Mali: Der zähe Kampf gegen Genitalverstümmelung

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  • Menschenrechte - 10.04.2020

Viele Frauen leiden ein Leben lang an den Folgen einer Beschneidung. Trotzdem steht diese im westafrikanischen Mali bis heute nicht unter Strafe. Frauenrechtsorganisationen kämpfen für das Ende der brutalen Tradition.

Ab und zu geht ein Raunen durch das Klassenzimmer in Beleko, einem Dorf in Mali. An Tischen, die in U-Form zusammengestellt sind, sitzen gut 30 Frauen. Immer wieder sind sie überrascht, entsetzt und persönlich betroffen, wenn Virginie Mounkoro Zeichnungen von Messern und Rasierklingen hochhält, über Totgeburten spricht und lebenslange Schmerzen beschreibt. Der Grund für das Leid ist immer gleich: weibliche Genitalverstümmelung. Sie ist in dem 22 Millionen Einwohner großen Land bis heute allgegenwärtig.

Dagegen kämpft Virginie Mounkoro seit 1983. Als Kind wurde auch sie beschnitten. In Erinnerung geblieben sind ihr aber vor allem die gesundheitlichen Probleme, die ihre älteren Schwestern hatten. Bis heute arbeiten Beschneiderinnen mit Messern und Klingen, die nicht steril sind; die Hinterzimmer sind es erst recht nicht. Tetanus-Infektionen sind nur eine von vielen Komplikationen. Selbst wenn es zu keiner Infektion kommt und trotz Beschneidung später eine normale Geburt möglich ist, bleibt den Mädchen und Frauen der Schmerz während und nach der Verstümmelung ein Leben lang in Erinnerung.

Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) geht davon aus, dass 2019 noch 91 Prozent der 15- bis 49-Jährigen in Mali beschnitten waren. Im Land selbst sprechen Aktivisten von 89 Prozent. Nur in Somalia (98 Prozent) und Guinea (97 Prozent) sind die Zahlen noch höher. Weltweit wird Beschneidung in 30 Ländern praktiziert. Virginie Mounkoro gibt zu, dass das Ende noch lange nicht in Sicht ist. Dennoch freut sie sich über kleine Erfolge: „Als wir begannen, lag die Rate noch bei 98 Prozent.“

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Bei der Genitalverstümmelung werden die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane wie Schamlippen und Klitoris teilweise oder ganz entfernt. Hauptverbreitungsgebiete sind das westliche und nordöstliche Afrika.


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Hilfreich sei, dass heute immer mehr Dörfer die Aktivistin und ihre Organisation - Vereinigung für die Förderung der Rechte und des Wohlbefindens der Familie (APSEF) - zu Vorträgen einladen. Einige beschließen feierlich, dass sie die alte Tradition fortan verbieten. Auch in Beleko, das gut vier Stunden von der Hauptstadt Bamako entfernt liegt und nur über staubige Pisten erreichbar ist, hatte man von Mounkoros Arbeit gehört und befunden: Sie muss unbedingt über die gravierenden Folgen der Genitalverstümmelung aufklären.

Bei Marie Noel Bomba hat das viel Eindruck und ein schlechtes Gewissen hinterlassen. Sie hat zwei Söhne und drei Töchter. Das jüngste Mädchen ist heute 21 Jahre alt. „Alle Töchter sind noch beschnitten worden. Erst später bin ich zu Vorträgen über die Beschneidung gegangen“, gibt die 53-Jährige zerknirscht zu. Rückgängig machen lässt sich das nicht mehr. Heute aber kann sie andere Mädchen davor bewahren.

Als Gemeindekrankenschwester befindet sich Marie Noel Bomba in einer guten Position für Aufklärungsarbeit, hat sie doch vor allem zu Frauen einen engen Kontakt. Männer üben zwar bis heute Druck aus und wollen bisweilen keine Frau heiraten, die nicht beschnitten wurde. Als Beschneiderinnen arbeiten aber vor allem Frauen, die damit auch ihren Lebensunterhalt verdienen. Auch bestehen Mütter und Großmütter auf die Beschneidung ihrer Töchter und Enkelinnen.

Für Marie Noel Bomba ist eins klar: Lauter Protest bringt nichts. „Wir müssen vor allem über die gravierenden Folgen sprechen.“ Schritt für Schritt könne es dann zu einem Umdenken kommen. Die Beschneidung hat schließlich eine lange Tradition, die, so sagt der Mediziner Jacques Somboro, im Süden bis heute stärker verbreitet ist als im Norden des Landes. Dort sind die Zahlen rückläufig.

Das Festhalten an der weiblichen Genitalverstümmelung wird immer wieder mit der Religion begründet. In Mali bekennen sich etwa 95 Prozent der Einwohner zum Islam. „Menschen meinen, die Religion fordere die Beschneidung ein. Dagegen haben sich aber religiöse Meinungsführer ausgesprochen und gesagt: Die Religion zwingt nicht zu einer Beschneidung.“ Allerdings haben sich bekannte und einflussreiche Imame wie etwa Mahmoud Dicko auch nie für ein Gesetz stark gemacht, das die Beschneidung verbietet.

Von Katrin Gänsler (KNA)

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