Bischöfe besorgt über Lage der Christen in Syrien und Irak

  • Naher Osten - 25.11.2020

Die katholischen Bischöfe in Deutschland sind besorgt über die Lage der Christen in Syrien und im Irak. „Sie sind nach wie vor vielen Gefahren und Verfolgungen ausgesetzt“, erklärte der für Weltkirche-Fragen zuständige Bamberger Erzbischof Ludwig Schick am Mittwoch in Bonn bei der Vorstellung einer neuen Arbeitshilfe zur Situation in Syrien und im Irak.

Erzbischof Dr. Ludwig Schick (Bamberg), Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, erklärte: Die Lage der Christen „bleibt sowohl in Syrien als auch im Irak – auch nach dem militärischen Sieg über den ‚Islamischen Staat‘ – besorgniserregend. Sie sind nach wie vor vielen Gefahren und Verfolgungen ausgesetzt.“ Grundsätzlich müsse man feststellen: „Der Terror des IS hat die Region auf dramatische Weise und langfristig destabilisiert. Die brutale Gewalt der Islamisten hat viele Christen zur Flucht gezwungen.“ Immerhin aber existiere weiterhin eine christliche Minderheit. Inmitten der ethnischen, religiösen und politischen Spannungen sei sie vor die große Herausforderung gestellt, ihren Platz in einem vom Bürgerkrieg zerstörten Syrien und einem von anhaltender Instabilität geprägten Irak zu finden.

Bezugnehmend auf seine jüngsten Reisen in die beiden Länder zeigte sich Erzbischof Schick vom Mut und der Widerstandskraft der Ortskirche und ihrer Gläubigen beeindruckt. Wenngleich ihre Erinnerung von der Verfolgung und Bedrängnis durch den IS geprägt sei, entwickelten sie doch zugleich eine Vision für die Zukunft der Kirche im Nahen Osten. Es gehöre zum Wesen des Christentums, so Erzbischof Schick, sich nicht auf sich selbst zurückzuziehen, sondern allen Menschen in den materiellen und seelischen Nöten zu helfen sowie Hoffnung und Zuversicht zu verbreiten. Im Hinblick auf die Präsenz der Christen in Syrien und im Irak zeigte er sich zuversichtlich: „Auch wenn die durch den IS verübten Gräueltaten viele Christen traumatisiert und nachhaltig verunsichert haben, ist die Kirche in Syrien und im Irak von der Bedeutung ihres jahrhundertealten Bestehens im Nahen Osten überzeugt. Sie weiß um ihre Berufung, allen Menschen unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit im Dienst der christlichen Nächstenliebe beizustehen.“

Der chaldäisch-katholische Bischof von Aleppo, Antoine Audo SJ, beschrieb die ungewisse Zukunft und Verwundbarkeit der Christen in Syrien: „Wie alle Syrer sind wir im Moment von großer allgemeiner Armut betroffen und haben keine klare Perspektive für unsere Zukunft. Darüber hinaus fühlen wir Christen uns als Minderheit im Land im Alltag und mit Blick auf die Zukunft schwach und hilflos.“ Die Verantwortlichen in den Kirchen, so Bischof Audo, stellten sich die Frage, wie sie auf die Fülle der Herausforderungen reagieren sollten: die Armut, die rückläufige Zahl von Christen, den demografischen Wandel in einer Stadt wie Aleppo, die Ansiedlung muslimischer Familien in traditionell von Christen bewohnten Vierteln, die steigende Zahl junger Muslime in christlichen und vor allem katholischen Schulen. Eine erste Antwort bestehe darin, so Bischof Audo, dass im Anschluss an eine Synode der katholischen Kirchen (März 2018) verschiedene Ausschüsse gebildet worden seien, um die Beschlüsse im Bereich der Jugend-, Sozial- und Familienpastoral, der Ausbildung von Laien und der Weiterbildung des Klerus umzusetzen: „Diese Ausschüsse haben ihre Arbeit mit dem Ziel aufgenommen, in unserer Gesellschaft eine lebendige und spürbare christliche Präsenz aufrechtzuerhalten. Dies erfordert den Wiederaufbau eines dynamischen christlichen Sozialgefüges, das auf der Suche nach Frieden und Gerechtigkeit der überwiegend muslimischen Gesellschaft zugewandt ist.“

