Christen im Irak geben die Hoffnung nicht auf

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  • Ostern - 14.04.2020

Die christliche Herde im Zweistromland ist in den Jahren der irakischen Tragödie stark geschrumpft. Nun wird sie auch noch vom Virus bedroht. Doch die Karwoche und Ostern begehen sie ungebrochen.

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Osterfeiern im Ausnahmezustand sind die Christen im Irak seit vielen Jahren gewohnt. Auch wenn die Kämpfe abgeebbt sind und der IS besiegt scheint, findet das Land nicht aus seiner Tragödie heraus. Die im Oktober aufgeflammten Massenproteste einer perspektivlosen Jugend mögen derzeit abgeflaut sein ─ die Probleme sind es nicht: die tiefe Kluft zwischen den politisierten Lagern der Schiiten und Sunniten, dazwischen die Christen, eine handlungsunfähige Regierung und die schwere Wirtschaftskrise, die durch den verfallenden Ölpreis noch drückender wird. Und nun über allem auch noch die Gefahr durch die Corona-Krise.

Trotzdem sind die irakischen Christen entschlossen, das Fest der Auferstehung Jesu auch in diesem Jahr so vollständig und würdig wie möglich zu feiern. Mit dem Osterfest verbinden sie immer auch ihre eigene Botschaft: Wir sind noch da - und wir werden in dem Land unserer Urahnen bleiben.

So viele sind jedoch schon fort. Allein in Bagdad sank ihre Zahl seit dem Krieg 2003 von geschätzt 400.000 auf heute vielleicht noch 20.000 oder weniger. Mehr als ein halbes Dutzend Bombenanschläge auf Kirchen in der Hauptstadt, der Vertreibungsdruck durch Islamisten und die wirtschaftliche Lage trieben die Menschen zur Flucht. Die meisten irakischen Christen gehören der mit Rom unierten chaldäischen Kirche an. Ihren Glauben halten sie auch in dem selbstverständlichen Bewusstsein hoch, am Ursprung biblischer Geschichte zu leben. Aus dem Zweistromland soll der Patriarch Abraham einst seinen Weg in das Gelobte Land begonnen haben.

Schon Anfang März sagte der chaldäische Patriarch Louis Raphael I. Sako wegen der Corona-Gefahr alle Sonntagsgottesdienste ab. Auch Hochzeits- und Begräbnisfeiern unterliegen seither strengen Beschränkungen. Die Regierung zog mit ihren Maßnahmen nach; auch die Moscheen, Schulen und Universitäten sind geschlossen. Der Patriarch setzt auf die Sozialen Medien und feierte jeden Morgen eine gottesdienstliche Feier über Facebook.

In seiner Osterbotschaft versuchte Sako Hoffnung zu verbreiten. Die Feier der Auferstehung sei „die Flamme, die es uns ermöglicht, aus der Dunkelheit herauszukommen, um ins Licht zu gelangen“. Ostern müsse zu persönlicher Umkehr führen. Die politischen Führer der Welt rief er auf, die Kriege zu beenden und Lösungen für die großen Menschheitsprobleme zu finden.

Genau wie in Deutschland gilt im Irak die Ausgangssperre zunächst bis 19. April. Damit müssen auch Karwoche und Osterfest an die außergewöhnlichen Umstände angepasst werden. Die meisten Gottesdienste werden über Soziale Medien geteilt. Am Ostersonntag zelebriert der Patriarch die Feier in der Josephs-Kathedrale aus osmanischer Zeit persönlich. In friedlicheren Zeiten nahmen auch Muslime stets regen Anteil am höchsten Fest der Christen.

Das Patriarchat gab den Familien Empfehlungen, wie sie zuhause einen Raum für die Tage der Karwoche nach religiösem Brauch herrichten können. Am Gründonnerstag wird demnach eine Abbildung des Letzten Abendmahls mit Kerzen und Blumen die Tische vieler Chaldäer schmücken. Am Karfreitag wird es durch eine Kreuzigungsdarstellung Jesu ersetzt.

Am Ostersonntag stellen die Christen ein bekränztes Kreuz ohne Corpus auf. Wenn die Familie die Originalübertragung der Messe zuhause verfolgt, soll das Licht zu Beginn ausgeschaltet bleiben. Erst wenn der Zelebrant ausruft „Christus ist auferstanden“ soll es hell werden, und die ganze Familie singt gemeinsam: „Christus ist aus dem Tod auferstanden.“ Als Symbol der Auferstehung schmücken auch am Tigris gefärbte Eier die Wohnungen ─ sofern welche verfügbar sind und man sie sich leisten kann.

Zu den Gottesdienstzeiten werden in der alten Kalifenstadt die Kirchenglocken als Zeichen der Verbundenheit untereinander läuten. Weihbischof Shlemon Warduni in Bagdad meinte, die Katastrophenlage durch das Coronavirus habe die Menschen verschiedener Religionen zueinander gebracht. Doch erst die Zukunft wird zeigen, ob das neue Zusammengehörigkeitsgefühl die Krisenzeit überdauert.

Von Gerhard Arnold und Christoph Schmidt

© Text: KNA