Afrika macht es vor: Bannstrahl gegen Plastiktüten

  • Umwelt - 02.01.2022

Sie sind das bekannteste Symbol für die Umweltsünden der Wegwerfgesellschaft: Pro Jahr haben die Deutschen zuletzt knapp 1,5 Milliarden Plastiktüten in den Müll geworfen.

Ab Januar sind sie Geschichte. Dann dürfen die Standard-Tüten, die man üblicherweise an der Ladenkasse bekommt, nicht mehr in Umlauf kommen. Ein Einschnitt nach sechs Jahrzehnten. Sehr leichte Plastiktüten, so genannte „Hemdchenbeutel“, sind allerdings weiter erlaubt. Sie sorgen für einen hygienischen Umgang mit offenen Lebensmitteln wie Fleisch- oder Wurstwaren. Ausgenommen sind auch besonders stabile Mehrwegtüten sowie die dünnen Plastikbeutel, die in der Obst- und Gemüseabteilung verwendet werden.

„Die Plastiktüte ist der Inbegriff der Ressourcenverschwendung“, hatte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bei der Verabschiedung des Gesetzes Ende vergangenen Jahres argumentiert. Einkaufskörbe, Stoffbeutel für Obst und Gemüse und wiederverwendbare Boxen für Waren von der Frischetheke stünden als Alternativen zur Verfügung.

Als Signal für eine konsequente Politik zur Vermeidung von Plastikmüll taugt das Verbot allerdings nicht: Der Verbrauch von Einwegkunststoffen hat seit Beginn der Corona-Pandemie neue Rekorde erreicht. Da nützt auch das im Juli in Kraft getretene EU-weite Verbot von Trinkhalmen, Luftballonstäben oder Einweg-Geschirr aus Plastik wenig.

Auch für Umweltschützer hatte das Ende der Plastiktüte von Anfang an vor allem Symbolcharakter. Lediglich ein Prozent des deutschen Kunststoffverbrauchs entfalle auf Plastiktüten, erklärte der WWF. Umweltschutzverbände dringen seit langem auf ein umfassendes Konzept zur Verringerung von Plastikmüll. 2016 verursachte jeder Deutsche rund 38 Kilogramm Plastikabfall. Ein Spitzenplatz in der EU. Umweltschützer und katholische Initiativen laden deshalb schon länger zum Plastikfasten ein.

Entwicklungsminister Müller sprach sich für Verbot aus

Ein Verbot von Plastiktüten hilft – wenn überhaupt – vor allem dem Artenschutz: Plastik treibt in riesigen Müllteppichen auf den Meeren. Mikroskopisch kleine Partikel gelangen in die Nahrungskette. Müll- und Plastikteile werden vielen Tieren zum Verhängnis.

Für ein sofortiges Verbot hatte sich deshalb auch der damalige Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ausgesprochen. Er hält das Plastikproblem für eine Überlebensfrage der Menschheit und gründete 2019 eine internationale Allianz zur Vermeidung von Abfall, der Firmen und Forschungseinrichtungen angehören, darunter Nestle und Coca-Cola, der Grüne Punkt, Universitäten und der WWF.

Deutschland hat Verbote lange abgelehnt. Eine 2015 verabschiedete EU-Richtlinie verpflichtete die Mitgliedsstaaten, bis 2025 nur noch 40 Plastiktüten pro Kopf und pro Jahr zu verbrauchen. 2016 schlossen die Bundesregierung und der Handelsverband Deutschland eine freiwillige Vereinbarung: Viele Anbieter verzichteten ganz auf Plastiktüten, andere führten eine Bezahlpflicht ein. Der Verbrauch pro Kopf sank daraufhin von 68 Exemplaren pro Kopf 2015 auf 18 Plastiktüten 2019. Dass die Tüten dann trotzdem verbannt wurden, traf beim Handel auf Unverständnis.

Dass ein Verbot funktionieren kann, hat Afrika vorgemacht. Mehr als 25 afrikanische Länder haben entsprechende Gesetze beschlossen. In Ruanda etwa wurden Plastiktüten bereits 2008 komplett untersagt. Wer mit einer der Tüten erwischt wird, muss Strafe zahlen. Eingeführte Tüten werden vom Zoll beschlagnahmt. Ruandas Hauptstadt Kigali gilt mittlerweile als sauberste Stadt des ganzen Kontinents.

Kulturwissenschaftler sehen das Verschwinden der Plastiktüten allerdings auch mit ein wenig Wehmut. „Plastiktüten sind ein Sinnbild der Alltags- und Konsumkultur und schrieben so mit an unserer Kulturgeschichte“, heißt es in dem im September erschienenen Buch „Tüten aus Plastik“. Die Autoren Frank Lang und Christina Thomson betonen: Alle Branchen haben dieses Verpackungs-, Transport- und Werbemittel genutzt – selbst Umwelt- und soziale Organisationen.

Die Autoren loben eine große Vielfalt an Motivik und kreativen Nutzungsvarianten. Plastiktüten von Aldi oder Lidl etwa waren eine Weile Kult. „Und wer dachte, es hätte in der DDR keine Plastebeutel gegeben, der wird staunen.“

Von Christoph Arens (KNA)

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