Menschenrechtler fordern Unterstützung für Opfer von Srebrenica

  • Erinnerung - 05.07.2020

25 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica sind Frauen und Kinder nach Einschätzung von Experten weiterhin traumatisiert. Zugleich würden die Probleme der Nachkriegsgeneration kaum beachtet, heißt es in einer am Montag in Göttingen veröffentlichten Dokumentation der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). „Auch die Leugnung dieses schrecklichen Genozids ist in weiten Teilen des ehemaligen Jugoslawien und weit darüber hinaus salonfähig geworden“, sagte die GfbV-Referentin für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung, Jasna Causevic.

Srebenica sei „auch ein Beispiel dafür, wie die internationale Gemeinschaft und die Vereinten Nationen vor und während des Völkermordes von 1995 tragische Fehler gemacht haben“, fügte Causevic hinzu. „Sie haben viel zu spät und dann unzureichend auf den Völkermord reagiert.“ Das Massaker am 11. Juli 1995, bei dem mehr als 8.100 bosnische Männer getötet wurden, gilt als das größte Verbrechen gegen die Menschheit in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Der Jahrestag markiere eine „Wegmarke in der Geschichte Europas“, schreibt der CDU-Menschenrechtsexperte, Michael Brand, in einem Beitrag für die GfbV-Dokumentation. Für Bosnien seien die vergangenen 25 Jahre „auch verlorene Jahre“ gewesen: Die politischen und wirtschaftlichen Eliten hätten sich nach Beruhigung der Konflikte „ihren eigenen persönlichen und politischen Interessen“ gewidmet. Die Feinde der offenen Gesellschaft müssten beim Namen genannt werden, so Brands Forderung: „Wir müssen energisch werden, um das zynische politische Spiel der Eliten auf dem Rücken der Opfer zu beenden.“

Überlebende und Nachkommen von Opfern berichten in der Dokumentation von ihren Erfahrungen. Völkermord sei „ein fortlaufender Prozess“, so die Menschenrechtler: Frauen hätten bei dem Massaker ihre Ehemänner, Brüder, Väter und Söhne verloren, viele Kinder kämpften neben eigenen Traumata mit den Verletzungen ihrer Familien, aber auch mit finanzieller Not. „Einige weigern sich, das Erlebte als Schicksal einer vergessenen Nachkriegsgeneration zu akzeptieren“, heißt es. Zudem seien viele Überlebende frustriert, weil der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien seinen Auftrag, zur Wiederherstellung und Erhaltung des Friedens beizutragen, ihrer Ansicht nach nicht erfüllt habe.

Die Betroffenen appellieren an die Vereinten Nationen, den Weltsicherheitsrat und die Europäische Union, ihr Leid wahrzunehmen. „Wir sprechen auch für die Kinder aus anderen Regionen der Welt, wo Krieg herrschte oder gerade tobt“, heißt es in ihrem Aufruf. Überall seien Kinder die Hauptleidtragenden von Krieg und Vertreibung. „Sie – wir – brauchen dringend Hilfe.“

So müssten die Verantwortlichen für die Versäumnisse der Vergangenheit zur Rechenschaft gezogen werden, fordert die GfbV. Die Überlebenden bräuchten praktische und finanzielle Unterstützung, „um die gewaltige Aufgabe des Wiederaufbaus nach dem Völkermord in Angriff zu nehmen“.

© Text: KNA