„Schwester Neusa ist unser Engel“

  • Reportage - 18.12.2020

Die Fischerpastoral verteidigt die Menschen am Rio São Francisco gegen Viehzüchter, die ihnen das Land streitig machen. Die Menschen sind überzeugt: Ohne Schwester Neusa do Nascimento wären sie längst vertrieben.

In Jeans und T-Shirt steht Schwester Neusa do Nascimento vor rund 60 Bauern und Fischern. Die Ordensschwester von Brasiliens Fischerpastoral feiert mit den Menschen des Quilombos Caraíbas Gottesdienst. Viele der rund 35 Familien in dieser Siedlung sind Nachkommen ehemaliger Sklaven, manche schon in der fünften Generation. Sie leben vom Fischfang und einem bescheidenen Getreide- und Gemüseanbau.

Doch ihr Leben und ihr Quilombo sind bedroht: Mächtige Viehzüchter haben es hier im Norden des Bundesstaats Minas Gerais auf das Land der Quilombolas abgesehen. Und mit großer Wahrscheinlichkeit hätten sie es sich auch längst angeeignet, wären da nicht Schwester Neusa und die vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützte Fischerpastoral.

Als Schwester Neusa fragt, was die Bewohner zuletzt erlebt haben, steht ein junger Mann auf und erzählt, wie die Polizei ihn und seine Familie vor Kurzem drangsalierte: „Sie behaupteten, dass ich Waffen versteckt hätte. Sie wollten unser Haus durchsuchen. Es ging ihnen aber darum, uns einzuschüchtern.“ Die anderen Bauern und Fischer klatschen.

Weitere Menschen ergreifen das Wort. „Die Viehzüchter haben ein abgelegenes Haus angezündet“, sagt einer. „Sie schicken ihr Vieh in unsere Pflanzungen“, berichtet ein anderer. „Sie versuchen, unsere Gemeinschaft zu spalten, indem sie einigen Bewohnern Geschenke machen und etwa einen Arztbesuch bezahlen“, erzählt ein Dritter. Ganz am Ende meldet sich eine Frau und sagt, dass man trotz allem durchhalten werden: „Denn derselbe Gott, der dem Volk Israel sein Land versprach, verspricht es auch uns!“

Schwester Neusa nickt. „Gott lässt niemanden fallen, der bei ihm Halt sucht“, sagt die 51-Jährige. Man werde vereint den Versuchen der Vertreibung widerstehen. „Lasst uns singen!“ Gleich in der ersten Strophe des Liedes heißt es: „Wenn unsere Rechte verletzt werden, dann verliert ganz Brasilien.“ Schwester Neusa und die Fischer und Bauern fassen sich an den Händen. Sie singen laut und kräftig. Denn sie wissen, dass die Worte wahr sind – sie erleben jeden Tag, was Ungerechtigkeit bedeutet.

Die Menschen hier haben allerdings nicht nur mit der Bedrohung durch die Viehzüchter zu kämpfen, sondern auch mit dem Klima. Das Quilombo Caraíbas liegt in einer der trockensten Regionen Brasiliens. Der letzte Regen fiel vor einem halben Jahr und die Zisternen sind leer. Der Staat kümmert sich nicht um die Wasserversorgung, und so bleibt die einzige Wasserquelle der Rio São Francisco, einer der größten Flüsse Brasiliens, an dessen Ufer Caraíbas liegt.

Der Fluss liefert den Menschen das Wasser zum Waschen und zum Bewässern ihrer Felder, und er versorgt die Menschen mit Fisch. Nach dem Hochwasser düngt das zurückbleibende Sediment große Flächen, die dann landwirtschaftlich genutzt werden. „Es ist Schwerstarbeit“, erzählt Schwester Neusa, „denn die Menschen haben nur Hacken und Sicheln.“

Trotz all der Schwierigkeiten sehen die Fischer und Bauern diesen Flecken Erde mit liebenden Augen. Er ist ihre Heimat. Und sie sind stolz darauf, in einem Quilombo zu leben. „Eigentlich, so sieht es Brasiliens Verfassung vor, sind Quilombos per Gesetz geschützt. Niemand darf den Bewohnern ihr Territorium streitig machen“, erklärt Schwester Neusa. Aber bis ein Quilombo erst einmal vom Staat anerkannt und unter Schutz gestellt sei, vergingen Jahre, teils Jahrzehnte.

