Wie der Orden der Claretiner heute missionarisch tätig ist

  • Pater James (rechts) zu Besuch im Kongo. © Bild: privat
  • Orden - 24.10.2020

Vor 150 Jahren starb der heilige Antonio Maria Claret. Der spanische Volksmissionar gründete 1849 den Orden der Claretiner, wurde 1934 selig- und 1950 heiliggesprochen. Heute zählen weltweit 3.100 Ordensmänner in 69 Ländern zu der Gemeinschaft. Im Interview spricht Missionsprokurator James Patteril über die schwierige Feier im Jubiläumsjahr, zeitgemäßes Missionsverständnis und Berufungen.

Frage: Pater James, wird Ihre Gemeinschaft den 150. Todestag Ihres Ordensgründers besonders begehen?

P. James: Wir begehen jedes Jahr den Todestag unseres Gründers, und zwar an allen sieben Niederlassungen unserer deutschen Ordensprovinz: in Würzburg, Frankfurt, Spaichingen, Weißenhorn, Mühlberg an der Elbe sowie in Wien und Zürich. Nach einer dreitägigen spirituellen Vorbereitung feiern wir immer am 24. Oktober ein Fest. Zu der Messe und einem schönen Mittagessen laden wir auch befreundete Ordensleute ein.

In diesem Jahr wollten wir natürlich besonders groß feiern - auch in Rom und unserem spanischen Gründungsort Vic, wo der Orden ein großes spirituelles Zentrum unterhält. Aber wegen Corona wird sich erst kurzfristig klären, ob das klappt.

Frage: Warum haben Sie selbst sich entschieden, ausgerechnet Claretiner zu werden?

P. James: Eine gute Frage (lacht) - ich nehme an, dass es der Wille Gottes war. Denn bevor ich in den Orden eingetreten bin, hatte ich noch nie von den Claretinern gehört, obwohl ich Priester werden wollte. Eines Tages kam ein Claretinerpater in die Gemeinde in meiner indischen Heimat. Ich besuchte damals jeden Tag die Heilige Messe, und mein Pfarrer machte mich mit dem Claretiner bekannt. Bei dem Gespräch wurde mir klar, dass dieser Orden etwas für mich sein könnte. 1978 bin ich dann Claretiner geworden.

Frage: Gibt es ein "Markenzeichen", das die Claretiner von anderen Orden unterscheidet?

P. James: Wir sind eine sehr weltoffene, missionarische Gemeinschaft. Das Schöne ist: Wir dürfen dort arbeiten, wo wir es für wichtig halten - in der Pfarrseelsorge, aber auch in der Kategorialseelsorge, was uns sehr wichtig ist. In Deutschland unterhalten wir zwei geistliche Zentren. Das eine befindet sich im schwäbischen Spaichingen, wo 1924 unsere erste deutsche Niederlassung gegründet wurde. Dort haben wir eine Wallfahrtskirche, die Menschen aufsuchen, die spirituell auf der Suche sind. Das zweite geistliche Zentrum ist in Mühlberg an der Elbe, wo die Menschen unter der kommunistischen Regierung viele Jahre keine Beziehung zu Gott hatten. Nicht nur dort erleben wir Deutschland als Missionsland.

Frage: Woran machen Sie das fest?

P. James: Eine Kirche voller Gläubigen gehört der Vergangenheit an. Aber die wenigen Leute, die noch kommen, sind wichtig für uns. Die Menschen, die sich an uns wenden, sind nicht materiell, aber spirituell sehr arm und bedürftig. Vor einigen Jahren war ich Krankenhausseelsorger, da habe ich auch erlebt, wie arm die Menschen oft dran sind.

Frage: Wie prägen die Persönlichkeit und Spiritualität von Claret den Orden noch heute?

P. James: Pius XII. hat ihn zur Heiligsprechung gut beschrieben: "Eine große Seele, geboren um Gegensätze zu umarmen, von bescheidener Herkunft, doch in den Augen der Welt hoch geachtet, klein von Statur, doch begabt mit einem großmütigen Geist, bescheiden im Aussehen, doch den Mächtigsten und Einflussreichsten Respekt gebietend. Er war von starkem Charakter, doch sanftmütig als Ergebnis von Strenge und Buße, immer in der Gegenwart Gottes, selbst inmitten seines ungeheuren Wirkens." Claret sei wie ein "weiches Licht gewesen, das alles beleuchtet" und getragen von einer großen Hingabe an die Gottesmutter.

