Iris Argüello – im Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden

  • Mittelamerika - 10.12.2020

„Viele Menschen hier brauchen jemanden, der sich um sie kümmert, der sie begleitet und für sie betet“, sagt Iris Argüello. Für die Mitglieder ihrer Gemeinde ist sie Schwester, Mediatorin, Seelsorgerin und Botschafterin des Wortes Gottes. Sie gibt ihnen Kraft und Hoffnung.

Der Raum in dem einfachen, wellblechgedeckten Steinhaus in einer Armensiedlung am Rande der Gemeinde Jutiapa im Norden von Honduras ist nicht groß. Zwei mal sieben Meter vielleicht, mit einem Fenster, durch das schwaches Sonnenlicht hereinfällt. Ein kleiner Holztisch, Plastiktüten mit Kleidung, zwei Holzpritschen. Das ist alles, was María Escobar seit drei Jahren sieht. Seit sie erkrankt ist, nicht mehr laufen kann und zusehends schwächer wird. Ihre drei Schwestern sind an derselben Krankheit gestorben. Sie wird die nächste sein.

Natürlich war sie beim Arzt. Er hat Geld kassiert und Medizin verschrieben, die sie nicht bezahlen kann, aber eigentlich wusste er keinen Rat. In Honduras ist gute Gesundheitsversorgung nur einer kleinen, reichen Elite vorbehalten, 18 Prozent der Bevölkerung, mehr als 1,5 Millionen Honduraner, haben keinen Zugang dazu. Denn selbst wenn sie zahlen könnten: Medikamente sind Mangelware, Ärzte oft weit weg – besonders auf dem Land. María dreht sich beschwerlich auf der dünnen Matratze zur Wand und schließt die Augen. Der Blick ihrer Mutter Virginia Escobar, die im Türrahmen steht, wandert vom Rücken der kranken Tochter zu den drei Enkelkindern, die vor dem Haus spielen. Virginia fehlt das Geld für das Nötigste, oft sogar für das Abendessen. Sie arbeitet nicht, denn sie muss ihre Tochter pflegen und die Kinder großziehen. Plötzlich breitet sich ein Lächeln über ihr Gesicht aus. Virginia sieht jemanden auf sich zukommen: Iris Argüello.

„Iris kommt regelmäßig zu Besuch. Und immer bringt sie etwas mit: Milch, Mehl, Eier, Zucker, manchmal sogar Medizin“, berichtet Virginia und nimmt dankbar eine Plastiktüte entgegen. Auch María strahlt, als sich Iris an ihr Krankenbett setzt. „Viele Menschen hier brauchen jemanden, der sich um sie kümmert, der sie begleitet und für sie betet“, erklärt Iris später als sie wieder auf die staubige Straße tritt. Tränen steigen in ihre Augen. „Hier gibt es so viele Familien, die Hilfe benötigen. Besonders das Schicksal alleinerziehender Mütter geht mir nahe. Ich versuche, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um zu helfen, und mobilisiere das ganze Viertel.“

Iris Arguello am Altar

Jürgen Escher/Adveniat

Das Evangelium leben

Vor elf Jahren putschte das Militär in Honduras, seitdem wird das Land diktatorisch regiert. 64 Prozent der Bevölkerung leben in Armut oder extremer Armut, die meisten davon in ländlichen Gemeinden. Geldmangel, Hunger und Gewalt bestimmen den Alltag dieser Menschen. „Viele Honduraner mussten schon sterben, weil sie die Wahrheit aufzeigten und gegen die Korruption in unserem Land kämpften.“ Iris steht hinter einem Altar mit weißer Spitzendecke und spricht zu rund 40 Gläubigen, die auf türkisen Plastikstühlen sitzen. Jeden Donnerstag kommen sie in die kleine Betonkirche des Viertels und feiern unter der Leitung von Iris zusammen den Wortgottesdienst. „Wir müssen uns gegenseitig unterstützen und Gerechtigkeit fordern. Indem wir rausgehen, setzen wir das Evangelium in die Praxis um“, sagt Iris.

So versteht die 54-Jährige ihre Aufgabe als Delegada de la Palabra, Botschafterin des Wortes Gottes. Seit 25 Jahren gehört sie zu den vielen Laien in Honduras, die den Glauben in den Gemeinden lebendig halten. Sie sind die lateinamerikanische Antwort auf den Priestermangel, von dem besonders die Landbevölkerung betroffen ist. Die Delegados übernehmen ehrenamtlich deren Aufgaben: Sie beraten und begleiten Erwachsene bei familiären Problemen und Jugendliche bei sozialen Schwierigkeiten. Sie halten einmal in der Woche und bei wichtigen Anlässen Wortgottesdienste und organisieren die Vorbereitung auf Taufe, Kommunion und Firmung. Sie engagieren sich bei lokalen Organisationen, vermitteln zwischen Bewohnern und Politik. Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt die Ausbildung der Delegados de la Palabra seit Jahrzehnten.

