Nigeria: Seit Jahresbeginn mehr als 500 Menschen ermordet

  • Menschenrechte - 17.08.2020

Die nigerianische Provinz Kaduna kommt nicht zur Ruhe: Regelmäßig werden dort Massaker an den Bewohnern verübt. Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Täter gibt es aber kaum. Dadurch wächst das Misstrauen weiter.

Die katholischen Bischöfe von Nigeria sind verärgert – und der Gewalt müde. Das haben sie jüngst in einer Erklärung deutlich zum Ausdruck gebracht. Unter anderem heißt es darin: „Die Morde müssen aufhören. Unsere Herzen bluten, und wir sind umso besorgter, wenn wir von den neuen Massakern im Süden Kadunas hören.“ Dort waren vor gut einer Woche erneut mindestens 21 Menschen ermordet worden. So lautet die offizielle Zahl der Polizei. Verbände, die die Interessen der Menschen des nigerianischen Bundesstaates vertreten, sprechen sogar von 33 Opfern, in fünf Dörfern im Landkreis Zangon Kataf. Zahlreiche Häuser wurden niedergebrannt.

In den vergangenen Tagen hat das zu Protesten in Kaduna und der Landeshauptstadt Abuja geführt. Die Regierung schützt ihre Bevölkerung nicht vor den Gräueltaten, so der Hauptvorwurf der Demonstranten. Dabei ist die Gewalt nicht neu, im Gegenteil: Erst zwei Wochen zuvor waren im Süden Kadunas bereits mindestens 43 Menschen ermordet worden. Auch die verhängte Ausgangssperre hat das neuerliche Massaker nicht verhindert. In den Landkreisen Zangon Kataf und Kauru gilt sie bis auf weiteres rund um die Uhr sowie in Jema'a und Kaura von 18 Uhr bis 6 Uhr am nächsten Morgen, wie Kadunas Gouverneur Nasir El-Rufai nun verkündete.

Laut dem nigerianischen Beratungsunternehmen SB Morgen wurden von Jahresbeginn an bis zum 25. Juli mindestens 551 Menschen in der Region umgebracht. Die Bevölkerung erlebt ständige Gewalt, Ermordungen und die Vertreibung der Bewohner.

Verantwortlich gemacht werden Milizen, deren Mitglieder zum Stamm der Fulani gehörten. Die ethnische Gruppe ist in ganz Westafrika verbreitet, betreibt traditionell Viehzucht und bekennt sich überwiegend zum Islam.

Längst werden Stimmen laut, die über einen Genozid an der lokalen Bevölkerung sprechen. Im Süden Kadunas leben rund 30 ethnische Gruppierungen, die sich überwiegend zum Christentum bekennen. Im Norden Nigerias, der bereits vor der Kolonialzeit muslimisch geprägt war, sind sie dagegen eine Minderheit.

Nach dem Massaker im Juli betonte die Regierung, dass das Sicherheitsproblem komplizierter sei, als es auf den ersten Blick scheine. Es sei eine „teuflische Kombination aus politisch motiviertem Banditentum, tödlichen Vergeltungsangriffen und Gewalt krimineller Gangs, die aus ethnischen und religiösen Motiven handeln“. Denn auch Fulani werden ermordet, worüber nigerianische Medien aber nur selten berichten.

Kaduna, das alte Machtzentrum Nordnigerias, hat indes eine lange Geschichte der Unruhen. Bereits 1987 kam es in der Stadt Kafanchan nach einer Meinungsverschiedenheit von Studenten, die unterschiedlichen Religionen und Ethnien angehörten, zu Ausschreitungen. Schwere Unruhen folgten 2000, als die Scharia eingeführt wurde. Nach den Präsidentschaftswahlen 2011 galten monatelang Ausgangssperren. Die Wahlniederlage von Muhammadu Buhari – der vier Jahre später schließlich doch noch zum Präsidenten gewählt wurde – wollten viele Jugendliche nicht hinnehmen: hunderte Menschen starben, mancherorts wurden ganze Straßenzüge angezündet.

Versuche, die Gewalt zu beenden, hat es auf lokaler Ebene immer wieder gegeben. Es sind vor allem nichtstaatliche Organisationen und Privatpersonen, die sich für ein friedliches Zusammenleben einsetzen. 2016 unterzeichneten 29 Gruppierungen zudem die Friedenserklärung von Kafanchan, mit der friedliche Konfliktlösungen erarbeitet und etabliert werden sollten.

Die Gewalt beendet hat das jedoch nicht. Durch die neuerlichen Angriffe ist außerdem das Misstrauen gewachsen. Das liegt auch daran, dass es nach Überfällen kaum Ermittlungen gibt. Längst ist nicht immer klar, wer die Morde tatsächlich verübt oder sie in Auftrag gegeben hat.

 

Von Karin Gänsler (KNA)

© Text: Karin Gänsler