„Beim Recht auf Flüchtlingsschutz darf es keinen Lockdown geben“

  • Flucht und Asyl - 19.06.2021

Die Corona-Pandemie hat auch die Probleme der Schutzsuchenden weltweit verschärft. Und das hat sich ebenfalls auf die katholische Flüchtlingshilfe ausgewirkt. Im Vorfeld des Internationalen Weltflüchtlingstages der Vereinten Nationen am 20. Juni hat die Deutsche Bischofskonferenz am Donnerstag ihren Jahresbericht 2020 zu diesem Thema veröffentlicht. Pandemie hin oder her – „beim Recht auf Flüchtlingsschutz darf es keinen Lockdown geben“, sagte der kommissarische Vorsitzende der Migrationskommission der Bischofskonferenz, der Paderborner Weihbischof Dominicus Meier, im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Frage: Weihbischof Meier, wie hat sich die Corona-Pandemie auf die katholische Flüchtlingshilfe ausgewirkt?

Meier: Eine Kernkompetenz der kirchlichen Flüchtlingshilfe besteht sicherlich darin, zwischenmenschliche Begegnung und Verständigung zu ermöglichen. Hier mussten unter Pandemie-Bedingungen ganz neue Ansätze gefunden werden. Ich bin froh und dankbar, dass sich im Raum der Kirche auch im vergangenen Jahr mehr als 4.400 hauptamtliche Mitarbeiter und rund 35.000 Ehrenamtliche mit Kreativität und Herzblut für die Anliegen schutzsuchender Menschen eingesetzt haben. An ihrem Engagement wird deutlich, was von Christinnen und Christen gefordert ist: auch unter erschwerten Umständen für die Rechte jener einzustehen, deren Menschenwürde in Gefahr ist.

Frage: Inwiefern haben sich die Probleme der Schutzsuchenden, mit denen Sie sich beschäftigen, durch Corona verändert?

Meier: In unseren öffentlichen Debatten wird oft übersehen, dass Flüchtlinge in besonderer Weise unter der Corona-Krise leiden. So ist es für sie infolge der Reisebeschränkungen viel schwerer geworden, in ein sicheres Land zu gelangen und einen Schutzstatus zu erhalten. Und auch für Geflüchtete, die bereits zuvor nach Deutschland gekommen sind, haben sich neue Probleme ergeben. Ich denke hier etwa an Fragen der Bildung, der Gesundheitsversorgung, der Unterbringung oder generell der Integration. Die Pandemie hat gewissermaßen einen „Brennglas-Effekt“: Herausforderungen, die wir bereits vorher kannten, treten nun klarer hervor oder werden verstärkt. Lassen Sie mich dies am Beispiel der Unterbringung verdeutlichen: Die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände haben bereits vor der Pandemie auf die Nachteile von Großunterkünften hingewiesen. In Corona-Zeiten zeigte sich nun: Solche Zentren verhindern nicht nur die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, sondern stellen ein ganz konkretes Gesundheitsrisiko für die darin lebenden Menschen dar.

Flüchtlingsboot in Italien

Claudia Zeisel/weltkirche.de

Frage: Nochmals im Detail: Was hat sich für die Menschen auf dem Weg nach Europa verändert?

Meier: In vielen Herkunfts-, Erstaufnahme- und Transitstaaten hat sich aufgrund der Pandemie die soziale Lage verschlechtert. Das Bedürfnis, in einem sicheren und stabilen Land Aufnahme zu finden, ist dementsprechend größer geworden. Doch mit der Einschränkung von Mobilität sind auch die Möglichkeiten, in Europa Asyl zu beantragen, stark beeinträchtigt worden. Nahezu alle sicheren Zugangswege nach Europa, einschließlich der Familienzusammenführung, wurden vorübergehend versperrt. Wer es dann doch schafft, bis zu den EU-Außengrenzen durchzukommen, erfährt dort vielfach Gewalt und Elend –  sei es auf den griechischen Inseln oder im bosnisch-kroatischen Grenzgebiet. Es ist wichtig, dass kirchliche und zivilgesellschaftliche Akteure immer wieder eine humanitäre Wende in der EU-Flüchtlingspolitik anmahnen, wie es aktuell beispielsweise pax christi mit der Kampagne „Menschenrecht statt Moria“ tut. Beim Recht auf Flüchtlingsschutz darf es keinen „Lockdown“ geben.

