Vor 60 Jahren wurde Kongos erster Regierungchef Lumumba getötet

  • Afrika - 07.01.2021

Es war der Kalte Krieg im heißen Afrika. Patrice Lumumba, erster Ministerpräsident des gerade unabhängigen Staates Kongo, biss im Westen auf Granit. Er diente sich den Russen an – und unterschrieb damit sein Todesurteil.

Es war die klassische Geschichte von der linken Lichtgestalt im Kampf gegen die Kolonialisten. Gandhi gegen die Engländer, Steve Biko gegen die Buren, Che Guevara gegen die kubanische Diktatur. Alle errangen sie wichtige Etappensiege, und alle starben sie einen gewaltsamen Tod. Auch Patrice Lumumba, der vor 60 Jahren, am 17. Januar 1961, einem Mordanschlag zum Opfer fiel – unter Billigung höchster belgischer und US-amerikanischer Stellen. Der unabhängige Staat Kongo, für den er kämpfte, ist seitdem nie zur Ruhe gekommen.

Patrice Emergy Lumumba war schon immer ein Unruhestifter. Früh muss Tasumbu Tawosa – so sein Geburtsname 1925 – daher die Schule verlassen, und spätestens seit 1958, als Wortführer der Unabhängigkeitsbewegung, nennt man ihn nur noch Lumumba („aufrührerische Massen“). Der Kolonialmacht Belgien sind Lumumbas Ziele und sein forsches Auftreten ein Dorn im Auge. Im Oktober 1959 wird er verhaftet und gefoltert, doch angesichts der andauernden Aufstände im Land wieder freigelassen. Der junge belgische König Baudouin (1930-1993) willigt gar in die staatliche Unabhängigkeit ein.

Der brillante Redner Lumumba gewinnt im Mai 1960 die ersten Parlamentswahlen, und so wird er – gegen alle Widerstände der weißen Eliten – erster Ministerpräsident einer unabhängigen Republik Kongo. Beim Festakt zur Unabhängigkeit Ende Juni kommt es zu einem Eklat. Während Baudouin, um Gesichtswahrung bemüht, die „zivilisatorischen Leistungen“ der belgischen Krone und ihrer Siedler im Kongo preist, widerspricht ihm Lumumba in seiner Gegenrede aufs Heftigste: „Wir haben diesen gerechten und edlen Kampf ausgefochten, um die entehrende Sklaverei zu beenden, die uns ein beschämendes Unterdrückungsregime aufzwang. [...] Unablässig wurden wir mit Spott, Beleidigung und Schlägen traktiert, bloß weil wir Neger waren.“ Man werde die Massaker und die zahllosen Toten nicht vergessen.

Der König will ob dieses offenen Affronts sofort abreisen, lässt sich aber zum Bleiben überreden. Das Tischtuch zwischen den beiden ist dennoch zerschnitten, nicht nur für das abschließende Gala-Diner. Doch Lumumbas vordergründiger Triumph steht unter keinem guten Stern. Die Belgier entlassen das Land völlig unvorbereitet in die Unabhängigkeit. Für eine funktionierende Infrastruktur haben sie während ihrer Herrschaft nur dort gesorgt, wo sie die Transportwege für die erbeuteten Bodenschätze sichern sollte. Von Bildung oder Gesundheitsversorgung für die einheimische Bevölkerung konnte keine Rede sein. Schwerste Menschenrechtsverletzungen waren an der Tagesordnung.

Außen- wie innenpolitisch wehen dem neuen Regierungschef gleich mehrere Stürme ins Gesicht. Teile der Armee meutern, und nach Gerüchten über Massenvergewaltigungen weißer Frauen durch Soldaten interveniert Mitte Juli die belgische Armee. Tags darauf erklärt sich die südkongolesische Provinz Katanga – reich an Diamanten, Kupfer, Blei und Zink – für unabhängig von der Zentralregierung.

