Corona, Heuschreckenplage, Unruhen – Äthiopien in der Krise

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  • Afrika - 15.07.2020

Äthiopien kämpft derzeit mit zahlreichen Krisen. Neben Corona und weiteren Krankheiten bedrohen eine Heuschreckenplage und politische Unruhen die Stabilität des Landes. Einem großen Teil der Bevölkerung ist jegliche Lebensgrundlage weggebrochen. Die Äthiopien-Referentin des katholischen Hilfswerks Misereor, Dorothee Zimmermann, sieht Äthiopien an einem Scheideweg und warnt im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vor einer gefährlichen Dynamik.

Frage: Frau Zimmermann, Äthiopien wird derzeit von Krisen geschüttelt. Wie ist die Lage im Land?

Zimmermann: Die Lage ist extrem angespannt. Wenn man alles zusammennimmt, kommen einem unweigerlich die sieben Plagen in den Sinn, das hat nahezu biblische Ausmaße. Corona, extreme Regenfälle und in der Folge die Heuschreckenplage, Ausbrüche von Cholera, Gelbfieber und Malaria, dann die politischen Unruhen nach dem Tod des populären Sängers und Aktivisten Hachalu Hundessa. Ein großes Problem ist, dass in Äthiopien in den vergangenen Jahren eine Krise auf die nächste folgte. Das hat den Menschen enorm zugesetzt.

Frage: Ein großer Teil der Bevölkerung lebt von der Land- und Viehwirtschaft. Was bedeutet die Heuschreckenplage für diese Menschen?

Zimmermann: Das ist für viele Kleinbauern und Viehhalter eine Katastrophe. Schon jetzt sind in Äthiopien zwischen einer und drei Millionen Menschen dauerhaft auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, die Zahl wird weiter steigen. Die Heuschreckenschwärme waren zuerst hauptsächlich im Norden ein Problem, derzeit gibt es eine neue Invasion im Süden, ausgehend von Kenia. In kürzester Zeit haben die Insekten etwa in der Region Süd Omo 3.000 Hektar Mais von Kleinbauern zerstört. Neben den Feldern wurde auch Vegetation in Rückzugsorten von nomadisch lebenden Viehhaltern vernichtet, die hierher kommen, wenn das Futter für ihre Tiere an ihren angestammten Weideflächen knapp wird. Die Heuschrecken wurden zum großen Teil mit Insektiziden bekämpft. Dadurch sind in der Süd Omo Region mehr als 1.300 Bienenvölker getötet worden. Neben der ökologischen Katastrophe bedeutet dies auch den Verlust von Einkommensquellen für viele Familien, die von dem Verkauf des Honigs leben.

Frage: Was tut jetzt not?

Zimmermann: Misereor hat in Äthiopien zunächst 100.000 Euro Soforthilfe bereitgestellt – das Geld wird eingesetzt, um die Bevölkerung zu befähigen, sich selbst zu helfen, etwa durch die mechanische Bekämpfung der Heuschrecken. Gelege müssen ausgegraben und verbrannt, Fallen gegraben werden. Letzten Endes geht es darum, die Menschen in die Lage zu versetzen, mit den Krisen, die es immer wieder geben wird, umzugehen.

Frage: Dazu kommt wie in allen Ländern weltweit derzeit noch Covid-19. Wie schwer trifft die Pandemie Äthiopien?

Zimmermann: Die offiziellen Fallzahlen sind vergleichsweise gering, derzeit etwa 6.700 Infizierte und 120 Corona-Tote. Aber das täuscht natürlich. In Äthiopien wird kaum getestet, viele Todesfälle werden nicht mit Covid-19 in Verbindung gebracht, weil auch in 'normalen' Zeiten viele Menschen sterben, an Malaria und anderen Krankheiten. Außerdem ist die Pandemie noch nicht vorbei. Wenn man bedenkt, dass für 110 Millionen Einwohner derzeit insgesamt 150 Intensivbetten zur Verfügung stehen, will man sich nicht vorstellen, was noch passieren kann.

Frage: Wie geht die äthiopische Regierung mit Corona um?

Zimmermann: Einen landesweiten Lockdown hat es in Äthiopien nicht gegeben, aber die Corona-Schutzmaßnahmen setzen das Land wirtschaftlich unter extremen Druck. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. Private Unternehmen kämpfen ums wirtschaftliche Überleben oder haben bereits aufgegeben. Anders als in westlichen Ländern gibt es in Äthiopien einen riesigen informellen Sektor: Händler, die ihre Waren auf Märkten verkaufen, Dienstleister wie Friseure, Schneider, Mechaniker, die ihre Arbeit am Straßenrand anbieten. Etlichen von ihnen ist ihre komplette Lebensgrundlage weggebrochen, sie stehen vor dem Nichts. Präsident Abiy Ahmed ruft immer wieder zur Solidarität in der Bevölkerung auf und das funktioniert auch recht gut. Nachbarn helfen einander, Nahrungsmittel werden geteilt, zum Teil erlassen Hausbesitzer den Bewohnern die Mieten, Hotels stellen Räumlichkeiten für Quarantänemaßnahmen zur Verfügung – es gibt eine hohe Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen.

Hilfswerk

Misereor ist das größte katholische Entwicklungshilfswerk. Gemeinsam mit einheimischen Partnern unterstützt Misereor benachteiligte Menschen jedes Glaubens und jeder Kultur in Afrika, Asien und Lateinamerika.


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Große Unzufriedenheit

Frage: Einerseits Solidarität und Hilfe, andererseits kam es gerade zuletzt wieder verstärkt zu Spannungen und Konflikten zwischen den Ethnien....

Zimmermann: Ethnische Konflikte begleiten das Land schon sehr lange. Als Abiy Ahmed 2018 ins Amt kam, ist er mit dem Anspruch angetreten, das Land zu versöhnen, zu demokratisieren, zu öffnen. Vieles davon ist ihm auch gelungen, politische Gefangene wurden freigelassen, Frieden mit dem Nachbarland Eritrea geschlossen. Repressalien sind weggefallen. Es sind zunächst neue Freiräume entstanden, neue Dynamiken, aber auch neue Konflikte.

Frage: Ist der Präsident mit seinem Anspruch gescheitert?

Zimmermann: Abiy Ahmed hat keinen leichten Stand, es herrscht nach wie vor eine große Unzufriedenheit, die Menschen wollen konkrete Verbesserungen. Konflikte werden ethnisch und politisch geschürt, viele Menschen haben Angst. Das alles kann schnell eine gefährliche Dynamik entwickeln. Die aktuellen Unruhen mit mehr als 200 Toten und zahlreichen Festnahmen sind dafür nur ein Beispiel. Die Regierung wird aufpassen müssen, welche Botschaften sie nun sendet – kritisch ist derzeit etwa die Abschaltung des Internets in vielen Regionen. In gewisser Weise steht das Land mit seinen Problemen an einem Scheideweg – die Zukunft Äthiopiens ist in alle Richtungen offen.

Die Fragen stellte Inga Kilian (KNA)

© Text: KNA