Konflikte, Klimawandel und ein Wettlauf um Rohstoffe

  • Arktis - 10.03.2022

Die Arktis gehört zu den Regionen der Erde, in denen sich die Folgen des Klimawandels am deutlichsten zeigen, sagt die in London lehrende Historikerin Kristina Spohr. Für ein neues Forschungsprojekt beschäftigt sie sich auch damit, wie sich die Machtverhältnisse im vormals ewigen Eis verändern. Im Interview verrät die Autorin des Buches „Wendezeit – Die Neuordnung der Welt nach 1989“ auch, warum die raue Landschaft nördlich des Polarkreises uns mitunter näher ist, als wir vermuten.

Frage: Frau Spohr, welches Bild machten sich die Menschen zu früheren Zeiten von der Arktis?

Spohr: Die Idee eines Seewegs durch das scheinbar ewige Eis taucht relativ früh auf. Schon alte Karten aus dem 16. Jahrhundert dokumentieren die Vorstellung, dass man nach einer Passage durch die unwirtliche Gegend um den Nordpol wieder in warme Gewässer gelange. Ernsthaft gewann dieser Gedanke an Gewicht, als sich Willem Barents im Auftrag niederländischer Kaufleute 1594 daran machte, eine möglichst schnelle Route zu den Gewürzinseln, den Molukken, auszukundschaften.

Frage: Warum war das den Niederländern so wichtig?

Spohr: Weil die Portugiesen ihrerseits den südlichen Seeweg um Afrika herum Richtung Pazifik entdeckt hatten. Schon damals galt: Wer die Strecken kartographiert, hat Macht. Und wer die Strecken kontrolliert, umso mehr. Das wird spätestens im 19. Jahrhundert vollends deutlich. Denn Imperialismus heißt auch, die Hoheit über Seewege zu besitzen.

Frage: Wer hat sich anschließend für die Arktis interessiert?

Spohr: Die Briten, Russen und Amerikaner. Aber auch kleinere Anrainer wie Dänemark oder Norwegen. Roald Amundsen etwa durchquerte von 1903 bis 1906 als Erster die Nordwestpassage und überflog 1926 den Nordpol. Daneben machte aber gerade auch Russland, das größte Land in der Region, zunehmend seinen Einfluss geltend.

Frage: Können Sie das näher beschreiben?

Spohr: Nach der Russischen Revolution wandte sich Stalin dem rohstoffreichen Sibirien zu. Bezeichnenderweise präsentierte sich die Sowjetunion bei der Weltausstellung 1939 in New York nicht nur mit einem nationalen, sondern auch mit einem arktischen Pavillon. Man gab sich als moderne Großmacht, die die Wildnis bändigen kann. Tatsächlich mündeten diese Aktivitäten in ähnliche Ergebnisse wie der Goldrausch in Alaska, nämlich in die Ausbeutung und Vernichtung der ursprünglichen, dort lebenden Völker.

Frage: Im Kalten Krieg...

Spohr: ... lieferten sich Ost und West ein Katz-und-Maus-Spiel in der Arktis. Raketenstellungen wurden errichtet, U-Boote liefen aus. Aus einem kalten Landstrich wurde eine heiße Region. Die US-Amerikaner bauten Radarstationen, die Sowjets betrieben eine eigene Nordmeerflotte. Das ist alles jetzt wieder Thema.

Frage: Warum?

Spohr: Die Arktis gehört zu den Regionen der Erde, in denen sich die Folgen des Klimawandels am deutlichsten zeigen. Die Russen betrachten die Eisschmelze als Chance: für mehr Fischfang, einen leichteren Zugriff auf Öl und Gas am Meeresboden und für schnellere Schiffsverbindungen nach Asien.

Frage: Kommt der „alte“ Kalte Krieg zurück?