Der Erzbischof von Kirkuk und Sulaimaniyah (Irak), Yousif Thomas Mirkis OP, betonte, dass der Verbleib der Christen im Irak von vielen Faktoren abhänge: „So fühlen sie sich mit Blick auf andere Familienmitglieder, die das Land bereits verlassen haben, hin- und hergerissen, wobei sie jedoch vergessen, welche Opfer [bei einer Auswanderung] gebracht werden müssen. Andererseits fällt es immer schwerer, Argumente zu finden, die sie zum Verbleib im Irak ermutigen sollen. Bleiben reicht nicht, wir müssen alle mit anpacken und mit dem Herzen hier sein, um mit den anderen Gemeinschaften den Wiederaufbau voranzutreiben“. Erzbischof Mirkis erinnerte an die wichtige Rolle der Christen als Bindeglied zwischen den Kulturen. Im Dienst des Bildungs- und Gesundheitswesens hätten sie durch ihre Schulen, Krankenhäuser und Ambulanzen Hervorragendes geleistet.

Der Präsident des Internationalen Katholischen Missionswerks Missio in Aachen, Pfarrer Dirk Bingener, skizzierte die von Missio unterstützte Bildungsarbeit in Syrien und im Irak, die die Stärkung des Zusammenhalts und des interreligiösen Friedens zum Ziel habe: „Gerade der interreligiöse Dialog ist uns sehr wichtig. Es ist unsere Überzeugung, dass Angehörige aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften es nur gemeinsam schaffen können, für eine umfassende Verteidigung der menschlichen Würde und für grundlegende Freiheitsrechte einzutreten. Unsere Partnerinnen und Partner in Syrien und im Irak leben uns vor, dass eine friedliche religiöse Koexistenz entschiedenen Einsatz verlangt, auch angesichts bitterer Rückschläge.“ Friedliche religiöse Koexistenz, so Pfarrer Bingener, gehe einher mit der Pflege interkultureller Kompetenz, der Entwicklung einer eigenen religiösen Identität sowie der Bereitschaft und Fähigkeit zum interreligiösen Dialog. Die kirchliche Arbeit im Bildungsbereich diene diesen Zielen.

Hintergrund

Die Geistlichen äußerten sich mit Anlass der Vorstellung der Arbeitshilfe Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen in unserer Zeit zum Thema Syrien und Irak nach der Herrschaft des „Islamischen Staats“, die mit Blick auf den am 26. Dezember begangenen Gebetstag für verfolgte und bedrängte Christen am heutigen Mittwoch (25. November 2020) in Bonn vorgestellt wurde.

Die Arbeitshilfe gibt einen Überblick über die Situation der Christen in diesen Ländern. Sie erläutert aktuelle Konfliktlinien innerhalb der Gesellschaften, analysiert die Hintergründe und lässt Mitglieder der Ortskirche zu Wort kommen.

Die Initiative Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen wurde von den deutschen Bischöfen 2003 ins Leben gerufen, um für die Lage bedrohter Glaubensgeschwister zu sensibilisieren. Mit Publikationen, liturgischen Handreichungen und öffentlichen Veranstaltungen wird auf die teilweise dramatischen Verhältnisse christlichen Lebens in verschiedenen Teilen der Welt aufmerksam gemacht. Zusätzlich pflegen die Bischöfe mit Solidaritätsreisen den Kontakt zu den unter Druck stehenden Ortskirchen. In Deutschland sucht die Bischofskonferenz auch immer wieder das Gespräch mit Politikern und gesellschaftlichen Akteuren, um auf bedrohliche Entwicklungen hinzuweisen. Jährlicher Höhepunkt der Initiative ist der Gebetstag für verfolgte und bedrängte Christen am 26. Dezember (Stephanustag), der in allen deutschen Diözesen begangen wird.

© Text: DBK/KNA