Frage: Und wie hat sich Corona auf die Integrationsarbeit in Deutschland ausgewirkt?

Meier: Leider sind in einigen zentralen Feldern der Integration Rückschritte zu befürchten: Ohne persönliche Begegnungen ist es für Geflüchtete umso schwerer, unsere Sprache und Kultur kennenzulernen, soziale Kontakte zu knüpfen und sich im Alltag zurechtzufinden. Für geflüchtete Kinder und Jugendliche war das „Lernen auf Distanz“ oft mit besonderen Hürden verbunden. Und auch auf die Integration in den Arbeitsmarkt hat sich die Pandemie negativ ausgewirkt. Wir brauchen in all diesen Bereichen verstärkte politische, zivilgesellschaftliche und auch kirchliche Anstrengungen, damit wir die pandemiebedingten Probleme in den Griff bekommen und an bisherige Integrationserfolge anknüpfen.

Mit ihrem vielfältigen Engagement im Bereich der Flüchtlings- und Migrantenhilfe steht die Kirche an der Seite aller Schutzbedürftigen und Notleidenden: durch Beratung, Seelsorge, materielle Unterstützung und den stetigen Dialog mit Politik und Gesellschaft.


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Frage: Wo und wie hilft die katholische Kirche konkret?

Meier: Die praktische Hilfe leisten die vielen Tausend Haupt- und Ehrenamtlichen in den Kirchengemeinden, Verbänden und Werken. Ihr Engagement orientiert sich an den vier Verben, mit denen Papst Franziskus den Auftrag der katholischen Flüchtlingshilfe umschrieben hat: „aufnehmen, schützen, fördern, integrieren“. Damit sind auch bereits einige Schwerpunkte umrissen: Es geht darum, Schutzsuchende menschenwürdig aufzunehmen, besonders verletzlichen Gruppen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, Familienzusammenführungen zu unterstützen, im Alltag die gesellschaftliche Teilhabe von Geflüchteten zu ermöglichen und auch auf eine Verbesserung der Situation in den Herkunftsländern und Erstaufnahmestaaten hinzuarbeiten.

Frage: Was bedeutet das in Zahlen?

Meier: 2020 konnten über 150.000 Schutzsuchende durch die kirchliche Flüchtlingshilfe erreicht werden. Die Diözesen haben vergangenes Jahr knapp 38 Millionen Euro für die Unterstützung von Geflüchteten in Deutschland aufgebracht. Hinzu kommt das internationale Engagement der Diözesen und Hilfswerke, für das die Kirche in Deutschland – teils auch gestützt durch staatliche Mittel – 2020 gut 86 Millionen Euro aufgewendet hat. Einen guten Überblick über die katholische Flüchtlingsarbeit seit 2015 bietet eine Arbeitshilfe, die die Deutsche Bischofskonferenz im Frühjahr unter dem Titel „An der Seite der Schutzsuchenden“ veröffentlicht hat.

Frage: Wie geht es weiter? Was ist das Wichtigste für die nächste Zeit in der Flüchtlingshilfe?

