Schicksalswahlen in Zentralafrika

  • Frieden - 26.12.2020

Weite Gebiete der Zentralafrikanischen Republik befinden sich acht Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs unter der Kontrolle von Rebellen. Doch das ist nicht das einzige, was am Wahltag den Frieden bedroht.

„Ich bin zuversichtlich, dass die Wahl friedlich vorübergeht, denn die Menschen haben den Krieg satt. Viele haben Angst; sie zeigen Symptome von Posttraumatischer Belastungsstörung.“ Flora Samba weiß, wovon sie spricht. Sie ist die einzige klinische Psychologin in der Zentralafrikanischen Republik, einem Land mit fast fünf Millionen Einwohnern, von denen sehr viele unter Kriegstraumata leiden. Seit 2012 schwelt in Zentralafrika ein  Bürgerkrieg. Die Sorge ist groß, dass der Urnengang am kommenden Sonntag (27. Dezember) die Gewalt erneut entfacht.

„Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in der Zentralafrikanischen Republik könnten die Fähigkeiten nationaler und internationaler Akteure testen, das Land stabil zu halten“, hieß es unlängst von der International Crisis Group (ICG). Die Organisation zeichnet ein alarmierendes Bild: Rebellen, die Wahlbeauftragte entführen und Wähler davon abhalten, sich zu registrieren; humanitäre Helfer, die zwischen die Fronten geraten; und darüber hinaus eine politisch so aufgeheizte Rhetorik, dass die Zukunft des Landes auf dem Spiel zu stehen droht.

Für Spannungen sorgte vor allem die Kandidatur von Ex-Präsident Francois Bozize (74). Der Sturz des immer noch einflussreichen Politikers hatte das Land 2013 ins Chaos gestürzt. Über Nacht hatte die muslimische Rebellenallianz Seleka damals die Hauptstadt Bangui erobert und Bozizes Regierung entmachtet. Die christliche Bürgermiliz Anti-Balaka („Gegen-Machete“) rief zur Verteidigung auf. In dem Blutbad starben Tausende Menschen. Erst 2015 fand die frühere französische Kolonie durch die Wahl des Mathematikprofessors Faustin Touadera (63) zu etwas Stabilität zurück. 2019 unterzeichneten die Regierung und 14 Rebellengruppen einen Friedenspakt.

Das Mandat der UN-Friedensmission MINUSCA wurde im November für ein weiteres Jahr verlängert. „Aber die Übergriffe auf Zivilisten im ganzen Land gehen weiter, und jeder vierte Bewohner lebt entweder als Binnenvertriebener oder als Flüchtling in einem Nachbarland“, berichtet die Fotojournalistin Adrienne Surprenant aus Bangui.

Anfang Dezember verbannte der Verfassungsgerichtshof Ex-Präsident Bozize aus dem Rennen, da ihm nach wie vor Mord und Folter angelastet werden. Doch auch das vermochte die aufgeheizte Stimmung nicht zu bessern. Am Samstag beschuldigte die Regierung Bozize, einen Coup vorzubereiten; seine Rebellentruppen sollen 150 Kilometer vor der Hauptstadt warten. Sorge bereitet darüber hinaus die Opposition, die der Regierung unterstellt, die Wahlen manipulieren zu wollen. „Wenn der Verlierer das Ergebnis nicht anerkennt, droht eine politische und institutionelle Krise“, warnt die ICG. Dieses Chaos könnten wiederum bewaffnete Gruppen nutzen, um den Staat „weiter zu untergraben“.

Doch es gibt auch Hoffnungsschimmer: Zu Monatsbeginn unterzeichneten die politischen Rivalen einen Verhaltenskodex, der den Frieden am Wahltag und danach garantieren soll. „Wir sind keine Feinde, denn Politik bleibt ein Kampf der Ideen“, so die Politikerin Monique Yanoy-Kinda. Auch UNO-Generalsekretär Antonio Guterres sieht die Wahl in Zentralafrika als „Chance für nationale Versöhnung, Festigung des Friedens, rechtsstaatliche Ordnung und Demokratie“.

Was entscheidet also darüber, ob das Votum die Zentralafrikaner noch tiefer in die Anarchie stürzt oder ihnen den lang ersehnten Frieden beschert? Banguis Kardinal Dieudonne Nzapalainga, der immer wieder gemeinsam mit muslimischen Glaubensführern symbolisch für Frieden eintritt, ruft die Politiker auf, statt auf Manipulation auf „realistische“ Versprechen zu setzen. Die International Crisis Group sieht auch die afrikanischen Nachbarn, die Vereinten Nationen und die EU gefordert.

Denn nicht zuletzt gilt die Wahl auch als ein Stellvertreterkonflikt zwischen Russland und Frankreich. Beide sind militärisch in den Konflikt involviert; das eine Land unterstützt Amtsinhaber Touadera, das andere den Regimewechsel. Von der ICG hieß es dazu technisch-diplomatisch: „Um glaubhafte Wahlen sicherzustellen, sollten die internationalen Partner eine gemeinsame Basis finden.“

ZFD-Agiamondo-Fachkraft Annette Funke bittet vor den Wahlen um Gebete für die Zentralafrikanische Republik (ZAR).


Zum Gebetsanliegen (PDF)

Von Markus Schönherr (KNA)

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