Die längste Luftbrücke der Geschichte endete vor 25 Jahren

  • Südosteuropa - 09.01.2021

Eintausendvierhundertfünfundzwanzig Tage dauerte die Belagerung Sarajevos im Bosnien-Krieg. Nur die Hilfsflüge einiger Nato-Staaten sicherten die Versorgung mit dem Nötigsten. Dabei setzten die Piloten oft ihr eigenes Leben aufs Spiel.

„Innerhalb kürzester Zeit waren die Parks gerodet, für Feuerholz, und auf jedem freien Platz versuchten die Menschen, etwas anzubauen“, erinnert sich Ismar Nesiren später in einem Interview. Acht Jahre alt war der Bosnier, als die gut vierjährige Belagerung Sarajevos durch die bosnischen Serben begann. „Geld wurde von einem Tag auf den anderen völlig wertlos. Nur Lebensmittel und Brennstoffe galten noch als harte Währung.“ Einzige Lebensader in die Stadt ist die internationale Luftbrücke, die am 9. Januar 1996, vor 25 Jahren, endet.

Als serbische Einheiten im Zuge des Bosnien-Krieges im Mai 1992 eine Blockade über den bosnisch-kroatischen Teil Sarajevos verhängen, Ausfallstraßen sperren und Panzer und Granatwerfer auf den umliegenden Bergen postieren, sitzen fast 400.000 Menschen in der Falle. Die Strom- und Wasserversorgung ist gekappt, Lebensmittel erreichen die Stadt nicht mehr. Doch die internationale Gemeinschaft reagiert: Am 3. Juli 1992 beginnt die längste Luftbrücke der Geschichte. Sie dauert 44 Monate. Auch die Bundeswehr beteiligt sich. Für die Luftwaffe ist ein solcher Auslandseinsatz noch alles andere als Routine – sogar gutes Kartenmaterial ist Mangelware.

„Wir hatten kaum etwas zu Essen. Mein Vater nahm 30 Kilo ab“, so Ismar. Hört er den U2-Song „Miss Sarajevo“, tauchen die alten Bilder auf. „In der Stadt musste das Leben weitergehen, und 'Miss Sarajevo' wurde gekürt. Dass die Models alle untergewichtig waren, lag sicher nicht an Magersucht.“

Vom italienischen Ancona, von Zagreb oder Split aus schaffen US-amerikanische, britische, deutsche, französische und kanadische Flieger allein bis zur Jahreswende 1994/95 140.000 Tonnen Lebensmittel und medizinische Hilfsgüter, Decken, Zelte, Planen und Zubehör in die alte Hauptstadt. Derweil zerbröselt sie unter ständigem Artilleriebeschuss der bosnischen Serben. Viele Menschen sterben durch Heckenschützen.

Jeder Weg zu den Verteilstellen für Nahrungsmittel wird für die Eingeschlossenen zum tödlichen Risiko. „Der Nebel war unser bester Verbündeter gegen die Scharfschützen“, erinnert sich Ismar. Sarajevos Hauptstraße erhält in dieser Zeit einen neuen Namen: Sniper Alley – „Scharfschützengasse“.

Nicht nur Bosnier, Serben und Kroaten leben in ständiger Todesgefahr. Auch die Helfer setzen bei jedem Einsatz ihr Leben auf Spiel. Im September 1992 schießen die Belagerer ein italienisches Transportflugzeug im Landeanflug ab, die Besatzung kommt ums Leben. Italien steigt deshalb aus der Luftbrücke aus. Einiges deutet darauf hin, dass die Schützen es eigentlich auf eine Bundeswehr-Transall abgesehen haben.

Im Februar darauf wird tatsächlich ein deutsches Flugzeug beschossen, ein Crew-Mitglied schwer verletzt. Luftbrücken-Piloten begegnen der Bedrohung auf ihre Art: Um so lange wir möglich außerhalb der Reichweite von Schusswaffen zu bleiben, fliegen sie aus 6.000 Metern Höhe fast im Sturzflug den Flughafen an, um die Maschine dann kurz vor dem Boden abzufangen und steil auf der Landebahn aufzusetzen – ein Manöver, das als „Sarajevo-Landung“ berühmt wird. Zwischen April und September 1995 ist die Sicherheitslage so kritisch, dass die Hilfsflüge praktisch ausgesetzt werden müssen.

