Anti-Apartheid-Kämpfer Lapsley zu Treffen mit Papst

  • Menschenrechte - 13.06.2019

Michael Lapsley (70) hat geholfen, die Rassentrennung in Südafrika zu beenden. Dafür musste der anglikanische Priester einen hohen Preis zahlen: 1990 riss eine Briefbombe dem Widerstandskämpfer beide Hände weg und zerstörte das linke Auge. Zwei Hakenprothesen wurden seither zu seinem Markenzeichen. Nun trifft der geistliche Aktivist auf Papst Franziskus, um die „Heilung von Erinnerungen“ zu diskutieren. Im Interview spricht er über die Gründe seines Engagements und das bevorstehende Treffen.

Frage: Pfarrer Lapsley, Sie wurden in Neuseeland geboren. Wie kamen Sie auf dem Höhepunkt der Apartheid nach Südafrika?

Lapsley: Der anglikanische Orden, dem ich in Australien beitrat, war seit 1902 in Südafrika tätig. Kurz nach meiner Priesterweihe wurde ich dorthin entsandt. Doch an dem Tag, an dem ich Südafrika betrat, hörte ich auf, Mensch zu sein, und wurde ein „Weißer“. Plötzlich war jeder Aspekt meines Lebens von meiner Hautfarbe bestimmt. Ich wurde schließlich Freiheitskämpfer, um meine eigene Menschlichkeit wiederherzustellen, indem ich schwarze Bürger bei ihrem Kampf für ihre grundlegenden Menschenrechte unterstützte.

Frage: Das führte 1976 zu Ihrer Verbannung und der Flucht ins Nachbarland Lesotho. Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Lapsley: Es waren gemischte Gefühle. Der Alltag in Südafrika hatte mich traumatisiert, vor allem die Erschießung von Schülern bei Protesten. Nach Lesotho zu gehen, brachte mir ein großes Stück meines Menschseins zurück. Ich war nicht länger Teil der Apartheid-Realität. Das hat mir damals geholfen.

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Frage: Im Exil traten Sie auch Nelson Mandelas ANC bei ...

Lapsley: Ich erkannte, dass das Apartheid-Regime keine Bedrohung in einzelnen Widerstandskämpfern sah, sondern nur in Millionen Menschen, die gemeinsam und diszipliniert dagegen vorgingen. Das brachte mich dazu, mich der Freiheitsbewegung anzuschließen und dem ANC beizutreten – in meinen Augen damals bereits die legitimen Vertreter des südafrikanischen Volkes. Kurz darauf wurde die Situation zunehmend gefährlich, da das Regime seine Feinde immer häufiger mit terroristischen Methoden verfolgte. Zu dieser Zeit stieg ich in kein Auto, ohne vorher nachzusehen, ob darunter eine Bombe versteckt war.

Frage: 1990 wurde Mandela aus der Haft entlassen und die Apartheid stand kurz vor dem Aus. Haben Sie sich je gefragt, weshalb Ihnen das Regime ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt eine Briefbombe schickte?

Lapsley: Als die Verhandlungen für ein demokratisches Südafrika begannen, wähnten wir uns als Überlebende in Sicherheit. Wie viele fragte ich mich nicht „Warum ich?“, sondern „Warum jetzt?“ Einige Beobachter vermuten, es war ein Versuch, die Verhandlungen scheitern zu lassen. Aber das ist Spekulation.

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Frage: Und warum Sie?

Lapsley: Meine Rolle im Befreiungskampf war die des Seelsorgers und Lehrers. Ich denke, das Apartheid-Regime nahm meinen theologischen Hintergrund als Bedrohung wahr. Schließlich erhob es Anspruch auf göttliche Führung; sie behaupteten, die Verteidiger des Christentums zu sein. Und Teil meiner Aufgabe war es, das Regime zu demaskieren und ihnen diese christliche Legitimation zu nehmen. Sie fragten sich also: Wie tötet man einen Priester? Die Bombe zwischen den Seiten eines religiösen Magazins zu verstecken – das war zynisch und kaltblütig.

Frage: Kommenden Samstag sind Sie im Vatikan zu Gast bei Papst Franziskus. Worüber werden Sie sprechen?

Lapsley: Das große Thema unseres Treffens ist die „Heilung von Erinnerungen“ und wie sie Menschen weltweit gelingt. Nicht zuletzt auch, wie Glaubensgemeinschaften damit umgehen, denn in der Kirche ist Heilung nach der Missbrauchskrise zu einem großen Thema geworden. Papst Franziskus selbst hat das Thema aufgeworfen. Ich möchte auch seinen bevorstehenden Besuch in Mosambik nicht unerwähnt lassen und wie man hier nationale Versöhnung bringen könnte. Eng damit verbunden ist die Geschichte der katholischen Kirche, die sich dort einst mit dem Kolonialregime verbündete.

Frage: Abschließend, mit welchem Gefühl reisen Sie in den Vatikan?

Lapsley: Ich bin ein großer Bewunderer von Papst Franziskus. Nehmen wir seinen Ökumenismus, dass er Mitgefühl und Barmherzigkeit in den Fokus stellt oder sein Eintreten für Andere, etwa Flüchtlinge. All die Punkte, die Kritiker an ihm anprangern, sind genau die Gründe, für die ich ihn am meisten schätze.