„Kirche muss existenzrelevant für den Menschen sein“

Monsignore Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken, über christliche Hoffnung während der Corona-Pandemie, über Kirche sein in der Diaspora und über den bundesweiten Diaspora-Sonntag am 15. November.

Frage: In Zeiten der Corona-Pandemie erweist sich gerade die Hoffnung als lebenswichtig. Wie treffend, dass die Diaspora-Aktion in diesem Jahr unter dem Leitwort „Werde Hoffnungsträger“ steht.

Austen: Da haben Sie Recht. Bei der Entscheidung für dieses Leitwort war nicht vorauszusehen, wie prophetisch es sich erweisen würde. Für uns Christen ist die Hoffnung ein grundlegender Wesensvollzug. Hoffnung ist existenzrelevant für den Menschen, wie die Atemluft. Christliche Hoffnung ist verankert in der Botschaft des Evangeliums und atmet den Geist der Befreiung. Mit dem Leitwort der Diaspora-Aktion „Werde Hoffnungsträger“ laden wir dazu ein, diese Zuversicht in die Welt zu tragen. Somit ist der Auftrag der Kirche nicht nur für ein System relevant zu sein, sondern existenzrelevant für den Menschen.

Frage: Wie versuchen sie dieses Leitwort mit Leben zu füllen?

Austen: Christliche Hoffnung heißt, sich aktiv für ein besseres Heute einzusetzen, ohne den Blick auf das Ewige zu verlieren. Es geht darum unsere Hoffnung weiterzutragen und konkrete erfahrbare Hoffnungszeichen zu setzen, in dem wir andere und uns selbst dazu ermutigen, zu Hoffnungsträgern für unsere Mitmenschen zu werden. Und wenn wir genau hinsehen, finden wir an vielen Orten solche Menschen, die bereits jetzt diese wichtige Rolle als Hoffnungsträger für andere eingenommen haben. Gerade in der Diaspora ist es wichtig, Menschen in ihrem Engagement zu unterstützen, damit die Frohe Botschaft des Evangeliums spürbar wird. Konkret sind wir alle aufgefordert, von der Hoffnung zu sprechen, die uns selbst erfüllt.

Frage: Alle gesellschaftlichen und damit auch kirchlichen Bereiche sind von der Corona-Pandemie betroffen. Was bedeutet das für das Glaubensleben?

Austen: Die Corona-Pandemie hat meines Erachtens eine neue Dimension, ja sogar ein Novum geschaffen. Wir alle erleben derzeit ein bisschen, wie es sich wohl anfühlen mag, in der Diaspora zu leben. Vereinzelt, zerstreut, ohne die Möglichkeit in einer großen Gemeinschaft Gottesdienst zu feiern, sich zu treffen um zu singen und gemeinsam zu beten. Aber das heißt nicht, dass wir alleine glauben. Vielmehr sind wir als Glaubensgemeinschaft über alle Grenzen und alles trennende hinaus im Gebet miteinander verbunden. Die Diasporaerfahrung trennt uns nicht, sie bringt uns nicht auseinander, sie schweißt uns tiefer im Glauben zusammen. Trotzdem ist es auf Dauer nicht gut, wenn der Mensch allein ist. Wir sind soziale Wesen, die gerade durch die Beziehungen zueinander geprägt sind und auch daraus Kraft für die Herausforderungen des Alltags ziehen. Ich persönlich habe für mich aus diesem bisherigen Jahr mitgenommen, dass unsere Kirche nicht für jeden systemrelavant zu sein scheint, jedoch ist unsere Kirche, unser Glauben meines Erachtens existenzrelevant für die Menschen.

Frage: Vor welchen Herausforderungen steht aktuell das Bonifatiuswerk?

Austen: Wie auch alle anderen Hilfswerke spüren wir als Bonifatiuswerk die Auswirkungen sehr unmittelbar. Bisher zeichnet sich ein deutlicher Rückgang unserer Kollektengelder durch ausgefallene oder verschobene Erstkommunion- und Firmfeiern ab und dadurch, dass nur eine sehr begrenzte Anzahl an Menschen die Gottesdienste besuchen können, befürchten wir auch einen Rückgang der Spenden zum Diaspora-Sonntag. Daher richte ich meine Bitte an alle, die uns in den vergangenen Jahren solidarisch unterstützt haben, helft uns auch in diesem Jahr. Sollten Sie nicht zum Gottesdienst in die Kirche gehen können, so gibt es auch Möglichkeiten der Online-Spende. Nicht nur wir, sondern vor allem unsere Projektpartner sind Ihnen sehr dankbar dafür.

Diaspora-Aktion

In den Mittelpunkt der diesjährigen Aktion hat das Bonifatiuswerk mit Blick auf den Diaspora-Sonntag am 15. November die Arbeit von Schwester Lydia Kaps und Leonel Oliveira vom Kinder- und Jugendzentrum Don Bosco in Magdeburg gestellt.


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Frage: Können Sie uns ein Beispielprojekt nennen, das in diesem Jahr auf die Spenden aus der Diaspora-Aktion angewiesen ist?

Austen: Trotz Corona geht die Arbeit in unseren Hilfsprojekten weiter. Zudem gibt es pastorale und soziale Projekte, die gerade in dieser herausfordernden Zeit Menschen auf unterschiedliche Weise unterstützen, die wir fördern konnten. Viele Menschen sind auf unsere Solidarität angewiesen, so auch die Kinder und Jugendlichen des Kinder- und Jugendzentrums Don Bosco in Magdeburg. Das Zentrum bietet Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 27 Jahren einen „Anker der Hoffnung“. Hier stehen ihnen die Don Bosco Schwestern zur Seite. Sie hören zu, ermutigen, schenken Begleitung, Bildung und Beheimatung und möchten so dazu beitragen, dass das Leben gelingt – egal aus welchem sozialen Kontext die jungen Besucher stammen. Dafür gibt es ein breites Angebot an Freizeitaktivitäten, Hilfen bei Hausaufgaben, gemeinsames Kochen und bei größeren Problemen ein Beratungsangebot.

Frage: Was wünschen Sie Sich persönlich für die Diaspora-Aktion in diesem Jahr?

Austen: Dass wir erkennen, dass es auch in den bewegten und belasteten Zeiten unserer Kirche vielerorts Glaubensbrüder und -schwestern gibt, die aus der Zuversicht des Glaubens heraus leben und handeln. Zugleich wünsche ich mich mir, dass uns möglichst viele Menschen am bundesweiten Diaspora-Sonntag unterstützen und wir als Bonifatiuswerk auch weiterhin den Menschen in den Diasporaregionen finanziell und ideell zur Seite stehen können.

Das Interview führte Patrick Kleibold.

© Text: Bonifatiuswerk