Wie leere Mägen Südafrikas Entwicklung ausbremsen

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  • Afrika - 26.10.2020

Trauriger Widerspruch: Als Schwellenland zählt Südafrika zu den reichsten Staaten Afrikas. Trotzdem plagt der Hunger seine Bevölkerung. Die Corona-Pandemie hat das Problem verschlimmert.

Während des Lockdown wurden Warteschlangen in Südafrika zum Sinnbild für die Krise. Mal mit mehr, mal mit weniger Sicherheitsabstand standen die Massen und warteten vor dem Sozialamt, der Jobagentur oder der Suppenküche. Die Corona-Pandemie hat einen Feind aufgezeigt, den der junge Schwellenstaat längst besiegt glaubte: den Hunger. Das scheint paradox, gilt Südafrika doch als eines der reichsten Länder auf dem Kontinent. Während der Nachbar Simbabwe seinen Ruf als „Brotkorb Afrikas“ schon lange verloren hat, exportiert Südafrika Nahrung in die ganze Region.

„Südafrikas Herausforderung ist nicht, genügend Nahrung zu produzieren. Es sind weitverbreitete strukturelle Armut und Ungleichheit, die den Zugang zu ausreichend nahrhaftem Essen einschränken“, warnten die Bischöfe des Landes kürzlich. Die Ausgangssperre, die die Regierung im März verhängte, sowie der Einbruch der Wirtschaft ließen die Zahl der Hungernden dramatisch steigen. Fehlte vor Corona jedem fünften Haushalt in Südafrika am Monatsende Geld für Lebensmittel, war es auf dem Gipfel der Pandemie rund die Hälfte. Nach den Lockerungen sind es nun immer noch 37 Prozent, die hungrig zu Bett gehen.

Die Verzweiflung der Betroffenen manifestierte sich: Knapp einen Monat nach Ausrufung des Notstands kam es zu Plünderungen und Gewalt bei Essensausgaben. Für das Institut für Sicherheitsstudien (ISS) in Pretoria ist klar: „Hunger, Unsicherheit, Angst und eine geerbte Ungleichheit ergeben einen Giftcocktail, der Gewalt und Zorn mit sich bringt.“

Über mehrere Wochen hielt sich Südafrika auf Platz fünf der Länder mit den meisten Corona-Fällen. Die von vielen prophezeite Katastrophe mit Tausenden Toten bleib jedoch aus; eine schnelle Reaktion konnte das schlimmste verhindern. Umso schwieriger wird aber die Aufarbeitung der Pandemie: 2,8 Millionen Südafrikaner verloren im vergangenen Halbjahr ihre Jobs. „Normalerweise sehen wir solche Umbrüche in der Wirtschaft nur in Folge von Bürgerkriegen“, sagt Wirtschaftsforscher Nic Spaull.

Hunger und Nahrungsmittelverschwendung

Südafrika gilt als Land mit den größten sozialen Unterschieden weltweit. Der Hunger hat vor allem jene Hälfte der Bewohner fest im Griff, die schon vor der Corona-Krise in Armut lebte – mit verheerenden Folgen, warnen Aktivisten: So sei am Kap jedes vierte Kleinkind wegen Mangelernährung in seiner Entwicklung beeinträchtigt. „In der Schule bringen sie meist schlechtere Leistungen als ihre Altersgenossen, und als Erwachsene sind sie stärker von Arbeitslosigkeit und Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck betroffen“, erklärt die Kampagne „Grow Great“. Sie will das Problem Unterentwicklung durch Mangelernährung bis 2030 beseitigen.

Ironie im Land der Gegensätze: Während Südafrika in puncto Hunger auf seinem Entwicklungspfad feststeckt, schlägt es sich andererseits schon mit einem Problem von Industrienationen herum: Verschwendung von Lebensmitteln. Rund ein Drittel der lokal produzierten Nahrung landet in der Tonne, schätzt Food Forward SA. Die Organisation hat sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensmittel zu den Hungrigen zu bringen. Ihre Mitarbeiter klappern in Lastwagen und Transportern täglich Farmen und Supermärkte ab und beliefern Suppenküchen mit dem Übriggebliebenen. „Seit Beginn des Lockdowns vor sechs Monaten konnten wir 5.300 Tonnen Nahrung verteilen – das entspricht 21 Millionen Mahlzeiten“, verraten die Helfer.

Lange galt Südafrika als das Vorzeige- und Hoffnungsland auf dem Kontinent. Ob es so bleibt, darüber entscheidet die Regierung von Präsident Cyril Ramaphosa. Eine positive Entwicklung habe die Corona-Pandemie für die Armutsbekämpfung gebracht, so die Denkfabrik ISS: Die Regierung sei sich ihrer Schwächen bewusst geworden. Sie arbeite nun vermehrt mit Hilfsorganisationen, Kirchen und Unternehmen zusammen und setze neuerdings auf „soziales Zuhören“. Das hält ISS für wichtig – denn es brauche „ein stärkeres Bewusstsein für die gefährliche Verflechtung zwischen Hunger, Gewalt und Entwicklung“.

Von Markus Schönherr (KNA)

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