Mehr als eine Million Menschen in Burkina Faso auf der Flucht

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  • Afrika - 01.12.2020

In den Grenzregionen von Burkina Faso nehmen Gewalt und Terror weiter zu und treiben immer mehr Menschen in die Flucht. Die Versorgung wird zunehmend zum Problem.

Nourata Maiga steht in einem kleinen Hinterhof. Auf der notdürftig hergerichteten überdachten Terrasse sind ein paar Plastikstühle aufgestellt. Vom Nachbargrundstück her klingen die Stimmen einer Gruppe von Jungen herüber, die den Koran rezitieren. In einem großen Blechtopf sind die letzten Reste des Mittagessens. Es gab Reis. Die junge Mutter beobachtet aufmerksam ihre beiden Kinder, die zweijährige Rassidatu und den sechsjährigen Hamadu. Er sollte längst die Schule besuchen – was aber nicht möglich ist. Die Flucht vor den Dschihadisten hat das Leben der Familie komplett auf den Kopf gestellt.

Seit März lebt sie in Pazani, einem Viertel im Norden der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou. Zuvor waren die Angriffe in der Provinz Soum im Norden des Landes unerträglich geworfen. Die 20-Jährige floh zuerst aus ihrem Heimatdorf in die Kleinstadt Arbinda und von dort aus zehn Tage später ins 250 Kilometer südlich gelegene Ouagadougou. „Wir hatten immerzu große Angst, dass sie kommen“, erinnert sie sich an die Terroristen. Oft hätten diese die Männer ermordet und die Frauen vergewaltigt. Die Flucht war der einzige Ausweg, um der permanenten Gewalt zu entkommen.

In Burkina Faso (21,8 Millionen Einwohner) haben nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR knapp 1,05 Millionen Menschen deshalb ihre Heimatorte verlassen. Es sei die am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise weltweit, so die Organisation. Längst nicht alle Geflohenen leben in Camps, sondern häufig in Gastkommunen wie in Pazani. Untergekommen ist Nourata Maiga hier wie Dutzende andere auch durch Kontakte und Familienangehörige. Sie stellten ihr und den Kindern zwar einen Unterschlupf zur Verfügung. Doch zum Überleben ist die Mutter auf private Spenden und auf Unterstützung des Staates und der internationalen Gemeinschaft angewiesen. „Wir leben von einem Tag auf den anderen“, seufzt sie.

„Die Bedürfnisse sind enorm“, weiß Melike Trigg, die beim UNHCR in Burkina Faso für externe Beziehungen verantwortlich ist. Die Ankommenden müssen mit Artikeln des täglichen Bedarfs ausgestattet werden. In Teilen des Landes ist die Versorgung mit Wasser schwierig. Zudem gelte es, Frauen vor sexueller Gewalt zu schützen.

Die Fluchtroute von Nourata Maiga

„Je länger Binnenflüchtlinge da sind, desto mehr werden sie leider zu einer Last“, sagt Hannes Hauser, der das Büro der Austrian Development Agency (ADA) in Ouagadougou leitet. Obwohl sie im Rahmen von Projekten teilweise etwas Kapital erhalten, um sich eine Existenz aufzubauen, sorgen sie nicht für einen Aufschwung in ihren Gastgemeinden. Im Gegenteil: Je länger sie bleiben, desto größer können die Spannungen werden.

Denn in Burkina Faso sind nicht erst durch die Terrorangriffe die Ressourcen knapp. Das Land gehört zu den ärmsten der Welt und belegt im UN-Entwicklungsindex Platz 182 von 189. Gut jeder dritte Burkiner lebt unter der Armutsgrenze und hat weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag zur Verfügung.

Die Angriffe im Norden und Osten verüben verschiedene extremistische Gruppierungen, die in immer größeren Gebieten operieren. Für Unsicherheit sorgen zudem bewaffnete Banditen und auch Selbstverteidigungsmilizen. Von Mali nach Burkina Faso hat sich beispielsweise die Gruppe für die Unterstützung des Islam und der Muslime (JNIM) ausgebreitet. Das Schema läuft oft gleich ab: Anschläge beginnen in Grenzregionen, die schlecht gesichert sind und weit von den Machtzentren entfernt liegen. Staatliche Strukturen sind dort kaum präsent.

Dabei galt Burkina Faso noch als sicher, als sich längst verschiedene Terrorgruppen im Nachbarland Mali etabliert hatten. Es heißt, dass Langzeitherrscher Blaise Compaore (1987-2014) Deals ausgehandelt habe, damit es ruhig bleibt. Unter Präsident Roch Marc Christian Kabore, dessen Amtszeit am 22. November verlängert wurde, gelten diese nicht mehr.

Dabei sei es die wichtigste Aufgabe der Regierung, im ganzen Land für Sicherheit zu sorgen, findet Nourata Maiga: „Es muss endlich etwas geschehen, damit meine Heimatregion wieder sicher ist“, fordert sie. Sie möchte schließlich eins: wieder ein normales Leben führen, in dem ihr Sohn Hamadu endlich zur Schule gehen kann.

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Von Katrin Gänsler (KNA)

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