Frage: Das ist eine hohe Messlatte für Sie und Ihre Mitbrüder....

P. James: Niemand von uns reicht an Claret heran, aber wir versuchen so gut wie möglich, seinem Vorbild zu folgen. Wir trinken von dieser Quelle, Claret - und möchten seinen Geist durch unsere missionarische Arbeit weitergeben.

Frage: Claret verstand sich als Missionar. Sind Missionare heute noch gefragt?

P. James: Sicher, und wir verstehen uns auch klar als Missionare: Wir möchten möglichst vielen Menschen die Botschaft vom Reich Gottes zeigen, indem wir die Liebe Gottes an sie weitergeben. Wir möchten ihnen helfen, ihren Blick auf Jesus zu richten und den Sinn des Lebens zu finden.

Die Kirche selbst ist missionarisch, und es ist unsere Berufung, dies in Erinnerung zu rufen. Die deutsche Provinz spielt dabei eine wichtige Rolle. Der deutsche Generalobere Pater Peter Schweiger öffnete Mitte des 20. Jahrhunderts die Kongregation für die nichtspanischen Länder. Er bat die Deutsche Provinz, in den Kongo zu gehen. Später wurden auch Studenten aus Indien nach Deutschland geholt, die hier ausgebildet werden sollten. Diese haben dann vor 50 Jahren die Kongregation in Indien gegründet. Die deutsche Provinz ist also ein wichtiges Instrument für unsere missionarische Präsenz in Kongo, Indien, Polen und Sri Lanka.

Frage: Wie müssen Missionare auftreten, damit ihre Botschaft bei den Menschen ankommt?

P. James: Wir müssen vorleben, was wir predigen. Die Leute suchen heute nach Menschen, deren Glaube mit Leben gefüllt ist. Sie orientieren sich an uns als Botschafter der Liebe und Güte Gottes.

Frage: Die Orden sind in einer Berufungskrise. Haben auch die Claretiner Nachwuchssorgen?

P. James: Ja, zumindest in Europa haben wir leider wenig Berufungen; der missionarische Auftrag ist hier nicht leicht zu erfüllen. Deshalb kommen die Berufenen von anderen Kontinenten nach Deutschland, etwa aus Afrika und Asien. Wir Claretiner sind Missionare, wir müssen unterwegs sein und in andere Länder gehen.

Frage: Wie werden sie auf ihren Einsatz in Deutschland vorbereitet?

P. James: Angehende Claretiner kommen als Studenten und werden in Deutschland ausgebildet. Sie lernen also die Theologie in der Sprache des Landes, wo sie später arbeiten. So lernen sie auch die Kultur und die Mentalität des Landes kennen.

Frage: Ist es für diese Berufenen nicht dennoch schwer, sich auf die Menschen vor Ort einzustellen?

P. James: Wir müssen uns anpassen an den Ort, wo wir sind, und dürfen den Menschen nicht einfach unsere eigene Mentalität und Theologie überstülpen. Und wir müssen uns Zeit für die Menschen an unserem neuen Wirkungsort nehmen und uns wirklich auf sie einlassen wollen.

Wir bemühen uns, interkulturell zu sein und unabhängig von unserer Sprache, Nationalität und Herkunft in anderen Länder missionarisch tätig zu sein. Wir transportieren nicht ein festes Glaubensbild von einem Land ins nächste. Denn die Menschen und die Kultur sind immer wieder anders - aber das Evangelium ist gleich. Es kommt darauf an, wie wir es interpretieren. Jesus hat eine Sprache gesprochen, die alle anspricht.

Frage: Ein echter Missionar geht also ganz in seiner neuen Heimat auf?

P. James: So kann man es sagen. Kürzlich ist der Claretinerbischof und renommierte Befreiungstheologe Pedro Casaldaliga gestorben. Er war viele Jahrzehnte in Brasilien, am Amazonas tätig. Er stammte aus Spanien, aber seine Art und Weise war gar nicht mehr spanisch. Er war ganz integriert in das Amazonasgebiet.

Das ist etwas, das wir alle versuchen. Wir Missionare vergessen eigentlich unseren Ursprung. Wir gehen zu den Menschen und passen uns ihrer Kultur an. Wir bringen also nichts aus unserer Heimat mit, das wir den Menschen einfach vorsetzen - nein, missionarische Arbeit ist etwas anderes.

Von Angelika Prauß (KNA)

© Text: KNA