Brasiliens katholische Kirche verschärft Kritik an der Regierung

  • Südamerika - 21.04.2021

Angesichts der außer Kontrolle geratenen Pandemie in Brasilien verschärfen die Bischöfe des Landes ihre Kritik an der Regierung. In einer am Wochenende verbreiteten Botschaft fordern sie Kongress und Justiz zu Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung auf. „Wir dürfen nicht schweigen, wenn das Leben bedroht ist, die Justiz korrumpiert wird und Gewalt Einzug hält“, so die Bischöfe. Brasiliens Corona-Todesrate ist mittlerweile höher als die der USA und die höchste des amerikanischen Doppelkontinents. Mehr als 375.000 Brasilianer starben bereits an Covid-19.

Die drei Gewalten hätten die Pflicht, für den Schutz des Lebens zu sorgen. „Das verlangt nach Kompetenz“, so die Bischöfe. „Diskurse und Handlungen, die die Realität der Pandemie, Hygienemaßnahmen und den demokratischen Rechtsstaat bedrohen, sind nicht hinnehmbar.“ Zwar nennen die Bischöfe Präsident Jair Messias Bolsonaro nicht explizit beim Namen – doch der Appell richtet sich klar an den Rechtspopulisten, der in der Vergangenheit immer wieder die Notwendigkeit der Maßnahmen geleugnet und gar ausdrücklich zu deren Missachtung aufgerufen hat. Mehrfach deutete er an, gemeinsam mit dem Militär gegen die Maßnahmen vorgehen zu wollen.

Die Bischöfe betonen zudem die dringende Aufgabe, Impfstoff für alle zu beschaffen. Auch hier war Bolsonaro lange untätig, so dass die Impfkampagne äußerst schleppend verläuft. Notwendig sind laut den Kirchenvertretern zudem menschenwürdige Corona-Hilfen, um Menschenleben zu retten und die Wirtschaft anzukurbeln. Angesichts des sich unter anderem durch Falschinformationen und Hassrede in den Sozialen Netzwerken ausbreitenden Klimas der Gewalt treten die Bischöfe Versuchen der Regierung entgegen, die geltenden Waffengesetze zu lockern.

Zwar leide man auch selbst unter den Schutzvorkehrungen, etwa den aktuellen Kirchenschließungen. „Aber die Heiligkeit des Lebens verlangt von uns Weisheit und Verantwortung“, so die Bischöfe. Die katholische Kirche in Brasilien hatte sich wiederholt hinter die von Bürgermeistern und Gouverneuren angeordneten Maßnahmen gestellt, darunter die zeitweilige Kirchenschließung.

Dagegen unterstützten zahlreiche evangelikale Großkirchen die Bemühungen Bolsonaros, die Kirchen offenzuhalten, und schlossen sich seiner Kritik an den Corona-Maßnahmen an. Die Justiz machte Bolsonaro bei seinem Kampf gegen den Corona-Schutz allerdings einen Strich durch die Rechnung. Das Oberste Gericht sprach den Lokalregierungen das Recht zu, je nach Infektionslage Schließungen anzuordnen. In ihrem Schreiben fordern die Bischöfe Geschlossenheit der Kirchen in Brasilien und der Sozialen Bewegungen.

Vor wenigen Tagen hatte der Erzbischof von Sao Paulo, Kardinal Odilo Scherer, angesichts des gesellschaftlich grassierenden Radikalismus sogar vor einer neuen Diktatur gewarnt. Er verspüre stärker werdende faschistische Tendenzen, häufig unterlegt mit einem religiösen Impetus, so Scherer in einem TV-Interview.

Dabei kritisierte der Kardinal auch die politischen Ambitionen der evangelikalen Kirchen in Brasilien. Anders als die katholische Kirche versuchten diese, immer mehr „Pastoren und Bischöfe“ in die Politik zu bringen. „Ist das nicht etwa ein gefährlicher Weg für die Zukunft der Demokratie?“

Von Thomas Milz (KNA)

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