„Die Leute sagen: Geh zu Iris, sie findet immer eine Lösung“, erzählt sie und fügt an: „Aber ich stoße oft an meine Grenzen. Wie bei María.“ Trotzdem ist sie Tag und Nacht für die Menschen in ihrer Gemeinde erreichbar, ständig klingelt ihr Handy. Nach dem Wortgottesdienst wird sie herzlich umarmt, alle nennen sie „Schwester“. Die Gemeinde ist wie eine Familie. „Ich wollte nicht nur in die Kirche gehen, um die Bank warm zu halten. Ich wollte etwas tun. Also wurde ich Katechetin. 2001 fand unser Pfarrer dann, ich sei bereit. Endlich durfte ich die Ausbildung zur Delegada beginnen. Als einzige Frau hier“, sagt Iris nicht ohne Stolz. Vier Jahre wurde sie auf ihre Aufgabe vorbereitet. „Ich spürte ein starkes Bedürfnis, Gottes Wort zu verbreiten.“

Für eine bessere Zukunft

Mit ihrer 16-jährigen Tochter wohnt Iris in einem einfachen, aber gemütlichen Haus. Unter dem Vordach baumeln Hängematten. Nebenan, auf demselben Grundstück, wohnt ihre älteste Tochter mit Mann und Sohn, ein Stück dahinter ihre Schwiegertochter mit Baby. Iris’ Sohn ist mit ihrem älteren Enkel vor einem Jahr in die USA emigriert. „Er hat noch Träume und möchte nur das Beste für seinen Sohn. Hier ist es schwierig, ein Kind großzuziehen, ihm eine gute Bildung zu ermöglichen“, sagt sie. Also kündigte er seinen schlechtbezahlten Job und gab all sein Geld einem Schleuser. Iris’ zweitälteste Tochter lebt illegal in Spanien. Trotz Universitätsabschluss fand sie in Honduras keine Anstellung. Jede Familie in Honduras habe Angehörige, die ins Ausland gegangen sind, erzählt Iris.

Jeden Tag verlassen mehr Menschen das Land. Wenn Iris an ihre Kinder denkt, wird sie still. „Eine Mutter macht sich immer Sorgen um ihre Kinder“, sagt sie. „Ansonsten sind wir Frauen so stark wie Männer – oder sogar noch stärker. Viele Frauen hier sorgen allein für ihre Familie.“ Iris muss das nicht. Aber ihr Mann kommt nur einmal im Monat nach Hause, da er im Straßenbau tätig ist und durchs ganze Land geschickt wird. „Ich habe meine Kinder allein großgezogen. Nur so konnten sie in einer würdevollen Umgebung aufwachsen. In einem stabilen Umfeld, mit guter Bildung. Alle haben einen Schulabschluss und ein Studium, auch die Jüngste möchte studieren. Das ist teuer.“

Darum kämpft sie, mobilisiert ihre Gemeinde und steht bei Protesten in der ersten Reihe – gegen die Zerstörung der Umwelt, für gerechte Land- und Ressourcenverteilung und gegen die Regierung. Sie begibt sich in Gefahr, denn auch friedliche Demonstrationen enden oft gewaltsam, wenn sich Polizei oder Militär einschalten. Angst habe sie nicht, erzählt sie. „Ich versuche, so gut wie möglich auf mich zu achten, auch wenn es keinen richtigen Schutz gibt. Mein Glaube gibt mir Mut und Stärke.“ Als Frau in der patriarchalischen Gesellschaft von Honduras braucht sie das auch. „Und außerdem“, fügt sie hinzu, „lieber sterbe ich durch einen Kopfschuss, als nichts getan zu haben.“ 

Iris’ Einsatz beschränkt sich nicht nur auf ihr Viertel, mit dem Bus fährt sie auch in andere Gebiete des Verwaltungsbezirks Atlántida an der nördlichen Atlantikküste, in dem sie lebt. „Meine größte Motivation sind meine Kinder und Enkel. Wie werden wir ihnen das Land überlassen?“ Iris zeigt von ihrer Veranda aus auf die tiefgrünen Berge in der Ferne. „Dort ist ein Naturschutzgebiet, aber es gibt immer wieder Brandrodungen. An manchen Tagen haben wir kein Wasser, weil es illegal genutzt wird. Wahrscheinlich von den Bergwerken. Wir müssen um das kämpfen, was Gott uns allen geschenkt hat, und nicht nur einer kleinen Gruppe. Denn wir möchten ein Honduras mit guten Zukunftsaussichten und glücklichen Familien. Ein Honduras, in dem die Menschen bleiben wollen.“

Dossier

Trotz Landflucht lebt jeder Fünfte in Lateinamerika und der Karibik auf dem Land. Das bedeutet häufig auch, abgehängt und ausgeschlossen zu sein. Die Adveniat-Weichnachtsaktion 2020.


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© Text: Christina Weise/Adveniat