weder lesen noch schreiben gelernt haben. Ich wollte den Kindern helfen und bot an, sie Lesen und Schreiben zu lehren.

Seit dem Zusammenbruch der venezolanischen Wirtschaft im Jahr 2014 haben die Arbeitslosigkeit und die Unsicherheit zugenommen und der Zugang zu Grundnahrungsmitteln ist schwieriger geworden. Die schlechte wirtschaftliche und politische Situation des Landes hat aber auch schlimme Auswirkungen auf die Bildung der Kinder und Jugendlichen. Diese Realität spiegelt die aktuelle Situation im ganzen Land wider. Die Kinder sind täglich mit dem Zusammenbruch des Bildungssystems konfrontiert, da sich die Fachkräfte aus dem Bildungswesen auf der Suche nach einer besseren Zukunft gezwungen sahen, das Land zu verlassen. Die Lebensqualität ist auch durch die Unsicherheit bedroht, da kriminelle Banden in diesem Teil der Gemeinde Carlos Arvelo Zuflucht suchen.

Bild: © Br. Santiago/Missionsbenediktiner

Bei all diesen sozialen Gegebenheiten und dem herausfordernden Alltag finde ich es erstaunlich und motivierend, dass zwei Kinder das Anliegen und den Wunsch zu lernen haben. Nach eineinhalb Jahren haben die Kinder nun gut lesen gelernt. Der Lernprozess verlief anfangs langsam, aber neben dem Lesen konnten sie lernen, ihre Ideen und Vorstellungen frei auszudrücken. Im Moment bringe ich ihnen noch einfache Gebete bei, die sie zu Beginn und am Ende des Unterrichts selbst sprechen. Obwohl unsere Gemeinschaft klein ist, arbeite ich weiterhin mit Begeisterung an diesem Projekt. Ich habe die Absicht, ein Sozialzentrum zu eröffnen, in dem ich weitere Kinder aufnehmen kann, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Dort können andere Kinder und Jugendliche bei uns einen Ort finden, an dem man sie aufnimmt und ihnen zuhört.

Text: Br. Santiago Löwenthal OSB

© Erzabtei St. Ottilien

Der Beitrag spiegelt die Meinung des Autors wider. Er erschien zuerst in den Missionsblättern 4/2021. Weitere Informationen auf erzabtei.de/mission.