In dieser Zeit versuchen Großgrundbesitzer häufig, den Anerkennungsprozess zu torpedieren und die Bewohner zu vertreiben. So läuft es auch in Caraíbas und im benachbarten Quilombo Croatá, einige Kilometer flussabwärts. „Die Bürgermeister der nächsten Ortschaften weigern sich einfach, Strom in die Quilombos zu legen oder die zerlöcherten Zufahrtswege auszubessern“, sagt Schwester Neusa. Die Fischerpastoral übe deswegen Druck auf die Gemeinden aus, endlich zu handeln.

Zusammen mit drei weiteren Ordensschwestern begleitet sie die Quilombos Caraíbas und Croatá seit 2012 in ihrem schwierigen Kampf um Anerkennung. „Ich verbringe die meiste Zeit meines Lebens hier“, sagt Neusa. „Ich gehe in dieser Arbeit auf, ich glaube, dass Gott mir das Geschenk gemacht hat, gemeinsam mit diesen einfachen und würdevollen Menschen zu kämpfen.“ Dafür nimmt Schwester Neusa auch die Drohungen der Viehzüchter in Kauf, denen Menschenrechtsverteidiger seit der Wahl des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro vermehrt ausgesetzt sind.

Schwester Neusa do Nascimento

Florian Kopp/Adveniat

„Im Jahr 2012 kehrten die Fischer und Bauern auf ihr Land zurück“, erinnert sich Schwester Neusa. „Mehrere Viehzüchter hatten es 1979 nach einem verheerenden Hochwasser besetzt und die Quilombolas trauten sich jahrelang nicht, wiederzukommen. 2012 war es anders, weil diesmal Schwester Neusa und die Fischerpastoral den Quilombolas zur Seite standen. Seitdem sind Croatá und Caraíbas zu widerständigen Gemeinschaften zusammengewachsen. Neusa und die anderen Schwestern spielen in diesem Prozess eine entscheidende Rolle. Sie alarmieren Anwälte und Menschenrechtsorganisationen, wenn es wieder eine Drohung gibt. Sie schalten die Presse ein, machen den Kampf der Quilombos sichtbar, leisten aber auch ganz praktische Hilfe, etwa indem sie helfen, Regenwasserzisternen auf den kleinen Höfen zu bauen. Am wichtigsten aber sei es, sagt Schwester Neusa, den Menschen zu zeigen, wie sie ihren eigenen Weg gehen können, ihnen klar zu machen, dass sie Rechte haben und dass sie diese nur durchsetzen können, wenn sie einig sind.

Maria das Dores Pereira da Silva (52), Fischerin und Vizepräsidentin der Einwohnervereinigung mit Schwester Neusa do Nascimento (Franziskanerin) der Fischereipastorale CPP und Enedina Souza dos Santos (51, rechts).

Florian Kopp/Adveniat

„Ohne Schwester Neusa und die Fischerpastoral wären wir nicht mehr hier“, sagt am Abend Enedina Souza in ihrer Küche im Quilombo Croatá. Die 51-Jährige hat mit eigenen Händen einen beeindruckenden Hof aufgebaut. Sie pflanzt Mais und Gemüse an, züchtet Schweine und Hühner, geht fischen, mahlt Maniok. Außerdem hat sie fünf Kinder großgezogen. Im Jahr 2012 war Enedina bei der Wiederbesetzung dabei, heute ist sie eine Wortführerin von Croatá.

Die Fischerpastoral sei wie ein Mutter für die Quilombos, sagt Dona Enedina. „Schwester Neusa hat uns beigebracht, unsere Rechte zu verteidigen.“ Neusa lauscht am Küchentisch mit einem Lächeln. „Wir wussten nicht, dass wir welche haben. Aber Schwester Neusa ist unser Engel.“ Schwester Neusa lauscht am Küchentisch mit einem Lächeln.

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© Text: Philipp Lichterbeck