Fraueninitiative aus Nigeria erhält den Aachener Friedenspreis

  • Aachen - 12.11.2021

Ihr siebenjähriger Sohn wurde erschlagen, ihre Tochter Peace mit der Machete am Kopf getroffen, ihre Mutter und ihre Schwiegermutter wurden umgebracht. Rahila Godwin selbst verlor zuerst ihren Unterarm, kurz danach ihr ungeborenes Kind. Alles bei einem Überfall auf ihr Dorf in Nigeria. Und dennoch verlor die junge Frau nicht ihren Lebensmut. Nicht nur das – sie kämpft für Versöhnung und Vergebung, engagiert sich bei den „Müttern für den Frieden“, dem „Women's Interfaith Council“ (WIC), das am Samstag mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wird.

Viele der mehr als 12.000 Christinnen und Musliminnen, die hier mitarbeiten, haben ein ähnliches Schicksal. Sie haben Ehemänner, Kinder, Eltern oder Geschwister verloren in den blutigen Konflikten.

Zum Beispiel Elizabeth Abuk: Sie ist 64 und hat 2010 die „Mütter für den Frieden“ mit gegründet. 2014 verlor die Politikerin und Frauenrechtlerin bei einem Überfall mehrere Angehörige, wie sie dem deutschen katholischen Hilfswerk Missio berichtete: „Sie wurden alle getötet, meine jüngere Schwester, ihr Mann und drei ihrer Kinder – verbrannt zu Asche.“ Danach habe sie lange gezweifelt, bekennt sie, ist dann aber doch dabeigeblieben: „Und ich spreche immer noch über Frieden. Ich habe eine Leidenschaft für den Frieden. Ich mache weiter.“

Die „Mütter für den Frieden“ demonstrieren gemeinsam. Sie besuchen Waisenhäuser, Flüchtlingscamps, feiern zusammen das islamische Fest Sallah und Weihnachten. „Wir Frauen, Christinnen und Musliminnen, stehen zusammen, geben uns gegenseitig Ratschläge“, sagt Oli Levi. „Ich möchte eine Friedenshüterin sein. Ich will, dass in Nigeria Frieden herrscht.“ Und das, obwohl die 69-Jährige bis heute nicht weiß, was mit ihrer Schwiegertochter ist, die 2018 von der Terrormiliz Boko Haram entführt wurde.

Die neuen Friedenspreisträgerinnen setzen sich vor allem im nigerianischen Bundesstaat Kaduna für ein friedliches Zusammenleben in ihren Dörfern und Stadtvierteln ein. Das WIC besteht aus 23 christlichen und muslimischen Frauenverbänden und ist eine von Laien getragene Organisation, die schon lange von Missio unterstützt wird.

„Die Auszeichnung ist eine großartige Ermutigung“, betont Missio-Präsident Dirk Bingener. Viele der Frauen hätten „Grund gehabt aufzugeben, aber sie haben sich anders entschieden. Sie setzen sich für Versöhnung ein, sie haben eine Passion für den Frieden.“

Kaduna gehört zu den gefährlichsten Krisenregionen in Nigeria. Oft geht es bei den Konflikten um Land, Weiderechte oder den Zugang zu Wasser. Der Streit zwischen Bauern und Viehhirten ist in den vergangenen Jahren eskaliert. Gehören die Streitparteien unterschiedlichen Religionen an, würden die Konflikte schnell als religiös interpretiert, obwohl Religion selten wirklich die Ursache sei, betont Bingener. Und doch führten die Gewalttaten häufig zu Misstrauen zwischen Christen und Muslimen.

Genau diesem Misstrauen wollen die Frauen entgegenwirken. Lautstark protestieren sie gegen den Missbrauch ihrer Religion für politische Zwecke. Und sie fordern mehr Mitsprache für Frauen, denn diese sind in der patriarchalen Gesellschaft Nigerias an Entscheidungen meist nicht beteiligt, dafür aber oft die Leidtragenden.

Nach Anschlägen auf Dorfgemeinschaften suchen christliche und muslimische Frauen der Initiative gemeinsam Betroffene auf und kümmern sich um die Opfer. Sie leisten Seelsorge im wahrsten Sinne des Wortes und organisieren Hilfe. Darüber hinaus veranstalten sie Workshops für Frauen, Jugendliche und Religionsführer, um für gegenseitiges Verständnis zu werben und so Gewalt gar nicht erst entstehen zu lassen.

Schwer genug, wie Bingener betont. Missio hatte die „Mütter für den Frieden“ für den Aachener Friedenspreis vorgeschlagen. Einige der Frauen waren auch schon im Weltmissionsmonat Oktober in Deutschland, um von ihrem Engagement zu berichten. Denn Nigeria war Schwerpunktland der aktuellen Missio-Kampagne, so Bingener: „Die Frauen sind Vorbilder für uns, und ihre Arbeit ist ein wichtiger Baustein für eine friedliche Zukunft Nigerias.“

Friedenspreis auch für Hanauer Anti-Rassismus-Initiativen

Auch zwei Anti-Rassismus-Initiativen rund um die Anschläge von Hanau gehören zu den diesjährigen Friedenspreisträgern. 

Ausgezeichnet werden die „Initiative 19. Februar Hanau“ sowie die „Bildungsinitiative Ferhat Unvar“. Beide Projekte wurden von Angehörigen der Opfer des rassistischen und rechtsextremen Anschlags von Hanau gegründet. Am 19. Februar 2020 tötete ein Attentäter neun Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund. Anschließend erschoss er seine Mutter und sich selbst.

Ziel der „Initiative 19. Februar Hanau“ sei es, so der Verein, Fehlverhalten der Sicherheitskräfte und Behörden vor, während und nach der Tat aufzudecken und strukturell-institutionellen Rassismus anzuprangern. Die „Bildungsinitiative Ferhat Unvar“, die nach einem der Opfer von Hanau benannt ist, leiste Aufklärungsarbeit gegen Rassismus etwa an Schulen und sei eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche mit Rassismus-Erfahrungen sowie deren Eltern.

„Wir müssen uns jeden Tag selbst reflektieren, wo auch wir rassistische Muster in uns tragen“, erklärte das Vorstandsmitglied des Vereins Aachener Friedenspreis, Benedikt Kaleß: „Wir dürfen aber auch die Verharmlosung von rechten Umtrieben nicht länger tolerieren.“

Die Preisverleihung am Samstag soll online und in Präsenz stattfinden. Der Aachener Friedenspreis wurde 1988 erstmals verliehen. Er würdigt Einzelpersonen oder Gruppen, die „von unten her“ zu Frieden und Verständigung beitragen. Im vergangenen Jahr bekamen der in Marokko in der Flüchtlingsarbeit engagierte katholische Priester Antoine Exelmans und die brasilianische Menschenrechtsorganisation Centro Gaspar Garcia den Preis.

KNA/Gottfried Bohl (KNA)/weltkirche.de

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