„Jerusalema“ – zu diesem Hit tanzt die Welt

  • © Bild: Kloster Arenberg/Youtube
  • Afrika - 17.11.2020

„Jerusalema“ ist ein Corona-Gewinner. Während des ersten Lockdown avancierte das Lied zum Überraschungshit des Jahres 2020. Der Song stammt aus Südafrika und besingt auf Zulu das himmlische Jerusalem.

 „Jerusalem ist meine Heimat/Beschütze mich...“, singt eine warme, dunkle Frauenstimme zu einem treibenden Beat. „Geh mit mir/Lass mich nicht hier zurück“, intoniert sie weiter. Könnte man ihre Worte verstehen, würde man wohl sofort die Koffer packen und in die nächste Maschine nach Israel steigen.

Doch erstens handelt es sich bei „Jerusalema“ nicht um einen Werbe-Jingle für Israel-Tourismus. Und zweitens versteht außerhalb Südafrikas kaum jemand Zulu, die Bantusprache, in der gesungen wird. So bleibt den Zuhörern nur, sich auf den Rhythmus des Liedes einzulassen und sich nach anfänglichem Mitwippen aufs schweißtreibende Stapfen und Hüpfen zu verlegen.

Zwei Fragen aber gilt es zu beantworten: Wieso tanzen Menschen in Corona-Zeiten auf der ganzen Welt zu ein und demselben Lied? Und was hat das Ganze mit Jerusalem und Religion zu tun?

Der Song stammt von DJ Master KG, einem südafrikanischen DJ und Musikproduzenten. In einem Video erklärt er: Die Bewegungen seien einem traditionellen Hochzeitstanz entliehen und damit einem typischen religiösen Übergangsritual. „Solche Rituale sind sehr körperlich und dazu gehören oft auch Musik und Bewegung“, sagt die Religionswissenschaftlerin Anna-Katharina Höpflinger. „Der Tanz und die Musik grenzen dabei das Ritual vom Alltag ab und formen eine besondere, eben nicht alltägliche Stimmung.“

Es begann offenbar damit, dass sich eine Gruppe Angolaner dabei filmte, wie sie zu „Jerusalema“ tanzten. Sie stellen das Video ins Netz, es ging viral. Die Leute hatten Zeit; Corona war auf dem Vormarsch – und der Tanz entsprach den Vorgaben: Man hält ausreichend Abstand und tanzt dennoch gemeinsam. Schnell entwickelte sich ein veritabler Tanz-Wettbewerb (#JerusalemaDanceChallenge) auf diversen Social-Media-Kanälen. Flughafenangestellte in Stuttgart bewegen sich zu den gleichen Rhythmen wie Ordensschwestern in der südafrikanischen Diözese Umzimkulu oder niederländisches Krankenhauspersonal.

Jerusalema-Challenge: Dominikanerinnen aus Trujillo (Spanien)

Körper und Tanz werden dabei zum kleinsten gemeinsamen Nenner einer globalisierten Gesellschaft, die sich mit demselben Problem konfrontiert sieht: einem Virus, das tötet. Einem Virus, das zwischenmenschliche Beziehungen auf ein Minimum reduziert und Weltbilder erschüttert. Der Wunsch nach Orientierung ist groß, das Bedürfnis nach Hoffnung noch größer. Und „Jerusalema“ verspricht tatsächlich Hoffnung – auch auf textlicher Ebene.

„Als ich den Song fertig produziert hatte, habe ich ihn wieder und wieder gehört. Ich hatte das Gefühl, etwas sehr Spirituelles gemacht zu haben“, sagt DJ Master KG. Der Text sei ihm und der Sängerin Nomcebo Zikode einfach zugefallen, weil sie sich von besagter spiritueller Aura des Rhythmus hätten leiten lassen.

Tatsächlich erinnert der Liedtext in Kombination mit dem Beat entfernt an afroamerikanische Gospelmusik. Musik, die das Evangelium verkündet – auf eine emotionale, mitreißende Art.

Laut Religionswissenschaftlerin Höpflinger geben die Lyrics von „Jerusalema“ Hoffnung. „Aber“, ergänzt sie, „noch stärker vermittelt das Lied dieses Heilsversprechen auf der Ebene der mitreißenden Musik und des Tanzes“.

Die Anrufung Jerusalems als „Heimat“ und „Königreich“ verweist auf die christliche Hoffnung, die mit dem „himmlischen oder neuen Jerusalem“ verbunden werden. In der neutestamentlichen Offenbarung des Johannes wird das himmlische Jerusalem zum Sinnbild der neuen Schöpfung nach dem letzten Gericht stilisiert.

Jerusalem, ein Ort, wo keine Not und kein Leid zu finden sind, weil Gott gegenwärtig ist – zugegeben eine schwierige Vorstellung, wenn man an die Bilder von Checkpoints und Bomben-Attentaten denkt. Und dennoch wird auch dort an der Hoffnung gearbeitet. So tanzen hier palästinensische und jüdische Jugendliche ebenfalls zu „Jerusalema“ – wenn auch Corona-bedingt nicht so exzessiv.

Ist das der Anfang einer Annäherung, zumindest virtuell? Folgt auf die Apokalypse die Erneuerung? Es wäre eine frohe Aussicht, während die Welt auf einen Impfstoff wartet – und bei Umweltbewusstsein und Gerechtigkeit kaum vorankommt. Zumindest weckt die Tatsache Zuversicht, dass ein einziges Lied die Menschen weltweit wenigstens für gut drei Minuten Ängste, Vorurteile und Konflikte vergessen lässt.

Von Natalie Fritz

© Text: KNA