Das Leid der Kinder im „Anti-Drogenkrieg“ auf den Philippinen

  • © Bild: Bistum Limburg
  • Menschenrechte - 28.05.2020

Seit dem Amtsantritt von Präsident Duterte 2016 wurden in seinem sogenannten „Anti-Drogenkrieg“ 30.000 Menschen getötet. Leidtragende sind laut einem aktuellen Bericht besonders die Kinder der Getöteten.

Aldrin Castillo wurde am 2. Oktober 2017 als angeblicher Drogenkrimineller in Tondo, einem Armenviertel von Manila, von der Polizei getötet. „Sie haben fünf Kugeln auf ihn abgefeuert“, sagt seine Mutter Nanette Castillo. „Ich habe die Polizei gefragt: „Warum habt ihr meinen Sohn erschossen?“. Sie sagten 'Aus Versehen.'„

Insgesamt wurden laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) seit dem Amtsantritt des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte Ende Juni 2016 mehr als 100 Kinder und Jugendliche im sogenannten Anti-Drogenkrieg getötet. Es sind aber Tausende, die unter dem Drogenkrieg und der Ermordung von Familienmitgliedern leiden. „Viele leiden unter psychischen Belastungen, weil sie mit ansehen mussten, wie ein geliebter Mensch getötet wurde“, heißt es in einem aktuellen Bericht der Organisation. „In der Schule und in ihren Gemeinden sind manche wegen des Stigmas angeblichen Drogenkonsums eines verstorbenen Elternteils Schikanen ausgesetzt.“ Aus Angst um ihr Leben gingen ganze Familien in den Untergrund.

Der Verlust eines Elternteils stürzt die sowieso schon armen Familien häufig in eine noch extremere Armut. „Diese Menschen gehören oft zu den am stärksten marginalisierten Mitgliedern unserer Gesellschaft und der Drogenkrieg marginalisiert sie noch mehr“, zitiert der Bericht den Dekan des Fachbereichs Theologie am Saint Vincent's College in Quezon City, Pater Danilo Pilario.

Soziale Hilfen vom Staat haben Hinterbliebene der Opfer nicht zu erwarten. „Unterstützung erfahren die Kinder und ihre Familien nur durch Programme nichtstaatlicher Gruppen, insbesondere von solchen der römisch-katholischen und der protestantischen Kirchen“, so HRW.

Kritiker des sogenannten Anti-Drogenkriegs leben gefährlich. Bischöfe, Menschenrechtler und Journalisten werden als Kommunisten und potenzielle Umstürzler diffamiert und verfolgt. Die ehemalige Justizministerin und Duterte-Kritikerin Leila de Lima sitzt seit Februar 2017 wegen des Vorwurfs des Drogenhandels im Gefängnis. Jüngstes Opfer ist der populäre, regierungskritische Sender ABS-CBN, den das Duterte-Regime im vergangenen April abschalten ließ.

Die Täter im Anti-Drogenkrieg hingegen bleiben straflos. In gerade einmal 78 Fällen wurden polizeiliche Ermittlungen eingeleitet, berichtet HRW. 33 Fälle kamen vor Gericht, 5 sind in der Schwebe, während 38 schnell eingestellt wurden. Der Mord an dem 17-jährigen Kian delos Santos ist bislang der einzige, der zu einer Verurteilung führte. Wie in den meisten Fällen hatte die Polizei seine Erschießung mit „Notwehr“ gerechtfertigt. Eine Aufnahme des Vorfalls durch eine Überwachungskamera und die Aussage von Zeugen widerlegten die Aussage der Polizisten jedoch eindeutig.

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Delos Santos wurde zum Symbol der Gewalt in Dutertes Drogenkrieg. Nicht zuletzt auch durch Bischof Pablo Virgilio David vom Bistum Kalookan, der die feierliche Beerdigung des Teenagers auf dem katholische La Loma Friedhof leitete und ihm vor der Kathedrale San Roque ein Denkmal setzte. Mit seiner klaren Positionierung gegen den Anti-Drogenkrieg zog sich David den Zorn Dutertes zu. Erst rief der Präsident zum Mord an dem stellvertretenden Vorsitzenden der Bischofskonferenz auf, dann wurde David zusammen mit anderen Bischöfen wegen Volksverhetzung und Putschplänen angeklagt. Die Anklage wurde inzwischen fallengelassen.

Am Ende einer Trauerveranstaltung für Drogenkriegsopfer in der Kirche St. Paul in Tondo bilden die Hinterbliebenen und die Priester einen Kreis, singen ein Kirchenlied, halten in der rechten Hand eine brennende Kerze, während die erhobene Linke zur Faust geballt ist. Unter ihnen ist der neun Jahre alte Santi. Der Junge, dessen Onkel erschossen wurde, weiß sehr genau, dass die Andacht auch ein Widerstand der Armen gegen Ungerechtigkeit und Gewalt ist. „Ich verstehe nicht, warum bei uns in Tondo Menschen einfach erschossen werden“, sagt Santi. „Das kann man nicht hinnehmen.“


Von Michael Lenz (KNA)


© Text: KNA

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