Spohr: Nein. Nachdem damals Ost und West ihre Interessensphären abgesteckt hatten, blieb die Lage vergleichsweise stabil – trotz aller Spannungen und einem Rüstungs- sowie ideologischem Wettlauf. Wir sind jetzt eingetreten in ein multipolares Geschehen.

„Die Arktis gehört zu den Regionen der Erde, in denen sich die Folgen des Klimawandels am deutlichsten zeigen“

— Kristina Spohr, Historikerin

Frage: Wer außer Russen und US-Amerikanern ist denn daran noch beteiligt?

Spohr: Vor allem die Chinesen. Die wollen ihr Land als führende Weltmacht oder einer der Top drei positionieren. Sie fordern mehr und mehr Mitsprache bei global governance, auch in der Arktis in den internationalen Gewässern des Nordpolarmeers. Das bedeutet eine direkte Herausforderung für die europäischen Anrainer Dänemark – mit Grönland – und Norwegen, aber auch die USA, wenn es beispielsweise um die Beringstraße und den Zugang zum Pazifik geht. Die Russen wiederum machen zwar mit den Chinesen große Gas-Geschäfte, haben aber zugleich auch Angst vor einem wachsenden Einfluss Chinas.

Frage: Was sind die Folgen dieser Entwicklungen?

Spohr: Die Gefahr von Konflikten wächst. Wo es starke Spannungen gibt, gibt es meist auch Aufrüstung. Russland und die USA sind schon dabei. Europäische arktische Staaten wie Finnland, Schweden und Norwegen machen sich Sorgen. China versucht, seinen Einfluss auszubauen, wollte schon Flughäfen in Grönland kaufen oder in Island über wissenschaftliche Projekte Fuß fassen. Jeder ist auf der Hut.

Frage: Wenn jeder auf seinen Vorteil bedacht ist, zugleich Klimawandel und Konflikte drohend am Horizont auftauchen, stellt sich die Frage, ob es noch Möglichkeiten zum Dialog gibt.

Spohr: Das wichtigste Gremium dafür ist der 1996 gegründete Arktische Rat. Die Idee der regionalen Kooperation geht unter anderem auch auf die „Murmansk-Initiative“ des damaligen sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow zurück. Er rief Ende der 80er Jahre dazu auf, die Arktis in eine „Zone des Friedens“ zu verwandeln.

Frage: Derzeit scheint es nicht danach auszusehen. Wie positioniert sich eigentlich Wladimir Putin?

Spohr: Seine Infrastruktur- und Rohstoffprojekte in der Arktis und in Sibirien baut er auf Geschichtspolitik auf. Er betreibt den Ausbau des nördlichen Seewegs und des Eisenbahnnetzes nach China und verklärt die Stalin-Ära, indem er etwa auf die heroischen Errungenschaften wie die Transsibirische Eisenbahn verweist. Und wenn er Gefangene zum Beispiel nach Norilsk schickt, um dort Umweltschäden zu beseitigen, ist das keine arktische Umweltpolitik sondern eine Art Rückkehr zur Zwangsarbeit wie im Gulag-System.

Frage: Wie sollte sich Deutschland zu alledem verhalten?

Spohr: Deutschland muss sich als Nato- und EU-Mitglied mit den Entwicklungen in der Arktis beschäftigen und versuchen zu vermitteln, Dialogpolitik in alle Richtungen führen. Denn was dort vonstatten geht, hat Rückwirkungen auf uns alle: auf das Klima, den Zugriff auf Rohstoffe und die politischen Realitäten, gerade auch in Europa.

Weltweit spielt das Wetter verrückt. Dürren, Wirbelstürme und Überschwemmungen sind nur ein kleiner Teil der Auswirkungen des globalen Klimawandels. Gerade jene, die in Armut leben, leiden schon jetzt unter den dramatischen Folgen. Darum setzt sich die Kirche für eine klimafreundliche Gesellschaft in Nord und Süd ein.


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Von Joachim Heinz (KNA)

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