Meier: Zunächst einmal müssen wir uns weiterhin für eine solidarische, humanitäre Flüchtlingspolitik in Deutschland und Europa einsetzen. Solange schutzsuchende Menschen an den EU-Außengrenzen den Tod finden, werden die Staaten Europas ihren eigenen Grundwerten nicht gerecht. Mit Blick auf die Situation in Deutschland werden sich nach der Pandemie Integrationsfragen in einem sehr umfassenden Sinne stellen: Den gesellschaftlichen Zusammenhalt aller und die gesellschaftliche Teilhabe der Einzelnen gilt es zu sichern oder neu aufzubauen. Hier kann und muss die Kirche ihren Beitrag leisten. Ganz grundsätzlich stehen wir vor der Aufgabe, die kirchliche Flüchtlingsarbeit unter sich ändernden Umständen fortzusetzen und weiterzuentwickeln. In diesem Zusammenhang wird es wichtig sein, Ehrenamtliche zurückzugewinnen, die ihre Aktivitäten unter Pandemie-Bedingungen verständlicherweise einschränken mussten –  und gleichzeitig auch Orte zu schaffen, an denen neue Formen des Engagements entstehen können. Wenn ich auf die vergangenen fünf Jahre der kirchlichen Flüchtlingshilfe zurückblicke, bin ich zuversichtlich, dass dies gelingen kann.

Kirchliche Flüchtlingshilfe in Zahlen

  • Die Gesamtsumme der Mittel: 123,9 Millionen Euro
    Die 27 (Erz-)Bistümer, die Militärseelsorge und die kirchlichen Hilfswerke haben im Jahr 2020 rund 123,9 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe bereitgestellt: 37,8 Millionen für die Unterstützung der Flüchtlingshilfe im Inland und 86,1 Millionen für die Unterstützung der Flüchtlinge im Ausland. Die Gesamtausgaben bewegen sich damit weiterhin auf einem hohen Niveau.
     
  • Finanzielle Sondermittel (Deutschland): 37,8 Millionen Euro
    Die 27 (Erz-)Bistümer haben insgesamt 37,8 Millionen Euro (einschließlich Sachleistungen mit einem Gegenwert von etwa 1,5 Millionen Euro) für die Unterstützung der Flüchtlingshilfe im Inland aufgebracht: darunter ca. 19,5 Millionen Euro für hauptamtliche Dienste in der Flüchtlingshilfe und in der Begleitung des Ehrenamts, 2,8 Millionen Euro im Bildungsbereich und für die berufliche Ausbildung, 4,5 Millionen Euro zur Unterstützung des ehrenamtlichen Engagements sowie 1,3 Millionen Euro zur Unterstützung von Familienzusammenführungen. Die kirchliche Flüchtlingshilfe erreichte im Jahr 2020 mindestens 154.000 Schutzsuchende.
     
  • Finanzielle Sondermittel (Ausland): 86,1 Millionen Euro
    Die finanziellen Ausgaben für die Unterstützung der Flüchtlinge im Ausland sind im Vergleich zum Vorjahr gestiegen und belaufen sich im Jahr 2020 auf 86,1 Millionen Euro. In diesem Bereich sind vor allem die kirchlichen Hilfswerke tätig, deren Arbeit auch durch staatliche Zuschüsse ermöglicht wird. Daneben engagieren sich die Bistümer durch die Unterstützung von Projekten im Ausland. Die Kirche trägt durch ihr Engagement dazu bei, dass Geflüchtete in den Aufnahmeländern versorgt werden und eine Zukunftsperspektive entwickeln können.
     
  • Hauptamtliche und Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe
    Im Jahr 2020 waren etwas mehr als 4.400 hauptamtliche Mitarbeiter und rund 34.700 Ehrenamtliche in der Hilfe für Geflüchtete tätig. Die Zahl der Ehrenamtlichen ist vor allem aufgrund der Corona-Pandemie und niedriger Zahlen neu ankommender Schutzsuchender gesunken. Letzteres wirkt sich auch auf die Zahl der Hauptamtlichen aus, die in diesem Jahr etwas gesunken ist. Ein weiterer Grund ist die zunehmende Einbettung der Flüchtlingsarbeit in die Regelarbeit bspw. der Migrationsdienste oder anderer kirchlicher Dienste.

Die Fragen stellte Gottfried Bohl (KNA)

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