Afrika auf dem Weg zum eigenen Corona-Impfstoff

  • Forschung - 02.12.2021

Afrika impft von allen Kontinenten am langsamsten gegen das Coronavirus. Gerade einmal fünf der 54 Staaten auf dem Kontinent dürften laut Weltgesundheitsorganisation WHO das Etappenziel erreichen, bis Jahresende 40 Prozent ihrer Bevölkerung zu immunisieren. Experten führen dies vorwiegend auf einen Impfstoffmangel zurück. „Wenn Covid eines gebracht hat, dann die Erkenntnis, wie abhängig wir sind“, sagt Petro Terblanche. Die Südafrikanerin ist Geschäftsführerin von Afrigen, einem jungen Biotechunternehmen in Kapstadt, das im Auftrag der WHO einen lokal produzierten Impfstoff entwickelt.

Dank der Wissenschaftler könnte sich Afrikas Blatt im Kampf gegen Covid bald wenden. „Wir haben die Fähigkeiten und das Wissen und zusätzlich eine aufstrebende Wirtschaft am Kontinent“, meint Terblanche. „Es gibt also keinen Grund, weshalb wir diese Tortur erneut durchstehen sollten.“

Im April verkündete die WHO die Gründung von „Technologietransfer-Zentren“ für mRNA-Impfstoffe. Ziel sei es, Länder mit geringem und mittlerem Einkommen so weit zu stärken, damit diese ihre eigenen Impfstoffe herstellen können. So solle der globale Zugang erhöht werden. Gemeinsam mit anderen Konzernen und Universitäten ist Afrigen Teil des ersten „Tech Transfer Hubs“ in Südafrika. Terblanche lobt die „Energie, Hingabe und den Schwung“, mit der an einem lokalen Impfstoff geforscht werde; Politiker und Forscher arbeiteten mit vereinten Kräften. Allerdings gebe es einen Spielverderber: die Pharmakonzerne.

Beim WHO-Transferzentrum entschloss man sich, den Impfstoff von Moderna zu kopieren. Unter anderem ist dieser wärmeresistenter. Einzig: Weder Moderna noch Biontech wollen ihre Formel mit der globalen Gesundheitsallianz teilen. „Ich denke, das war der entscheidende Moment, an dem die Konzerne die Hand hätten reichen sollen“, klagt Terblanche. „Wir wollten keine Almosen von ihnen, sondern eine gleichberechtigte Partnerschaft“ – inklusive einer angemessenen finanziellen Entschädigung für den Pharmariesen.

Für seine Weigerung, an dem Technologietransfer teilzunehmen, musste Moderna vor kurzem tadelnde Kritik einstecken. Der US-Pharmakonzern sei an „absurden Umsätzen interessiert statt an seinem Beitrag zum globalen Impfbestreben“, so Canidce Sehoma, Vertreterin von Ärzte ohne Grenzen.

Zurück an den Start, hieß es deshalb für Terblanche und ihr Team von 22 Wissenschaftlern. „Wir gingen dorthin zurück, wo jede Forschung beginnt: in die Bibliothek.“ Mithilfe von öffentlich zugänglichen Forschungsberichten und Webinaren fanden die Afrigen-Mitarbeiter mehr über Modernas Vakzin heraus. Im Labor schufen sie schließlich erste eigene mRNA-Wirkstoffe. Wie effektiv diese sind, soll sich in zwei Wochen bei Tests herausstellen. „Oft gibt es Wissenslücken darüber, wie genau etwas behandelt werden oder welches Gerät man einsetzen muss. Es sind feine technische Komponenten, die die Rezeptur bestimmen“, so Terblanche, deren Forscher und Biotech-Ingenieure nach dem „missing link“ suchen.

Während Wissenschaftler in Europa nur 48 Stunden auf gewisse Substanzen für ihre Studien warten, braucht die Verschiffung nach Südafrika oft sechs bis acht Wochen. Trotz solcher Schwierigkeiten ist Terblanche überzeugt: „Wir werden vorhandene und eigene Erkenntnisse umsetzen, um ein mRNA-Vakzin zu entwickeln, das dem von Moderna in nichts nachsteht.“ Tatsächlich soll es bereits Mitte 2022 so weit sein. Anschließend werde Afrigens Technologietransfer-Partner Biovac, ein weiteres Kapstädter Unternehmen, erste Impfdosen produzieren.

Die Tatsache, dass bis zum wissenschaftlichen Durchbruch bloß Monate vergehen statt Jahre, verdankt man laut Terblanche auch der Zivilgesellschaft. „Was wir erleben, passiert in der Forschung nicht jeden Tag. NGOs kommen auf uns zu und bieten uns Geld an, mit der einzigen Bitte, die beste Impfung herzustellen.“ Auch Südafrikas Kirchenführer hätten „lautstark für Impfungen geworben und Menschen die Angst davor genommen“, so Terblanche. Ihr zufolge habe Covid-19 „Mauern niedergerissen“ zwischen Religionen, der Zivilgesellschaft und Privatunternehmen. „Ich hoffe, dass wir darauf aufbauen können, wenn die Pandemie erstmal vorüber ist.“

Von Markus Schönherr (KNA)

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