Kampagne #ImStaying vereint Südafrika

  • Afrika - 17.12.2020

Südafrika hat mit demselben Problem zu kämpfen wie viele Entwicklungs- und Schwellenländer: dem sogenannten Brain-Drain. Jedes Jahr verlassen Tausende das Land. Der Trend soll jetzt mit einer Kampagne gestoppt werden.

September 2019: An einem Frühlingstag in Kapstadt postet der südafrikanische Immobilienunternehmer Jarette Petzer eine Videobotschaft in Sozialen Medien. Darin bringt er seine Trauer zum Ausdruck über die Missstände, die Nelson Mandelas Regenbogennation plagen, von Korruption bis Gewalt –  und, warum es sich seiner Meinung nach trotzdem lohne, in Südafrika zu leben. Was er damals nicht ahnen kann: Dass aus seiner Botschaft bald schon eine Massenbewegung entstehen würde. Heute, 15 Monate später, zählt die Kampagne #ImStaying knapp 1,2 Millionen Mitglieder. Sie sorgen für Laune in einem Land, das viele schon abgeschrieben hatten.

„Im ganzen Land, ja in der ganzen Welt, begannen Südafrikaner, Geschichte zu erzählen, davon, wie Durchschnittsmenschen geholfen wurde oder wie sie einander halfen“, sagt Petzer. Die Geschichten, die auf der Facebook-Seite von #ImStaying geteilt werden, sind inspirierend: Im Fokus steht nicht nur die Schönheit des Landes, etwa ein Spaziergang am Strand oder ein Sonnenuntergang in der Savanne, sondern eine Erzählung, wie in einem Land der Gegensätze religiöse, ethnische und gesellschaftliche Gräben überwunden werden: Ein schwarzer Südafrikaner hilft einem weißen Greis über die Straße. Ein Weißer wechselt einer Schwarzen den platten Reifen. Ein Enkel bringt seiner Oma das Autofahren bei. Und ein Taxifahrer fährt eine Jugendliche kostenlos zum Bewerbungsgespräch. Ärmere Südafrikaner berichten, wie an der Supermarktkasse ein Fremder spontan für ihren Einkauf zahlte.

„Dieser Austausch zählt deshalb, weil er in einem Land mit einer tragischen Vergangenheit stattfindet. Sie brodelt bis heute in seinem Innersten“, sagt Natasha N. Freeman. Laut der Autorin, die ein Buch über das Phänomen #ImStaying schrieb, kam die Kampagne zur richtigen Zeit: Die Vetternwirtschaft unter Ex-Präsident Jacob Zuma hatte den Schwellenstaat heruntergewirtschaftet. Drei Millionen Südafrikaner verloren während der Corona-Pandemie ihre Jobs. Linkspopulisten und Ewiggestrige nutzen die Misere, um Spannungen zwischen den Volksgruppen zu schüren. Hinzu kommen hohe Kriminalität und eine Gewaltwelle: 2019 wurde in Südafrika alle drei Stunden eine Frau ermordet und alle 15 Minuten eine Frau vergewaltigt.

Freeman zufolge sei #ImStaying aus einem „kollektiven, stillen Verständnis“ heraus geboren, dass sich die Südafrikaner das Gegenteil dieser harschen Realität wünschen. „Es war rührend zu sehen, wie Begegnungen zwischen Alltagsmenschen sich entwickelten und Millionen Kommentare von Unterstützung, Empathie, Mitgefühl, Bedauern und sogar Entschuldigungen nach sich zogen.“ Der Name der Bewegung, übersetzt „Ich bleibe“, hat einen ernsten Hintergrund: Jedes Jahr verlassen etwa 23.000 Südafrikaner frustriert ihre Heimat. Viele von ihnen sind hochqualifiziert. Die meisten von ihnen emigrieren nach Kanada, Australien, Neuseeland und Großbritannien. #ImStaying will helfen, diesen Brain-Drain zu stoppen. Ärzte, Ingenieure, Anwälte, aber auch gewöhnliche Südafrikaner sollen wieder für ihre Heimat begeistert werden.

Doch die Kampagne rief auch Kritiker auf den Plan: Die „Stayers“ seien selbstgefällig und „elitär“, hieß es. Viele wollten durch ihre Taten nur ihr Gewissen beruhigen und verschließen die Augen etwa vor dem Alltag in Townships. „Wir brauchen Wandel. Unsere Sorge ist, dass #ImStaying diesen rückgängig macht und stattdessen sagt: „Lasst uns einfach glücklich sein“„, so ein Anrufer des Radiosenders CapeTalk.

Doch Ralph Mathekga, Politologe in Johannesburg, ist anderer Meinung. Ihm zufolge habe die Kampagne ihr Ziel bislang nicht verfehlt. „Zwar entscheidet jeder für sich, ob er oder sie ein Land verlässt, doch letzten Endes haben kollektive Geschichten einen Einfluss darauf.“ Das gelte allem voran in einem jungen, krisengebeutelten Land wie Südafrika, wo viele sich nach dem vergangenen Jahrzehnt „desillusioniert“ fühlten – und in die Falle von Populisten zu tappen drohten. Mathekga: „Selbst, wenn wir den Erfolg der Kampagne nie messen werden können, sind wir besser dran mit ihr als ohne sie.“

Von Markus Schönherr (KNA)

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