Theologe mahnt zu Perspektivwechsel in Rassismus-Debatte

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  • Debatte - 27.06.2020

In der Rassismus-Debatte plädiert der Aachener katholische Theologe Marco Moerschbacher für einen Perspektivwechsel. „Was geschehen ist, lässt sich auch mit – notwendigen – Reparationsleistungen nicht rückgängig machen“, sagte Moerschbacher am Freitag in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Aachen. „Aber man kann daraus lernen und eine andere Perspektive einnehmen.“

Lange hätten Sieger die Geschichte geschrieben, so der Mitarbeiter des Missionswissenschaftlichen Instituts und von missio Aachen. „Unsere Aufgabe, gerade als Christen, sollte sein, Geschichte kritisch zu hinterfragen, und die Sicht der Opfer einzubringen. Das ist die 'Option für die Armen', von der Papst Franziskus immer spricht.“

Strukturell habe auch die Kirche im Lauf ihrer Geschichte zweifellos Schuld auf sich geladen, unterstrich Moerschbacher. Dafür habe sich beispielsweise Papst Johannes Paul II. entschuldigt. „Persönlich gab es natürlich ebenfalls Verfehlungen. Aber da muss man genauer hinschauen. Bis auf den heutigen Tag beuten Europäer und Nordamerikaner andere Teile der Welt aus. Da sind Sie und ich auch mitschuldig. Aber es gibt auch konkret Verantwortliche, etwa wenn in Bangladesch eine Nähfabrik einstürzt und Menschen unter sich begräbt, die Jeans oder T-Shirts für uns genäht haben.“

Experte: Kirchen müssen Verhältnis zu Kolonialismus aufarbeiten

Nach den Worten des Historikers Jürgen Zimmerer sind die Verflechtungen zwischen Kolonial- und Kirchengeschichte noch nicht ausreichend ausgeleuchtet. Seit Beginn der europäischen Expansion vor mehr als 500 Jahren seien Mission und Kolonialismus strukturell „aufs engste“ miteinander verbunden gewesen, sagte Zimmerer am Dienstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

„Schon Portugiesen und Spanier wollten Mission und Gewürzhandel vorantreiben, Gold und Seelen gewinnen, wobei in diesem Zusammenhang unerheblich ist, was Vorrang hatte, und was der Legitimation diente“, erläuterte der Leiter der Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“. „Kolonialismus brauchte die Legitimation, die die kirchliche Lehre bot, zumindest bis sie im 19. Jahrhundert von Rassenlehren abgelöst wurde. Und die Mission profitierte von den Rahmenbedingungen der europäischen Herrschaft.“

Den zu Bekehrenden habe das oft kaum eine Wahl gelassen, als sich zwischen Schwert und Bibel zu entscheiden, so Zimmerer weiter. „Das eine bedeutete den physischen Tod, das andere die Aufgabe vieler, wenn nicht aller Traditionen, und letztendlich der eigenen Identität.“

Zimmerer räumte ein, dass es in beiden Kirchen Bestrebungen gebe, die Vergangenheit aufzuarbeiten. So habe Papst Franziskus 2015 um Verzeihung für die Verfehlungen der katholischen Kirche während der kolonialen Eroberung Lateinamerikas gebeten. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) habe 2017 eine Erklärung veröffentlicht, in der sie die Nachkommen der Opfer des Völkermordes an den Herero und Nama in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika um Vergebung bat.

„Auch viele Menschen in den Kirchen leisten kritische Arbeit“, so der Historiker. „Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Jahrtausendprojekt der kolonialen Globalisierung ist das jedoch noch nicht.“

US-Bischöfe sehen Katholiken beim Thema Rassismus in der Pflicht

Der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, Erzbischof Jose Gomez, forderte die Katholiken seines Landes auf, der „Rassenungerechtigkeit ein Ende zu setzen“. Am Tag der Beisetzung von George Floyd sagte der Erzbischof von Los Angeles, Gott sehe nicht schwarz oder weiß. Es sei die Pflicht von Christen und Katholiken, „diese Wahrheit in unsere Gesellschaft zu bringen“.

George Floyd war am Dienstag in seiner Heimatstadt Houston (Texas) unter großer Anteilnahme beigesetzt worden. Im ganzen Land nahmen Menschen zeitgleich an Gedenkgottesdiensten und Schweigeminuten teil. Der 46-jährige Schwarze erstickte am 25. Mai unter dem Knie eines weißen Polizisten.

Vor dem Hintergrund landesweiter Proteste gegen Polizeigewalt und Rassendiskriminierung forderte auch der Bischof von Phoenix im Bundesstaat Arizona, Thomas Olmsted, die Katholiken zu einer entschlossenen Haltung auf. Sie müssten eine „Schlüsselrolle bei der Überwindung von Rassismus“ übernehmen. Es sei wichtig zu definieren, was Rassismus für Katholiken bedeute, so Olmsted. Orientierung gebe dabei der Katechismus der katholischen Kirche. Soziale und kulturelle Diskriminierung sei laut Paragraph 1935 „unvereinbar mit Gottes Plan“ und müsse „ausgelöscht“ werden. Wer als Katholik eine solche Haltung vertreten habe, könne durch das Sakrament der Beichte diese Sünde bereuen, sagte Olmsted.

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