Herausforderung im Heimatland des Papstes

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Als Jorge Mario Bergoglio im März 2013 in Rom zum neuen Papst gewählt wurde, reagierte die linksgerichtete Regierung von Präsidentin Cristina Kirchner (2007-2015) schnell. Zwar galt Kirchner bis dato als Kritikerin des unbequemen Erzbischofs von Buenos Aires, doch die Linkspopulistin erkannte schnell, welche Chance in einem guten Verhältnis zum ersten Papst aus Argentinien und Lateinamerika lag. Fleißige Helfer ließen deshalb am nächsten Tag in der Hauptstadt Plakate aufhängen, auf denen zu lesen war, der Papst sei ein Peronist. Also ein Vertreter jener politischen Bewegung, der sich auch Kirchner zugehörig fühlt. Fortan suchte Kirchner den direkten Kontakt zum Papst, dem sie zuvor meist aus dem Weg gegangen war, und das Verhältnis verbesserte sich merklich.

Die konservative Opposition nahm das mit Unbehagen auf, wähnte sie die katholische Kirche doch auf ihrer Seite. Inzwischen ist das Tischtuch zwischen den argentinischen Konservativen und Papst Franziskus ziemlich zerschnitten. Dazu trugen auch zwei unterkühlte Empfänge von Franziskus für den konservativen Nachfolger Kirchners Mauricio Macri (2015-2019) bei. Im Wahlkampf 2019 stellten sich die katholischen Armenpriester, allesamt mit dem Papst gut bekannt, öffentlich hinter den Linkskandidaten Alberto Fernandez, der die Wahlen klar gewann und Kirchner zur Vizepräsidentin machte.

Nicht wenige konservative Katholiken nicht nur in Argentinien, sondern in ganz Lateinamerika fühlen sich seit der veränderten politischen Ausrichtung der Kirche in der Region politisch heimatlos. Sie missbilligen die mal mehr oder weniger offen ausgedrückte Sympathie des Papstes mit den dortigen Linksregierungen und Linkspolitikern und fordern eine klarere Haltung zu den Linksdiktaturen. Das ist einer der Gründe, warum die überwiegend eher konservativen evangelikalen Kirchen in Lateinamerika in den vergangenen Jahren einen merklichen Zulauf erhalten; besonders im Nachbarland Brasilien, wo der rechtsgerichtete Präsident Jair Messias Bolsonaro diese Nähe für sich instrumentalisiert und ausnutzt.

In dieser Gemengelage will nun ausgerechnet im Heimatland des Papstes eine Gruppe evangelikaler Pastoren und Laien der Pfingstkirchen eine neue Partei etablieren. Sie trägt den Namen UNO (Una nueva Oportunidad - eine neue Möglichkeit). Sie will jene gesellschaftlichen Kräfte einsammeln, die erzkonservative Positionen einnehmen, von denen die Gründer glauben, sie würden von der Mehrheit des Volkes geteilt. Dazu zählt unter anderem ein klares Nein zu gleichgeschlechtlicher Ehe und Abtreibung, beide Regelungen wurden in den vergangenen Jahren nach heftigen gesellschaftlichen Debatten legalisiert und liberalisiert. „Traditionelle Politiker haben versagt, und eine Gruppe von Evangelikalen hat das Bedürfnis verspürt, sich politisch zu engagieren“, sagte Parteichef und Pastor Walter Ghione der konservativen Tageszeitung „Clarin“, die traditionell dem Macri-Lager nähersteht.

Spannend ist aus politischer Perspektive, ob das Lager um den sich inzwischen wieder in Opposition befindlichen Macri auf die Avancen von UNO eingeht. Ghione zeigte sich zuversichtlich, dass die neue Partei bei den kommenden Wahlen nationale Parlamentssitze gewinnen könne. Zudem seien sie in allen 14 Provinzen Argentiniens bereits strukturell gut aufgestellt. Besonders in Buenos Aires und Santa Fe hoffen die Parteivertreter auf gute Wahlergebnisse. Laut Schätzungen hat die Zahl der evangelikalen Christen in Argentinien in den vergangenen Jahren zwar nicht sprunghaft, aber stetig zugenommen und macht mit fünf Millionen bereits einen spürbaren Anteil der 45 Millionen Bürger aus.

Franziskus, der seit seiner Papst-Wahl das Land nicht mehr besuchte, wertete diese Woche indes einen weiteren engen Kirchner-Vertrauten auf. Anwalt und Sozialaktivist Juan Grabois soll laut „La Nacion“ den Vatikan nun auch im Dikasterium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, dem „Sozialministerium“ des Papstes, beraten. Grabois war zuvor bereits in der Vatikan-Kommission für Gerechtigkeit und Frieden im Einsatz und im Wahlkampf 2019 einer der engagiertesten Unterstützer von Fernandez.

Von Tobias Käufer (KNA)

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