Corona infiziert Asien mit neuer Armut

  • Armut und Hunger - 15.10.2020

In den Entwicklungs- und Schwellenländern werden laut Weltbank bis 2022 rund 150 Millionen Menschen durch Corona zusätzlich in absolute Armut stürzen. Frühere Erfolge bei der Armutsbekämpfung werden zunichte gemacht.

„Es gibt Menschen auf der Welt, die so hungrig sind, dass Gott ihnen nur in Form von Brot erscheinen kann.“ Von diesem Zitat Mahatma Gandhis ließ sich Pater George Kannanthanam bei der Gründung der Initiative „Mother's Meal“ zum 50. Jahrestag der Mission des Claretiner-Ordens in Indien im vergangenen Juli leiten. Inzwischen hilft „Mother's Meal“ mit täglichen Essenspaketen alleinstehenden Senioren und Covid-19-Patienten in der Palliativpflege in ganz Indien.

Die Initiative hat bereits Nachahmer in Nepal und Macao gefunden. „Am 24. Oktober startet Mother's Meal auch in Uganda“, sagt der Redemptorist Kannanthanam stolz. Zugleich betont er, dass diese Hilfe ohne die Zusammenarbeit mit katholischen Organisationen vor Ort sowie Spendenaufrufe im Internet nicht möglich wäre.

Zum ersten Mal seit 20 Jahren steige weltweit wieder die extreme Armut, heißt es in der am 7. Oktober veröffentlichten Analyse der Weltbank. „Die Pandemie und die globale Rezession kann mehr als 1,4 Prozent der Weltbevölkerung in extreme Armut stürzen“, warnte Weltbankpräsident David Malpass. Als extrem arm gilt, wer weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag zur Verfügung hat. Das betrifft in diesem Jahr laut der Weltbank zwischen 9,1 und 9,4 Prozent der Weltbevölkerung. Ohne die Pandemie wäre die Armut hingegen Schätzungen zufolge auf 7,9 Prozent gesunken.

Das wahre Ausmaß der weltweiten Armut wird deutlich, wenn man nicht nur auf die extreme Armut schaut. „Während weniger als ein Zehntel der Weltbevölkerung von weniger als 1,90 Dollar pro Tag lebt, lebt fast ein Viertel der Weltbevölkerung unter der Grenze von 3,20 Dollar und mehr als 40 Prozent – fast 3,3 Milliarden Menschen – unter der Grenze von 5,50 Dollar“, heißt es in dem Weltbankreport. Zudem habe sich schon vor Corona der Fortschritt bei der Armutsbekämpfung verlangsamt. Hatte zwischen 1990 und 2015 die Armut um ein Prozent pro Jahr abgenommen, waren es zwischen 2015 und 2017 nur noch ein halbes Prozent pro Jahr.

Stark betroffen von der Corona-Armut sind die asiatischen Länder, die vor der schwersten Rezession seit der Finanzkrise in Asien vor zwei Jahrzehnten stehen. In Thailand ist der Tourismus als einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren zum Erliegen gekommen. Millionen Menschen haben ihre Jobs als Kellner, Fremdenführer, Hotelmitarbeiter oder auch in der Sexbranche verloren. In Kambodscha oder Bangladesch kämpfen zigtausende Arbeiterinnen der Textilfabriken und ihre Familien um ihr Überleben, weil durch die weltweiten Lockdown-Maßnahmen die Produktion und der Export von Kleidung und Schuhen eingebrochen ist.

Auf den Philippinen, in Nepal, Bangladesch oder Pakistan darben Millionen Familien, weil die Überweisungen ihrer im Ausland arbeitenden Ernährer knapper werden oder ganz ausbleiben. Viele der arbeitslosen Arbeitsmigranten sitzen zudem in ihren Gastländern fest und leben dicht gedrängt in engen Behausungen. Nicht von ungefähr waren in den vergangenen Monaten diese Unterkünfte in Malaysia oder Singapur Hotspots von Covid-19-Ausbrüchen.

Auf der anderen Seite stellen die Reichen ihren Luxus auch während der Corona-Pandemie ungeniert zur Schau. Während in Thailand angesichts von explodierender Arbeitslosigkeit die Zahl der Selbstmorde sprunghaft ansteigt und immer mehr Menschen gegen die vom Militär gestützte Regierung auf die Straße gehen, fuhren im August 40 Besitzer von Fahrzeugen der Luxusmarke Lamborghini in einem Autocorso durch Bangkok zu einer feudalen Party in einem piekfeinen Resort. „Ein Prozent der Bevölkerung besitzt rund Zwei Drittel des Landes“, weiß der Politologe Thitinan Pongsudhirak von der Chulalongkorn Universität in Bangkok.

Der Inder Kannanthanam spricht den Initiativen gegen Armut und Hunger aus der Seele, wenn er sagt: „In Krisenzeiten müssen wir humanitäre Soforthilfe leisten. Aber langfristig braucht es für den Kampf gegen Hunger und Armut grundlegende strukturelle Änderungen.“

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Michael Lenz (KNA)

© Text: KNA