Die Rufe nach einem eigenen afrikanischen Impfstoff werden lauter

  • Pandemie - 28.02.2021

Seit einer Woche impft Südafrika seine Gesundheitsarbeiter gegen das Coronavirus. Jetzt pochen einige Experten und auch der Präsident auf eine lokale Produktion von Impfstoffen. Diese könne Südafrika, und darüber hinaus den Kontinent, vor Preistreiberei mit dem Serum, Engpässen und sogenanntem „Impf-Nationalismus“ schützen. Doch bis es soweit ist, wird noch eine dritte Welle über die Region hereinbrechen.

Südafrika ist von allen Ländern Afrikas am stärksten von der Pandemie betroffen. Bisher gab es mehr als 1,5 Millionen Infizierte. Um seine Bevölkerung zu impfen, setzt der Schwellenstaat auf eine Mischung aus Direktkäufen von Pharmakonzernen und globalen und kontinentalen Impfinitiativen wie COVAX. Jetzt soll das 60-Millionen-Einwohner-Land unabhängiger werden – zumindest, wenn es nach Präsident Cyril Ramaphosa geht. Der Staatschef ließ vergangene Woche im Parlament in Kapstadt mit seiner Aussage aufhorchen: Man könne nicht ewig „in der Welt umherziehen“, um an Impfungen heranzukommen: „Wir müssen sie hier und jetzt entwickeln.“

Doch Experten sind skeptisch, was Südafrikas Vermögen angeht, einen Impfstoff lokal zu produzieren. „Wie bei so vielem war Südafrika [bei Impfungen] früher einmal relativ autark“, sagt der Virologe Wolfgang Preiser von der Universität Stellenbosch, „doch durch mangelnde Investition beziehungsweise Unfähigkeit und Korruption wurde dies nicht aufrechterhalten.“ Während Indien – ebenfalls als Schwellenland – zur „Apotheke der Welt“ aufstieg, sei Südafrika heute „weit davon entfernt“.

Ein Covid-Impfstoff aus dem südlichen Afrika – also nur der Tagtraum einer Regierung, die in den vergangenen Monaten für ihre träge Impfkampagne Kritik einstecken musste? Nicht ganz. Tatsächlich will das südafrikanische Pharmazieunternehmen Aspen in den kommenden Wochen Impfdosen von Johnson & Johnson vor Ort produzieren. Auch Biovac, ein Gemeinschaftsunternehmen von Regierung und Privatfirmen, verhandelt mit den großen Pharmakonzernen über die Möglichkeit, deren Impfungen in Kapstadt herzustellen.

„Vor diesem Hintergrund und angesichts der Forschungs- und Innovationslandschaft glaubt der Präsident daran, dass wir das Humankapital, die wissenschaftliche Infrastruktur und das Wissen besitzen, die es braucht, um Südafrika selbstständig zu machen“, erklärt Ramaphosas Sprecher, Tyrone Seale, auf Anfrage. Zudem könnte Südafrika durch einen lokalen Impfstoff seinen Beitrag im Kampf gegen die Pandemie leisten.

Noch steckt das Projekt aber in den Kinderschuhen. Der Johnson & Johnson-Impfstoff wird in der südafrikanischen Hafenstadt Port Elizabeth wohl nur in Fläschchen abgefüllt und verpackt. „Fill-Finish“ nennen Pharmakologen diesen Schritt. Um ein produktionsstarkes, autarkes Impfstoff-Unternehmen in Afrika aufzubauen, braucht es laut Experten drei bis fünf Jahre, mehr politischen Willen – und viel Geld: mindestens 165 Millionen Euro, wie Biovac-Geschäftsführer Morena Makhoana nun dem Magazin „Africa Report“ sagte.

Dass sich die Investition lohnen würde, zeigt Südafrikas AstraZeneca-Debakel. Die Regierung in Pretoria hatte eine Million Dosen importiert – nur um kurz darauf festzustellen, dass das Serum kaum gegen die südafrikanische Corona-Variante wirkt. Berichten zufolge hatte das Land mehr als das Doppelte für die Impfdosen bezahlt wie EU-Länder.

Das unterstreicht aus Sicht von Medizinprofessor Graeme Meintjes einen weiteren wichtigen Punkt: „Lokale Impfstudien können Probleme hinsichtlich der Wirksamkeit aufdecken, die andernfalls verbogen geblieben wären.“ An der Uni Kapstadt forscht Meintjes derzeit an dem Covid-Impfstoff der Zukunft: ein Serum, das nicht nur gegen die ursprüngliche Variante wirkt, sondern gleichzeitig gegen Mutationen. Der Hersteller, der amerikanische Pharmakonzern ImmunityBio, testet seinen Wirkstoff nicht nur in den USA und Südafrika, er will – sofern erfolgreich – ebenfalls in Südafrika produzieren.

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Seit dem ersten Auftreten im November 2019 hat sich das Virus Sars-Cov-2 weltweit ausgebreitet. Das bringt gravierende Folgen mit sich, die je nach Land und Weltregion sehr unterschiedlich ausfallen.


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Von Markus Schönherr (KNA)

© Text: KNA