Brasiliens indigene Völker würden Corona wohl nicht überleben

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  • Indigene Völker - 27.03.2020

Die isoliert in den Amazonaswäldern lebenden Indigenenvölker wären einer Infektion mit dem Coronavirus hilflos ausgesetzt. Ob die Regierung an ihrem Schutz interessiert ist, bleibt fraglich.

Wie tödlich das Coronavirus für die in Städten und Dörfern lebenden Menschen ist, versuchen Wissenschaftler derzeit zu ergründen. Für Indigene in Südamerika, die bisher keinen Kontakt außerhalb ihrer Gemeinschaft hatten, wäre eine Infizierung das sichere Todesurteil. „Das Risiko, dem die isolierten Völker ausgesetzt sind, ist noch einmal viel größer als das aller anderen indigenen Völker“, sagt der Arzt Lucas Albertoni, der über Jahre für den staatlichen Indio-Gesundheitsdienst Sesai indigene Völker betreut hat.

Wiederholt sich die Geschichte? Als die Europäer 1492 nach Amerika kamen, lebten dort vermutlich rund 50 Millionen Indigene. Um das Jahr 1650 hatten eingeschleppte Krankheiten die meisten von ihnen dahingerafft. Nur noch rund 8 Millionen Ureinwohner waren damals übrig. Und auch heute noch gilt, dass „ein einfacher Schnupfen sie in zwei, drei Tagen töten kann“, so Albertoni.

Besorgniserregend war deshalb die in der vergangenen Woche von der staatlichen Indigenenbehörde Funai erteilte Anweisung, angesichts der voranschreitenden Corona-Pandemie notfalls aktiv auf die isolierten Völkern zuzugehen. Es sei den Beamten vor Ort freigestellt, nach eigenem Ermessen den Kontakt zu suchen, hieß es. Das widerspricht den bisherigen Regeln der Funai.

Die Anweisung sorgte unter Wissenschaftlern und Aktivisten für Entsetzen. Vor allem weil Brasiliens Präsident Jair Messias Bolsonaro Schlüsselpositionen in der Behörde mit ihm genehmen Beamten besetzt hat. Und das ohne Rücksicht auf die fachliche Qualifikation. So ernannte er den evangelikalen Missionar Ricardo Lopes Dias zum Leiter der Abteilung für unkontaktierte Völker. Nicht nur hatte Lopes Dias zehn Jahre lang als Mitglied der evangelikalen Missionsbewegung New Tribes Mission (NTM) mit indigenen Völkern gearbeitet. Er ist auch ein Verfechter der These, dass man die isolierten Völker in die Gesellschaft integrieren soll.

Katholische Kirche und indigene Völker – das ist besonders mit Blick auf Lateinamerika auch eine Geschichte von Leid und Unterdrückung. Doch im Laufe dieser Geschichte wurde die Kirche eine der großen Fürsprecherinnen für die Rechte der Indigenen.


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In Brasilien leben vermutlich 114 dieser Gemeinschaften in den Wäldern des nördlichen Amazonasgebiets. Mediziner Albertoni nahm selber für die Funai an mehreren Expeditionen zu ihnen teil. Zuletzt gehörte er 2019 einer Expedition an, die versprengte Gruppen des Korubo-Volkes besuchte. Dabei musste auf strengste Hygiene und Abstand zu den Indigenen geachtet werden, um Infektionen zu vermeiden.

„Selbst in der restlichen Gesellschaft als normal angesehene Krankheiten wie Masern und Röteln sind lebensbedrohlich für diese Indigenen. Denn dagegen haben sie keine Antikörper.“ Der beste Schutz sei es, die isolierten Völker einfach alleine zu lassen, sagt Albertoni. Dann seien sie sicher – „solange weder die Regierung noch Eindringlinge wie Goldsucher oder Holzhändler auf ihr Gebiet vordringen“.

Doch in den letzten Jahren haben sich Meldungen über illegale Aktivitäten von weißen Eindringlingen in den eigentlich unter Schutz stehenden Indigenengebieten gehäuft. Im Reservat der Yanomami an der Grenze Brasiliens zu Venezuela beispielsweise machen sich illegale Goldgräber breit. Ein enormes Risiko in den Augen von Albertoni und anderen Experten.

Die Regierung müsse ihren Beamten klarmachen, dass jedweder Kontakt zu vermeiden sei und sicherstellen, „dass niemand die Gebiete der isolierten Indigenen betritt", fordert der Arzt. Damit stößt er offenbar auf taube Ohren. Präsident Bolsonaro unterstützt die Goldgräber in ihrem Bestreben, die Vorkommen in indigenen Gebieten auszubeuten. Einen entsprechenden Gesetzesentwurf hat er bereits in den Kongress eingebracht. Den Indigenen werde er hingegen "keinen Zentimeter neues Land mehr geben“, so der Ex-Militär.

Wenigstens die umstrittene Anordnung der Funai ist erst einmal vom Tisch, nachdem die Bundesstaatsanwaltschaft sich gegen sie ausgesprochen hatte. Zudem wies der Menschenrechtsrat der Regierung darauf hin, dass die Funai-Beamten vor Ort über keine ausreichende fachliche Qualifikation verfügten, um einen gesicherten Kontakt zu den Indigenen herzustellen. Doch solange die Regierung die Gebiete nicht wirksam gegen Eindringlinge absichert, besteht die Gefahr für die isolierten Völker weiter.

Von Thomas Milz

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