Nur die Sowjetunion bietet Lumumba Hilfe an. Desavouiert im Westen, im Stich gelassen von den UN, versucht er, die weltpolitische Konstellation des Kalten Krieges zu nutzen, indem er sich auf die Seite der Sowjets schlägt. Damit unterzeichnet Lumumba quasi sein Todesurteil, mitgeplant und gebilligt durch die CIA und den belgischen Geheimdienst, wie Brüssel später indirekt einräumte: Die dortige Regierung sprach 2002 von einer „moralischen Mitverantwortung“ Belgiens und einer Mitwisserschaft König Baudouins.

Nach Monaten des Tumults und Bürgerkriegs wird Lumumba am 17. Januar 1961 im damaligen Elisabethville (Seit 1966: Lubumbashi) in der Provinz Haut-Katanga ermordet. Ein alter Weggefährte nannte ihn später einen „Kometen, der über den Himmel zog und wieder verschwand“. Das Land Kongo ist seitdem nie zur Ruhe gekommen. Die Diktatur des „Leopardenmanns“ Mobutu Sese Seko (1930-1997); der Putsch des zwielichtigen Lumumba-Getreuen Laurent-Desire Kabila, der im Januar 2001 – fast auf den Tag 40 Jahre nach Lumumba – umgebracht wurde; der mörderische Vielvölkerkampf um Macht und Blutdiamanten: Schlaglichter auf einen Konflikt, bei dem auch EU-Staaten keine weiße Weste haben.

Demokratische Republik Kongo

Die Demokratische Republik Kongo ist nach Algerien der zweitgrößte Flächenstaat Afrikas und fast siebenmal so groß wie Deutschland. Auf einem Gebiet, das etwa einem Viertel der Größe der USA entspricht, leben schätzungsweise rund 101,8 Millionen Menschen. Der Kongo ist ein Vielvölkerstaat mit mehr als 200 Ethnien. Das Land im Zentrum Afrikas, das von 1971 bis 1997 Zaire hieß, hat gemeinsame Grenzen mit Kongo-Brazzaville, der Zentralafrikanischen Republik, dem Südsudan, Uganda, Ruanda, Burundi, Tansania, Sambia und Angola.

Vor allem im rohstoffreichen Osten des Kongo kämpfen seit Jahren zahlreiche Rebellengruppen um die Vorherrschaft. Konflikte in den Nachbarstaaten tragen ebenfalls zu einer politisch instabilen Lage bei. Hinzu kommt eine meist schwache Zentralregierung in Kinshasa. Jahrelang wurde das Land unter Diktator Joseph-Desire Mobutu ausgeplündert. 1997 folgte auf Mobutu der ehemalige Rebellenführer Laurent-Desire Kabila; nach dessen Ermordung gelangte 2001 sein Sohn Joseph Kabila an die Macht. Seit Anfang 2019 amtiert Felix Tshisekedi (57).

Die katholische Kirche, der rund die Hälfte der Kongolesen angehört, gilt als wichtige Mittlerin in dem Land, das 1960 seine Unabhängigkeit von Belgien erlangte. Die Ausbeutung und die teils brutalen Menschenrechtsverletzungen durch die belgischen Kolonialherren sowie der seinerzeit überstürzte Übergang des Kongo in die staatliche Souveränität sind weitere Gründe dafür, warum das Land immer wieder von Krisen erschüttert wird. Seit 1999 versuchen die UN, mit ihrer Monusco-Mission den Demokratisierungs- und Friedensprozess im Kongo voranzubringen.

Neben Rohstoffvorkommen verfügt der Kongo über eine reiche Tier- und Pflanzenwelt. Hier befinden sich die größten noch bestehenden Regenwaldgebiete Afrikas. Die wohl berühmtesten tierischen Bewohner des Landes sind die Berggorillas im Nationalpark Virunga. Aufgrund der vielen Konflikte und des teils illegalen Rohstoffabbaus sind allerdings auch Flora und Fauna massiv bedroht.

Von Alexander Brüggemann (KNA)

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