Kameruns schwierige Suche nach Frieden

  • Afrika - 10.09.2020

Im anglophonen Teil Kameruns gehören schwere Menschenrechtsverletzungen weiter zum Alltag. Daran ändern auch die Bemühungen nichts, einen Dialog zwischen Separatisten und Regierung herzustellen.

Die Informationen sind spärlich und wenig verlässlich. Dennoch finden seit Monaten Gespräche statt, um einen Ausweg aus der Krise im anglophonen Teil Kameruns zu finden. Die Krise, die im Herbst 2016 begann, hat längst mehr als 3.000 Todesopfer gefordert. Nach Schätzung des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind derzeit rund 679.400 Binnenflüchtlinge in den Regionen Nordwest und Südwest auf der Flucht. Weitere 58.777 Menschen sind als Flüchtlinge im Nachbarland Nigeria registriert.

Nach Einschätzung des Norwegischen Flüchtlingsrates (NRC) war der Konflikt in den Jahren 2019 und 2020 die am meisten vernachlässigte Krise weltweit. Der nationale Dialog im Herbst 2019 brachte Beobachtern zufolge keinen Durchbruch.

Für Gespräche zwischen der Regierung von Paul Biya und Anführern der Unabhängigkeitsbewegungen haben sich mehrfach Kirchenvertreter stark gemacht und Initiativen gestartet. Im Juli fand ein Treffen mit Julius Ayuk Tabe, Anführer des selbsternannten Staates Ambazonien, statt, der im Jahr zuvor zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Anschließend sagte der Erzbischof von Bamenda, Andrew Nkea, der an dem Dialog teilgenommen hatte, dem Nachrichtendienst Fides: „Es gibt drei Bedingungen für einen Waffenstillstand. Das Militär muss die englischsprachigen Regionen verlassen und die Kontrolle der Polizei übergeben. Alle Gefangenen, die mit der anglophonen Krise in Verbindung gebracht werden, müssen aus der Haft entlassen werden. Separatisten im Exil erhalten eine Amnestie.“

Doch seitdem tut sich nichts mehr, zumindest nicht offiziell. Nach Einschätzung des nichtstaatlichen Zentrums für Menschenrechte und Demokratie in Afrika (CHRDA), das der kamerunische Aktivist und Rechtsanwalt Nkongho Felix Agbor gegründet hat, verübt das Militär weiter schwere Menschenrechtsverletzungen. In einem Ende August veröffentlichten Bericht heißt es beispielsweise, dass im Viertel Upper Bonduma in der Stadt Buea im Mai vier unbewaffnete junge Männer getötet wurden. Unter den sieben Todesopfern im Dorf Mautu in der Region Südwest waren Mitte August eine Schwangere und ein alter Mann. Die Liste von willkürlichen Verhaftungen und Folter von Zivilisten ist noch länger.

Gewalt wird jedoch auch von den Kämpfern der verschiedenen Unabhängigkeitsbewegungen verübt. Sie fordern die Teilung des 27,7 Millionen Einwohner großen Landes. Wie groß ihr Rückhalt in der Bevölkerung ist, ist allerdings unklar. Vielerorts sorgen auch sie für Angst und Entsetzen. Das machte Mitte August ein Video in Sozialen Netzwerken deutlich, auf dem eine 35-Jährige zu sehen ist. Die Mutter von vier Kindern bittet darin um Gnade. Doch drei Männer foltern sie und schneiden ihr schließlich die Kehle durch.

Corona-Pandemie

In Kamerun wird seit 2016 ein Konflikt um Unabhängigkeit zwischen anglophonen Separatisten und französischsprachiger Zentralregierung gewaltsam ausgetragen. Das Limburger Partnerbistum Kumbo setzt sich für Binnenflüchtlinge in der anglophonen Region ein, die im Zuge der Krise ihre Heimat verlassen mussten.


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In den Regionen Nordwest und Südwest schwelt der Konflikt schon lange. Kamerun war einst deutsche Kolonie und ging 1919 mit dem Versailler Vertrag an den Völkerbund über. Der ließ vier Fünftel von Frankreich verwalten. Der Rest wurde britisches Mandatsgebiet. Im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen im Westen Afrikas im Jahr 1960 stimmte der Süden dem Anschluss an Kamerun zu.

Der kleine Teil im Norden – ebenfalls von den Briten verwaltet – entschied sich indes für die Angliederung an Nigeria. Zwar hat der Konflikt nichts mit Sprachen tun, dennoch fühlten sich die Bewohner des anglophonen Teils schon bald vom französischen Kamerun marginalisiert, etwa bei der Vergabe von Ämtern. 2016 eskalierte die Situation immer mehr, da es Pläne gab, Schul- und Justizsystem zu frankophonisieren.

Kardinal Christian Tumi, emeritierter Erzbischof von Douala, setzt trotz des verworrenen Konflitks auf Dialog. Dazu ruft der 89-Jährige seit Beginn der Krise regelmäßig auf, auf nationaler wie lokaler Ebene. Bei Besuchen in der Region spreche er deshalb auch mit den sogenannten Amba Boys, wie die jungen Männer innerhalb der Unabhängigkeitsbewegungen genannt werden.

„Ich sage ihnen, mit welchen Standpunkten ich übereinstimme und mit welchen nicht“, sagte Tumi zuletzt in einem knapp einstündigen Interview mit dem Sender STV. „Sie haben das Recht auf eine eigene politische Meinung, müssen aber auch lernen, die anderer Menschen zu akzeptieren.“ Wollen sie tatsächlich eine Spaltung des Landes, müsse das auf offiziellem Wege erreicht werden – und zwar mit der Gründung einer politischen Partei und einem Referendum.

Der Kardinal selbst hat jedoch eine andere Sichtweise auf die Unabhängigkeitsbestrebungen: „Wir gehen weiterhin davon aus, dass wir ein Land sind.“ Gleichzeitig fordert er mehr Aufmerksamkeit und Verständnis für die Situation in den Regionen Nordwest und Südwest: „Ein Landesteil ist nicht glücklich, und mit dieser Wunde muss sich das ganze Land befassen.“

Von Katrin Gänsler (KNA)

© Text: KNA