Pflege unabhängig von Herkunft und Religion

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  • Frauen - 25.04.2019

Wo einst palästinensische Paare ihre Flitterwochen verbrachten, kümmern sich heute Salvatorianerinnen um die Schwachen der Gesellschaft: Im Haus Emmaus in Qubeibeh finden alte und behinderte Palästinenserinnen ein Heim.

Elf Kilometer liegt Qubeibeh entfernt von Jerusalem, dazwischen liegen Welten. Auf der einen Seite: Breit ausgebaute Straßen, moderne Reihenhäuser, Grünflächen und umzäunte Spielplätze. Eine Abzweigung weiter: Kein Straßenschild weist mehr den Weg. Der Regen hat die tiefen Schlaglöcher im Asphalt in kleine Seen verwandelt. Der Checkpoint markiert die Grenze zwischen den israelischen Siedlungen und den palästinensischen Dörfern.

Hier, in einer Welt aus Mauern und Checkpoints liegt „Haus Emmaus“. Die von Salvatorianerinnen geführte Einrichtung bietet 35 palästinensischen Frauen ein Zuhause, die aufgrund von Alter oder Behinderung Betreuung brauchen. In einer konfliktbeladenen Region ist es eine Oase, in der das Wohl der Schwächsten im Zentrum steht. „Früher“, erzählt Schwester Hildegard Enzenhofer, die 2001 die Leitung von Haus Emmaus übernommen hat, „sind wir noch einfach rüber gelaufen nach Abu Gosch“.

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Bei den Salvatorianerinnen spürt man wenig von der israelischen Militärpräsenz. Nach kurzer Wartezeit öffnet sich das metallene Schiebetor zum weitläufigen Garten mit seinem hellen Kalksteinbau. Ruhe, Gelassenheit und Ordnung durchdringen den freundlichen Bau. Alte und Behinderte, Christinnen und Musliminnen teilen sich das Haus, örtliche Fachkräfte und internationale Freiwillige arbeiten mit den acht Schwestern Hand in Hand.

Platz für 28 Betten gibt es offiziell, aber die Warteliste ist so lang, dass die Schwestern auf eines ihrer eigenen Stockwerke verzichteten, um weitere Plätze anbieten zu können. Letztes Jahr sei ein Muslim den ganzen Weg aus Jenin zu ihr gekommen, obwohl sie ihm gesagt habe, das Haus sei voll, erzählt Schwester Hildegard. „Es sei das einzige Haus, in dem Christen und Muslime gleichermaßen geliebt werden, hat er mir gesagt. Die Absage aus Platzgründen musste er mit eigenen Augen sehen.“

Hildegard Enzenhofer (2.v.l.), Ordensschwester der Salvatorianerinnen und Hausleiterin im Alten- und Pflegeheim „Beit Emmaus“ in Qubeibeh,  Palästinensische Autonomiegebiete, mit Bewohnerinnen.

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Dezidiert will Haus Emmaus kein Heim nur für Christinnen sein. Die Platzvergabe folgt strikt der Warteliste, unabhängig von der Religion. Alles andere, sagt Schwester Hildegard, „wäre kein gutes Zeichen der Kirche“. Die Reaktionen der Angehörigen geben ihr Recht. „Immer wieder kommen Familienmitglieder unserer Bewohner, um freiwillig mitzuarbeiten – das ist ein tolles Zeichen, vor allem, weil Freiwilligenarbeit in dieser Gesellschaft unbekannt ist“, sagt die Ordensfrau.

Auch auf professioneller Ebene arbeiten Muslime und Christen gut zusammen. Die administrative Leitung der seit 2007 auf dem Grundstück angesiedelten Krankenpflegefakultät der Bethlehem Universität etwa liegt in den Händen eines Muslims aus Qubeibeh. Viele Studierende volontieren im Haus Emmaus. Seit ihrer Gründung ist die Fakultät damit zu einer wichtigen Stütze geworden. Die sehr unterschiedlichen Bedürfnisse der Bewohnerinnen, von denen etwa ein Drittel eine oder mehrere Behinderungen haben, erfordern viel Personal.

Das Niveau der Pflege ist hoch, nicht nur im Vergleich zur Pflege in Israel und Palästina, sondern „ganz bewusst als Wertschätzung der Menschen, aber auch um der Gesellschaft ein positives Beispiel zu geben“. Auch die Bezahlung der Angestellten ist im Vergleich sehr gut, als „eine Form der Gerechtigkeit“.

Heute kommen viele als hoffnungslos abgestempelte Fälle zu den Schwestern nach Qubeibeh. Fast immer sorgt die Entwicklung der Bewohner für Überraschung. Schafika zum Beispiel – die Aufmerksamkeit der Ordensfrau geht zu einer jungen Behinderten, die aus einer Zisterne befreit wurde – hat gehen, essen und sprechen gelernt. „Bei uns macht jeder Fortschritte!“

Einst war Haus Emmaus ein Honeymoon-Hotel für wohlhabende Palästinenser. Noch heute kommen manchmal Paare vorbei und erzählen von ihrer Hochzeit. Weit mehr Palästinenser dürften den hellen Kalksteinbau mit seinen freundlichen Mitarbeiterinnen inzwischen jedoch mit etwas anderem in Verbindung bringen: einem Ort, an dem die Schwächsten Mensch sein dürfen.

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