Schwierige Integration von syrischen Flüchtlingen in der Türkei

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  • Flucht und Asyl - 15.02.2019

In der Türkei haben Spannungen zwischen syrischen Flüchtlingen und Türken zuletzt zugenommen. Viele Politiker setzen vor den Kommunalwahlen auf eine flüchtlingsfeindliche Agenda. Doch die Ursachen sind vielfältiger.

Was genau in der Nacht vom 10. Februar geschah, ist unklar. Am Ende aber waren zwölf Menschen verletzt. Syrische und türkische Gruppen waren im Istanbuler Stadtteil Esenyurt aneinandergeraten. Das Viertel liegt im europäischen Teil der Stadt und wird von Istanbulern auch Klein-Aleppo genannt – sehr viele syrische Bürgerkriegsflüchtlinge haben sich hier angesiedelt. Videoaufnahmen zeigen, wie ein Teil der Gruppe ruft: „Hier ist die Türkei, nicht Syrien.“

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Bislang funktionierte das Zusammenleben zwischen den Türken und den 3,6 Millionen Flüchtlingen aus dem Nachbarland relativ gut. Zuletzt aber nahmen die Konflikte zu. Ein Grund dafür ist die Wirtschaftskrise. Die Lebensmittelpreise in der Türkei sind stark gestiegen und auch die Arbeitslosigkeit nimmt zu.

Zudem finden am 31. März im Land Kommunalwahlen statt. Vor allem die Oppositionsparteien setzten auf eine flüchtlingsfeindliche Agenda – in erster Linie die ultranationalistische MHP. Aber auch die sozialdemokratisch geprägte CHP, die größte Oppositionspartei, greift die regierende konservative AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan aufgrund ihrer flüchtlingsfreundlichen Politik an. Viele der säkularen Wähler fürchten einen weiteren Islamisierungsschub durch die im Schnitt konservativeren Syrer.

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Die Integration vieler Syrer in die türkische Gesellschaft stockt. In dieser Woche erschien ein Bericht der Nichtregierungsorganisation International Crisis Group (ICG), der sich auf die Provinz Sanliurfa konzentriert, die eine 450 Kilometer lange Grenze zu Syrien hat. Darin heißt es, dass immer mehr Flüchtlinge aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage anfällig für radikalislamische Ideologien seien. Gründe dafür seien Armut, fehlende Schulbildung und psychosoziale Probleme.

Die Geburtenrate unter den derzeit rund 3,6 Millionen syrischen Flüchtlingen ist hoch. Nach Schätzungen türkischer Behörden könnten 2028 rund fünf Millionen Syrer in der Türkei leben. Schon jetzt ist rund die Hälfte von ihnen jünger als 18 Jahre. Von den syrischen Kindern besuchen mehr als 90 Prozent zwar die Grundschule, danach aber steigen dem Bericht zufolge viele aus dem Bildungssystem aus. Der Grund ist demnach meist Armut: 50 Prozent der Syrer in der Türkei leben unterhalb der Armutsgrenze. Manche verdingen sich als Tagelöhner, andere werden von Schmugglern angeworben.

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Nach Angaben der International Crisis Group werden syrische Mädchen in vielen Fällen sehr früh verheiratet. Die Ehemänner seien häufig Türken, die bereits eine Ehe mit einer türkischen Frau führten, heißt es. Polygamie ist nach türkischem Recht illegal. Viele Imame aber führen eine Heirat nach islamischem Brauch durch. Dies hat zur Folge, dass die Mädchen und Frauen nicht den rechtlichen Schutz haben, den sie als rechtmäßige Ehefrau hätten. Allein 2015 sollen dem Bericht zufolge 30.000 syrische Mädchen auf diese Weise verheiratet worden sein. Andere, etwa verwitwete Frauen, würden in die Prostitution getrieben, heißt es.

Ein Problem sind den Angaben zufolge auch inoffizielle Koranschulen, in denen nicht selten radikalislamische Ideologien verbreitet würden. Zwar äußerte sich in dem Bericht keiner der Befragten positiv zur Terrormiliz „Islamischer Staat“, die Rebellen-Gruppe Hay'at Tahrir al-Sham (HTS), die Al-Kaida nahe steht, genießt jedoch durchaus Sympathien.

Nötig wären nach Ansicht der ICG-Experten mehr Investitionen in die Schulbildung und ein strikteres Vorgehen der Behörden. Allein in der Provinz Sanliurfa würden 4.000 neue Klassenzimmer und 5.000 zusätzliche Lehrer benötigt.

Unterdessen setzt die türkische Regierung darauf, dass viele syrische Flüchtlinge in die befriedeten Gebiete südlich der Grenze zurückkehren. So sollen bereits rund 300.000 Flüchtlinge in der Region Afrin, die die türkische Armee besetzt hält, wiederangesiedelt worden sein. Ähnliches hat Ankara offenbar auch mit der Region Manbidsch vor, wo sie eine Offensive gegen die Kurdenmiliz YPG plant.

Von Philipp Mattheis (KNA)

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