Zwar fliegen Nato-Maschinen wiederholt Kampfeinsätze gegen die bosnisch-serbischen Truppen, wenn sie etwa trotz internationaler Verbote mit schweren Waffen in Schutzzonen eindringen. Doch den Horror für die Menschen in der Stadt beenden solche Angriffe nicht. Von einer Art „Belagerungs-Romantik“, wie sie aus den Zeiten der Berliner Luftbrücke überliefert ist, fehlt in Sarajevo jede Spur. Dazu lässt der dauernde Granathagel keine Gelegenheit.

Der Bosnien-Krieg wird zum blutigsten der jugoslawischen Zerfallskriege. Allein die Belagerung Sarajevos fordert rund 11.000 Tote, davon 1.600 Kinder. Das Abkommen von Dayton leitet im November 1995 endlich ein Ende des Schreckens ein. Doch bis heute ist Bosnien-Herzegowina ein zwischen Bosniern und Kroaten einerseits und bosnischen Serben andererseits gespaltenes Land. Sarajevo macht da keine Ausnahme. Die Kriegsschäden sind zwar weitgehend behoben, doch zwischen den Volksgruppen fehlt es weiter an stabilen Brücken.

Sarajevo – ein Schicksalsort im 20. Jahrhundert

Die Anfänge von Sarajevo, heute die Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas mit knapp 300.000 Einwohnern, gehen auf das 15. Jahrhundert zurück. Die Stadt entwickelte sich, auch durch jüdischen Zuzug im 16. Jahrhundert, zu einem der wichtigsten Handelszentren auf dem Balkan und zu einem Glanzstück osmanischer Architektur. Auf einen Niedergang im 18. und 19. Jahrhundert folgte eine weitere wirtschaftliche und städtebauliche Blütezeit in der österreichisch-ungarischen Epoche (1878-1918). Um 1910 waren von den rund 50.000 Einwohnern je ein Drittel Muslime und Katholiken, 16 Prozent Serbisch-Orthodoxe und ca. 11 Prozent Juden.

Mehrfach war Sarajevo im 20. Jahrhundert Schauplatz welthistorischer Ereignisse: Im Juli 1914 löste die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand durch den jungen bosnisch-serbischen Nationalisten Gavrilo Princip die sogenannte Juli-Krise aus, die zum Ersten Weltkrieg führte.

Im sozialistischen Jugoslawien wurde Sarajevo massiv zu einem Industriezentrum ausgebaut; die Bevölkerung stieg bis 1991 auf 362.000 Einwohner. 1984 war Sarajevo Austragungsort der Olympischen Winterspiele – auch mit dem Wolfs-Maskottchen „Vucko“ ein internationaler Renommiererfolg Jugoslawiens im Kampf der Systeme. Viele der Olympiastätten wurden später im Bosnien-Krieg beschädigt oder zerstört.

Im Bosnien-Krieg spielte die Stadt eine Schlüsselrolle. Vor dem Krieg bezeichneten sich 50 Prozent der Einwohner als „Muslime“, 25 Prozent als Serben, 13 Prozent als „Jugoslawen“ und knapp 7 Prozent als Kroaten. Im April 1992 wurde Sarajevo von serbischen Soldaten eingekesselt und blieb 1.425 Tage lang eingeschlossen. Am 28. August 1995 explodierte auf dem Marktplatz der Stadt eine serbische Granate; 37 Menschen starben. Der Vorfall sorgte auf seiten der USA für den Entschluss, den Krieg durch die Verhandlungen von Dayton zu beenden.

In der jüngsten Volkszählung von 2013 bezeichneten sich 81 Prozent der Einwohner als Bosniaken, knapp 5 Prozent als Kroaten und knapp 4 Prozent als Serben.

Von Christoph Schmidt (KNA)

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